1853_Keller_151_288.txt

zu sein.

Doch kannegiesserte er seit jenem Tage noch öfter mit dem Grafen über den lieben Gott. Der wahrhafte kluge Edelmann lehnte zwar durchaus ab, ihn belehren und überzeugen zu wollen, und wich seinen Anmutungen gelassen aus. Nur eines Tages wurde er etwas wärmer, als Heinrich anfing "Ich habe, seit ich in Ihrem haus bin, wieder viel mit meiner Selbstsucht zu kämpfen, indem ich nach alter eingewurzelter Gewohnheit immer dem lieben Gott für das Gute danken möchte, das er mir erwiesen. Denn obschon ich mir schon seit längerer Zeit widerstand und meine kleinen persönlichen Erlebnisse nicht mehr einer unmittelbaren Lenkung Gottes zuschreiben mochte, so verlockt mich das, was mir hier geschah, dennoch immer wieder dazu, und ich muss manchmal lachen, wenn ich bedenke, welch ein lustiges und liebliches Schauspiel es für den guten weisen Gott sein muss, zu sehen, wie ein junger Mensch ihm gern für etwas Gutes danken möchte und sich ganz ehrlich dagegen sperrt aus lauterer Vernunftmässigkeit! Warum macht er sich aber auch so närrische Geschöpfe!"

Der Graf sagte "Ich muss Ihnen diesmal, ganz abgesehen vom lieben Gott, wirklich eine Zurechtweisung angedeihen lassen. Die Christen lehren von ihrem Standpunkt aus ganz praktisch und weise, dass man, so schlecht es einem auch erginge und so lange sich auch Gottes Hilfe zu entziehen scheine, nie an ihm verzweifeln müsse, da er dennoch immer da sei. Was dem einen recht, ist dem andern billig! Warum, wenn wir in neunundneunzig Fällen, wo es uns schlimm ergeht, wo kein glücklicher Stern, d.h. kein guter Zufall uns begünstigt, uns mit der Vernunft und notwendigkeit trösten und unsere tüchtige feste Haltung rühmen, warum denn im hundertsten Falle, wo einmal ein schönes und glückhaftes Ungefähr uns lacht, alsdann stracks an der Vernunft zu verzweifeln, an der natürlichen Schickung der Dinge, an unserer eigenen gesetzmässigen Anziehungskraft für das uns Angenehme und Nützliche? Ist die Vernunft, welche uns über neunundneunzig unangenehme Dinge hinweggeholfen hat, nicht mehr da, wenn das hundertste Ding ein angenehmes ist? Diese Art zu denken und zu danken ist eigentlich eher eine Blasphemie; denn indem wir für das eine glückliche Ereignis danken, schieben wir dem Schöpfer ja alle die schlimmen und schlechten Erfahrungen mit in die Schuhe. Daher sind nur die asketischen Christen im Rechte, welche dem Gotte auch für das Übel inbrünstig danken. Dieses tun unsere aufgeklärten Herren Deisten aber doch nicht, sie verdanken ihrem Gotte das Unglück nicht im mindesten, und er ist nur ihr Sonntags- und Freudengott.

Was nun Ihren lieben Gott betrifft, lieber Heinrich, so ist es mir ganz gleichgültig, ob Sie an denselben glauben oder nicht! Denn ich halte Sie für einen so wohlbestellten Kauz, dass es nicht darauf ankommt, ob Sie das Grundvermögen Ihres Bewusstseins und Daseins ausser sich oder in sich verlegen, und wenn dem nicht so wäre, wenn ich denken müsste, Sie wären ein anderer mit Gott und ein anderer ohne Gott, so würden Sie mir nicht so lieb sein, so würde ich nicht das Vertrauen zu Ihnen haben, das ich wirklich empfinde.

Dies ist es auch, was diese zeiten zu vollbringen und herbeizuführen haben nämlich vollkommene Sicherheit des menschlichen Rechtes und der menschlichen Ehre bei jedem Glauben und jeder Anschauung, und zwar nicht nur im Staatsgesetz, sondern auch im persönlichen vertraulichen Verhalten der Menschen zueinander. Es handelt sich heutzutage nicht mehr um Ateismus und Freigeisterei, um Frivolität, Zweifelsucht und Weltschmerz, und welche Spitznamen man alles erfunden hat für schwächliche und kränkliche Dinge! Es handelt sich um das Recht, ruhig zu bleiben im Gemüt, was auch die Ergebnisse des Nachdenkens und des Forschens sein mögen, und unangetastet und ungekränkt zu bleiben, was man auch mit wahrem und ehrlichem Sinne glauben mag. übrigens geht der Mensch in die Schule alle Tage, und keiner vermag mit Sicherheit vorauszusagen, was er am Abend seines Lebens glauben werde! dafür haben wir die unbedingte Freiheit des Gewissens nach allen Seiten!

Aber dahin muss die Welt gelangen, dass sie mit eben der schuldlosen guten Ruhe, mit welcher sie ein neues Naturgesetz, einen neuen Stern am Himmel entdeckt, auch die Vorgänge und Ergebnisse in der geistigen Welt hinnimmt und betrachtet, auf alles gefasst und stets sich gleich als eine Menschheit, die da in der Sonne steht und sagt Hier stehe ich!"

Auf fast ganz weibliche Weise schlüpfte Heinrich in die Grundsätze derer hinein, die er liebte und die ihm wohlwollten, und dies war wohl weniger unmännliche Schwäche als der allgemeine Hergang in diesen Dingen, wo die besten Überzeugungen durch den Einfluss honetter und klarer Persönlichkeit vermittelt werden. War doch der Graf selbst, der gewiss ein Mann war, durch das Wesen eines kleinen unwissenden Mädchens zu seiner Abrechnung veranlasst worden. Doch wollte Heinrich nicht hinter ihm zurückbleiben und studierte, wohl aufgelegt und von einer anhaltenden neigungsvollen Wärme durchdrungen, die geschichte des teologischen und philosophischen Gedankenganges der neueren Zeit, wobei ihm jede Erscheinung, jedes Für und Wider, insofern sie nur ganzer und wesentlicher natur waren, gleich lieb und wichtig wurden, und nur das Naseweise, Inquisitorische und Fanatische in jeder Richtung widerte ihn an.

Die Kultur der Religionen vermag die Völker nur aus dem Gröbsten zu hobeln und zu verändern. Auf einer gewissen Stufe angekommen, hat jeder Mensch seinen bestimmten Wert, welcher nicht um ein Quentchen verliert oder gewinnt, ob er diesen Wert in oder ausser sich sucht. Dies empfand Heinrich, wie der Graf ihm gesagt