frei, und zwar gänzlich, wenn Dortchen zugegen war; alsdann war es ihm wohl, und er verlangte nichts weiter und sprach auch wenig mit ihr. Damit war ihr jedoch, als einem weib, nicht gedient. Sie fing an, allerlei kleine Teufeleien zu verüben, an sich ganz unschuldige Kindereien in Bewegungen oder Worten, welche einem vermehrten guten Humor zu entspringen schienen, aber ebensowohl täglich heller eine urgründliche Anmut und Beweglichkeit des Gemütes verrieten als auch mit einer federleichten Wendung zeigten, dass sie tausend unergründliche Nücken unter den Locken sitzen hatte. Wenn nun erst die offene und klare Herzensgüte, das, was man so die Holdseligkeit am weib nennt, einen Mann gewinnt und gänzlich in Beschlag nimmt, so bringen ihn nachher, wenn er in seiner Einfalt entdeckt, dass die Geliebte nicht nur schön, gut und huldvoll, sondern auch gescheit und nicht auf den Kopf gefallen sei, diese fröhliche Bosheit des Herzens, diese kindliche Tücke vollends um den Verstand und um alle Seelenruhe, da es nun total entschieden scheint, ohne diese sei das Leben fürhin leer und tot. So ging auch Heinrich abermals ein neues Licht auf, und es befiel ihn ein heftiger Schrekken, nun ganz gewiss nie wieder ruhig zu werden, da er gerade dies kurzweilige Frauenleben nicht sein nennen könne. Denn wenn die Liebe nicht nur schön und tief, sondern auch recht eigentlich kurzweilig ist, so erneut sie sich selbst durch tausend kleine Züge und Lustbarkeiten in jedem Augenblick das bisschen Leben hindurch und verdoppelt den Wert desselben, und nichts macht trauriger, als ein solches Leben möglich zu sehen, ohne es zu gewinnen, ja die allertraurigsten Leute sind die, welche das Zeug dazu haben, recht lustig zu sein, und dennoch traurig sein müssen aus Mangel an guter Gesellschaft.
Wie nun Heinrich an diesen Spielereien und Nekkereien aller Art sich sonnte, die oft in nichts anderm bestanden, als dass Dortchen eine Münze oder Glas zum Tanzen brachte und gegen ihn hin dirigierte, worauf er dem Gegenstand einen Nasenstüber gab, dass er wieder zurückflog, musste er sich tausendmal in acht nehmen, sie nicht drum anzusehen, wenn das Geldstück umgepurzelt war, und über dem kindisch leichten Tun sein schweres Geheimnis zu verraten. Desnahen hielt er sich gewaltsam zurück; aber das tat ihm so weh, dass er aus Verzweiflung unartig und launisch wurde und sich die schönsten Stunden unwiederbringlich verdarb.
Nun glaubte er sich zu heilen, wenn er sich Dortchens Gegenwart entzöge, und fing an, das es erklärter Frühling war, frühmorgens wegzugehen, sich den ganzen Tag im land umherzutreiben und erst in der Nacht zurückzukehren, wenn schon alles schlief. Nachdem er dies einige Tage zu seiner grossen Qual getan, trieb es ihn, Doroteen wiederzusehen, und er fand sich bei Tisch ein; aber er war nun ganz verschüchtert, und weil, wie man in den Wald ruft, es widertönt, so fing Dortchen auch an, sich zurückzuhalten, und schien sich nicht viel mehr daraus zu machen, mit Heinrich zu verkehren. Stracks verzog er sich wieder in die Wälder und blieb drei Tage dort, während welcher er nur in der Nacht zurückkehrte. Das Holz fing sachte an zu knospen, und der braune Boden bedeckte sich schon vielfältig mit Blumen. Heinrich verkroch sich an einem wilden steinigen Abhange, der den ganzen Tag an der Sonne lag, unter ein hohes Gebüsch, durch welches eine klare Quelle rieselte. Dort hockte er im verborgenen, stierte über die duftigen Gehölze und Felder weg nach dem glänzenden dach des Landhauses in weiter Ferne und grübelte unaufhörlich über sein Unheil. Er fing an, sich zu vergessen und sich nicht mehr zu beherrschen; bisher hatte er, als ein wohlgeschlossener junger Mensch, noch nie laut gedacht oder vor sich hingesprochen; jetzt zwitscherte und flüsterte er unaufhörlich, wo er ging und stand, und als er dies endlich entdeckte, war es ihm schon zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden und schaffte ihm einige Erleichterung, weil die stille Luft wenigstens seine Gedanken hören konnte, da sonst niemand auf der Welt dieselben zu ahnen und zu erraten schien. Selbst der Graf befragte ihn gar nicht, was er hätte, und tat, als ob er gar nichts bemerkte von Heinrichs verändertem Wesen.
"Oh", sagte dieser unter den Bäumen, "was für ein ungeschickter und gefrorner Christ bin ich gewesen, da ich keine Ahnung hatte von diesem leidvollen und süssen Leben! Ist diese Teufelei also die Liebe? Habe ich nur ein Stückchen Brot weniger gegessen, als Anna krank war? Nein! Habe ich eine Träne vergossen, als sie starb? Nein! Und doch tat ich so schön mit meinen Gefühlen! Ich schwur, der Toten ewig treu zu sein; hier aber wäre es mir nicht einmal möglich, dieser Treue zu schwören, solange sie lebt und jung und schön ist, da dies sich ja von selbst versteht und ich mir nichts anderes denken kann! Wäre es hier möglich, dass meine Neigung und mein Wesen in zwei verschiedene Teile auseinanderfiele, dass neben dieser mich ein anderes Weib auch nur rühren könnte? Nein! Diese ist die Welt, alle Weiber stecken in ihr beisammen, ausgenommen die hässlichen und schlechten!
Wenn diese schwer erkranken oder gar sterben sollte, würde ich alsdann imstande sein, dem traurigen Ereignis so künstlerisch zuzusehen und es zu beschreiben? O nein, ich fahle es! Es würde mich brechen wie einen Halm, und die Welt würde sich mir verfinstern, selbst wenn ich bestimmt wüsste