, dass sie mich gar nicht leiden mag! Und dennoch, welch ein praktischer Kerl bin ich gewesen, als ich so teoretisch, so ganz nach dem Schema liebte und ein grünes Bürschchen war! Wie unverschämt hab ich da geküsst, die Kleine und die Grosse, zum Morgen- und Abendbrot! Und jetzt, da ich so manches Jahr älter bin und diese schöne und gute person liebe, wird es mir schon katzangst, wenn ich nur daran denke, sie in unbestimmter Zeit irgendeinmal küssen zu dürfen, o weh, und doch möchte ich lieber den Kopf in das Grab stecken, wenn dieses mir nicht geschehen kann! Nicht einmal weiss ich mehr es anzufangen, ein Sterbenswörtchen gegen sie hervorzubringen!"
Dann starrte er wieder über das Land hinaus; doch kaum waren einige Minuten vergangen, während welcher er neugierig eine Wolke oder einen Gegenstand am Horizonte betrachtet oder auch ein schwankendes Gras zu seinen Füssen, so kehrten die Gedanken wieder zu ihrer alten Last zurück; denn Dortchens goldenes hartes Bild lag so schwer in seinem Herzen, dass es ein Loch in selbes zu reissen drohte und nicht erlaubte, dass die Gedanken länger anderswo spazierengingen.
Obgleich er im grund dies gern litt und geschehen liess, so gedachte er doch nicht, sich daran aufzureiben, und begann andere saiten aufzuziehen, indem er endlich bestimmt und deutlich festzustellen suchte, dass Dorotea gewiss nichts für ihn fühlte und dass ja auch gar kein vernünftiger Grund vorhanden sei, das etwa sich einzubilden. Er musterte ihr Betragen durch und bestärkte sich schmerzlich in dieser unerbaulichen Ansicht, da er ganz mürbe und demütig geworden war und jetzt nicht das geringste Liebenswürdige an sich fand. So bitter dieser selbstgemischte Trank anfangs zu trinken war, so brachte er doch einige Ruhe zurück, infolge derer die eingeschlafene Vernunft auch wieder auftauchte und den Aufgeregten in ihre kühlenden arme nahm.
Was dem einen recht, ist dem andern billig, und Wie du mir, so ich dir, sind die zwei goldenen Sprüche auch in Liebeshändeln, wenigstens bei gesunden und normalen Menschen, und die beste Kur für ein krankes Herz ist die unzweifelhafte Gewissheit, dass sein Leiden nicht im mindesten geteilt wird. Nur eigensinnige, selbstsüchtige und krankhafte Verfassungen laufen Gefahr, sich aufzulösen, wenn sie durchaus nicht geliebt werden von denen, auf die sie ihr Auge geworfen. Aber was hätte sein können und nicht geworden ist, macht wirklich unglücklich, und kein Trost hilft, dass die Welt weit sei und hinter dem Berge auch noch Leute wohnen; denn nur das Gegenwärtige, was man kennt, ist heilig und tröstlich, und es ist jammerschade um jedes totgeborene Lebensglück.
Da nun der verliebte Heinrich bei sich ausgemacht hatte, dass Dortchen gar nicht an ihn denke, ward er um vieles ruhiger und befand sich am sechsten Tage seines Lebens in der Wildnis schon so weit, dass er darüber ratschlagen konnte, ob er, zum Danke für ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit, es ihr sagen wolle oder nicht. Er gedachte sich im ersten Falle wieder auf einen unbefangenen und guten Fuss mit ihr zu setzen und ihr alsdann gelegentlich, eh er abreiste und wenn sie einmal recht artig gegen ihn wäre, lachend und manierlich zu gestehen, welchen Rumor sie ihm angerichtet, und ihr zugleich zu sagen, sie sollte sich nicht im geringsten darum kümmern, er habe es ihr nur sagen wollen, um ihr vielleicht eine kleine Freude zu machen, die sie so sehr verdiene; im übrigen sei nun alles wieder gut und er wohl und munter! Vor Spott und Schadenfreude war er sicher bei ihr, jedoch tauchte ihm sogleich die Besorgnis auf, man dürfte am Ende ein solches Geständnis doch für eine verkappte ernstliche Liebeserklärung und angelegte Schlauheit ansehen. Diese idee machte ihn sogleich wieder traurig, da er nun es doch verschweigen musste, und wie er dies einsah, schien es ihm erst unmöglich zu sein und seine Gemütsruhe nur dann wieder erreichbar, wenn er sein bestandenes Ungewitter bekennen durfte, am liebsten der Erregerin desselben selbst. Auch schien ihr diese Kunde durchaus von Rechts wegen zu gebühren, und Heinrich war ihr so gut, dass er ihr ohne allen Eigennutz nicht das Geringste entziehen mochte, was ihr zukam. Daher rief er endlich "Ich sag es ihr doch!" Aber dann fürchtete er wieder, es möchte dennoch ein Missverständnis hervorgerufen werden und er endlich unter einem schlimmen Eindruck aus dem haus abziehen müssen, und er rief wieder "Nein! Ich sag es doch nicht! Was geht es sie an?" Endlich nahm er ein flaches rundes Steinchen aus dem klaren Bächlein, das auf einer Seite rosenrot und auf der anderen Seite milchweiss gefärbt war mit blauen Äderchen, und warf selbiges in die Höhe. Wenn die rote Seite oben läge, wollte er reden, wenn die weisse, wollte er schweigen. Die weisse Seite lag oben, und Heinrich war wieder ganz unglücklich, als sie da in der Sonne glänzte. "Ach", flüsterte er, "dies ist nichts! wer wird alles auf einen Wurf wagen? Dreimal will ich werfen und dann gewiss nicht mehr!" Und er warf wieder und abermals weiss. Zögernd und seufzend warf er zum dritten Mal, da glänzte es rot, und ebenso rot ward sein Gesicht, und eine unaussprechliche Freude strahlte auf demselben. "O nun will ich es ihr sagen!" sagte er, und ein Stein fiel ihm vom Herzen, und er dachte, nun wäre alles gut.
Der Herzenskundige wird hier wohl