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, mit leichtem Herzen und grossem Behagen, und die sich so oft gestellte Frage, ob er an sich gut sei, glaubte er sich nun freundlich beantworten zu dürfen, da er nicht die mindeste Veränderung und Bewegung an sich empfand und sich von Grund aus weder um ein Haar besser noch schlimmer vorkam, seit er das halbe Wesen und das peinliche Polemisieren mit dem Gott in seiner Brust aufgegeben.

So verging der Winter in mannigfacher, aber ruhiger Bewegung. Der Pfarrer, welcher mit humoristischem Zorne den grünen Fremdling seine Fahne verlassen sah, fand sich noch öfter im Herrenhause ein und suchte durch einen Sprühregen von Angriffen und Witzkompositionen den Flüchtling zu bedrängen und einzufangen. Vorzüglich ging er darauf aus, die Welt unter dem Gesichtspunkte seiner Zuhörer als heillos nüchtern, trivial und poesielos darzustellen, und um zu zeigen, wie ganz anders sie sich ausnehme im Lichte eines innigen Gottesglaubens, nahm er energische phantasievolle Mystiker zu Hilfe, in welchen er weniger als Christ denn als geistreicher Liebhaber sehr belesen war. Er brachte wiederholt dergleichen her und war sehr willkommen damit, da, wenn man sich einmal über solche Gegenstände unterhält, alles, was aus ganzem Holze geschnitten ist, gleich wichtig erscheint, belehrt und erbaut. So werden auch stets ein recht herzlicher glühender Mystiker und ein rabiater Ateist besser miteinander auskommen und grösseres Interesse aneinander haben als etwa ein dürrer ortodoxer Protestant und ein flacher Rationalist, weil jene beiden gegenseitig wohl fahlen, dass ein höherer spezifischer Wert in ihnen treibt und durchscheint.

So hatte er des Angelus Silesius Cherubinischen Wandersmann in das Haus gebracht, und die kleine Gesellschaft empfand die grösste Freude über den vehementen Gottesschauer, seine lebendige Sprache und poetische Glut. Diese unbefangene Freude ärgerte aber gerade den guten Pfarrer und wollte ihm gar nicht passen, und er ergriff eines Abends das Büchlein und begann um so eindringlicher und nachdrücklicher daraus vorzulesen, als ob die Leutchen bis jetzt gar nicht gemerkt, was sie eigentlich läsen. Als er sich etwas müde geeifert, nahm Heinrich das Buch auch in die Hand, blätterte darin und sagte dann "Es ist ein recht wesentliches und massgebendes Büchlein! Wie richtig und trefflich fängt es sogleich an mit dem Distichon: 'Was fein ist, das besteht!' Rein wie das feinste Gold, steif wie ein Felsenstein, Ganz lauter wie Kristall soll dein Gemüte sein. Kann man treffender die Grundlage aller dergleichen Übungen und Denkarten, seien sie bejahend oder verneinend, und den Wert, das Muttergut bezeichnen, das man von vornherein hinzubringen muss, wenn die ganze Sache erheblich sein soll? Wenn wir uns aber weiter umsehen, so finden wir mit Vergnügen, wie die Extreme sich berühren und im Umwenden eines ins andere umschlagen kann. Da ist Ludwig Feuerbach, der bestrickende Vogel, der auf einem grünen Aste in der Wildnis sitzt und mit seinem monotonen, tiefen und klassischen Gesang den Gott aus der Menschenbrust wegsingt! Glaubt man nicht, ihn zu hören, wenn wir die Verse lesen: Ich bin so gross als Gott, Er ist als ich so klein: Er kann nicht über mich, ich unter Ihm nicht sein. Ferner: Ich weiss, dass ohne mich Gott nicht ein Nun kann

leben,

werde ich zunicht, er muss vor Not den Geist

aufgeben.

Auch dies: Dass Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen, Hat Er sowohl von mir als ich von Ihm empfangen. Und wie einfach wahr findet man das Wesen der Zeit besungen, wenn man das Sinngedichtchen liest:

'Man muss sich überschwenken'

Mensch! wo du deinen Geist schwingst über Ort und

Zeit,

So kannst du jeden blick sein in der Ewigkeit. Besonders aber dies:

'Der Mensch ist Ewigkeit'

Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse. Alles dies macht beinahe vollständig den Eindruck, als ob der gute Angelus nur heute zu leben brauchte und er nur einiger veränderter äusserer Schicksale bedürfte, und der kräftige Gottesschauer wäre ein ebenso kräftiger und schwungvoller Nichtschauer und Feuerbachianer!"

"Das wird mir denn doch zu bunt", schrie der Pfarrer, "aber Sie vergessen nur, dass es zu Schefflers zeiten denn doch auch schon Denker, Philosophen und besonders auch Reformatoren gegeben hat und dass, wenn eine kleinste Ader von Verneinung oder liberaler Humanität in ihm gewesen wäre, er schon vollkommen gelegenheit gehabt hätte, sie auszubilden!"

"Sie haben recht!" erwiderte Heinrich, "aber nicht ganz in Ihrem Sinne. Was ihn abgehalten hätte und wahrscheinlich noch heute abhalten würde, ist der Gran von Frivolität und Geistreichigkeit, mit welcher sein glühender Mystizismus versetzt ist; diese kleinen Elementchen würden ihn bei aller Energie des Gedankens auch jetzt noch im mystischen Lager festalten!"

"Frivolität!" rief der Pfarrer, "immer besser! Was wollen Sie damit sagen?"

"Auf dem Titel", versetzte Heinrich, "benennt der fromme Dichter sein Buch mit dem Zusatz Geistreiche Sinn- und Schlussreime. Allerdings bedeutet das Wort geistreich im damaligen Sprachgebrauch etwas anderes als heutzutage; wenn wir aber das Büchlein aufmerksam durchgehen, so finden wir, dass es in der Tat auch im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zuwenig einfach ist, so dass jene Bezeichnung jetzt wie eine ironische, aber richtige Vorbedeutung erscheint. Dann sehen Sie aber die Widmung an, die Dedikation an den lieben Gott, worin der Mann seine hübschen Verse Gott dediziert, indem er ganz die Form nachahmt, selbst im Drucke,