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bemerken, dass diese Fröhlichkeit nur von der leisen Hoffnung herrührte, welche sich in Heinrichs Vorsatz mit einschlich, und dass er, ohne es zu wollen, dennoch im Begriffe war, jene Schlauheit zu begehen, welche er sich nicht zuschulden wollte kommen lassen.

Es war gerade Sonnabend, und der Tag näherte sich seinem Ende. Er nahm sich also vor, noch bis in die Nacht umherzustreifen und am Sonntagmorgen dann guter Dinge zu sein, wieder ein unbefangenes Gesicht zu machen und, sobald sich der günstige Augenblick böte, ihr unter Scherz und lachen sein Bekenntnis abzulegen mit der gemessensten Aufforderung, dass sie sich gar nichts daraus machen und die Sache einzig wie eine kleine Morgenerheiterung aufnehmen solle. Der arme Teufel, wie er sich selbst belog!

Der Sonntagmorgen geriet wunderschön, der reine Himmel lachte durch alle Fenster in das helle Haus, und der Garten blühte schon an allen Enden. Heinrich war wirklich guter Dinge und putzte sich sorgfältiger heraus als gewohnt; er verlor den Mut nicht, da er sich einbildete, nichts erreichen zu wollen, sich allein wie ein Kind auf die herzliche Plauderei freuend, die er ihr vormusizieren wollte, und sich davon ein reines und ungetrübtes Glück und ein ruhiges Leben versprechend. Und es fielen ihm tausend Narrheiten in den Sinn, welche er dazwischenflechten wollte, um Dortchen zu ergötzen, damit sie ja nicht die mindeste Unruhe oder Betrübnis verspüren sollte. So war er in der rosigsten Laune, und das Herz klopfte ihm stark und lebendig, und indem ihm fortwährend neue Witze einfielen, über die er lachen musste, traten ihm zugleich Tränen in die Augen, so sehr freute er sich darauf, ihr nun endlich gegenüber zu sein und mit ihr zu plaudern.

Aber es fand sich, dass Dortchen schon am Sonnabend viele Meilen weit weggefahren war, um eine Freundin zu besuchen, und wenigstens drei Wochen lang wegbleiben wollte. Hilf Himmel! welch ein Donnerschlag! Der ganze schöne Sonntagsfrühling in Heinrichs Brust war mit einem zug weggewischt, die Narrheiten und Witze tauchten unverweilt ihre Köpfe spurlos unter die Flut der dunkelsten Gesinnung, und der blaue Himmel ward schwarz wie die Nacht vor Heinrichs Augen. Das erste, was er tat, war, dass er wohl zwanzigmal den Weg vom Garten nach dem Kirchhofe hin und zurück ging, und er drückte sich dabei genau an die Kante des Pfades, an welcher Dortchen hinzustreifen pflegte mit dem Saum ihres Gewandes. Aber auf diesen Stationen brachte er weiter nichts heraus, als dass das alte Elend mit verstärkter Gewalt wieder da war und alle Vernunft wie weggeblasen. Das Gewicht im Herzen war auch wieder da und drückte fleissig darauf los.

Diese drei Wochen glaubte Heinrich nicht erleben zu können und beschloss, sich so bald als möglich fortzumachen. Er zwang sich deshalb zur Arbeit, so gut es gehen wollte. Zum Glück war dieselbe vor dem Liebeswetter schon so weit gediehen, dass es nur der fortgesetzten Anstrengung weniger Tage bedurfte, um zu Ende zu sein; allein wenn Heinrich unter bitteren Schmerzen eine Stunde gemalt hatte, musste er die Pinsel wegwerfen und in den Wald hinauslaufen, um sich wieder zu verbergen; denn unter den Menschen wusste er nicht, wo er hinsehen sollte. So brauchte er dennoch volle drei Wochen, bis er fertig war, und diese schienen ihm volle drei Jahre zu dauern, während welcher er tausend Dinge und doch immer ein und dasselbe lebte und dachte. Wenn es schönes Wetter war, so machte ihn der blaue Himmel und der Sonnenschein noch tausendmal unglücklicher, und er sehnte sich nach Dunkelheit und Regengüssen, und traten diese ein, so hoffte er auf den Sonnenschein, der ihm helfen würde. Überdies begann er allerlei Unstern zu haben, da er fortwährend zerstreut war. So trat er eines Tages fehl, als er einen steilen Klippenpfad heruntersteigen wollte, und torkelte wie ein Sinnloser über die Felsen hinunter, dass er nicht wusste, wie er unten ankam, und ihm die Sinne vergingen. Dies kränkte und schämte ihn so heftig, dass er elendiglich zu weinen anfing. Ein andermal eilte und klomm er hastig den Berg hinauf, immer höher, um weiter in das Land hinauszusehen, als ob er alsdanm Dortchen entdecken könnte, und als er endlich ganz oben angelangt und sie nirgends sah, legte er sich auf den Boden und schluchzte jämmerlich, und das Unwetter tobte so heftig in ihm, dass es ihn emporschnellte und herumwarf, wie eine Forelle, die man ins grüne Gras geworfen hat und die nach wasser schnappet. Wiederum ein andermal setzte er sich auf einen verlassenen Pflug, welcher in einer angefangenen Ackerfurche lag, und machte ein trübseliges Gesicht; denn er begriff nicht, wie jemand noch Freude daran finden könne, zu pflügen, zu säen und zu ernten, und er machte allem Lebendigen umher Leerheit, Nichtigkeit und Seelenlosigkeit zum Vorwurf, da er Dortchen nicht hatte. Da schlenkerte ein vergnügt grinsender Feldlümmel daher, der ein irdenes Krüglein an einem Stricke über der Schulter trug, stand vor ihm still, gaffte ihm in das betrübte Gesicht und fing endlich an, unbändig zu lachen, indem er sich mit dem Ärmel die Nase wischte. Schon das arme Krüglein tat Heinrich weh in den Augen und im Herzen, da es so stillvergnügt und unverschämt am rücken dieses Burschen baumelte; wie konnte man ein solches Krügelchen umhertragen, da Dortchen nicht im land war? Da nun der grobe Gesell nicht aufhörte, dazustehen und ihm ins Gesicht zu lachen, stand Heinrich auf, trat weinerlich und