, verlockte sie seine Eitelkeit auf das Eis, wo sein Witz das Bein brach.
Heinrich ward hierüber etwas verdutzt und verwirrt und wusste sich nicht recht in diesen Ton zu finden, auch wusste er anfangs nicht, worum es sich handelte, bis eines Mittags, als Dorotea in ebenso zarter als fröhlicher Weise den Pfarrer verführte, ihr allerlei seltsame und abenteuerliche Beweise für die Unsterblichkeit aufzuzählen, der Graf sagte "Sie müssen nämlich wissen, lieber Heinrich, dass Dortchen ganz auf eigene Faust nicht an die Unsterblichkeit glaubt, und zwar nicht etwa infolge angelernter und gelesener Dinge oder durch meinen Einfluss, sondern auf ganz originelle Weise, sozusagen von Kindesbeinen an!"
Dorotea schämte sich wie ein Backfischchen, dessen Herzensgeheimnis man verraten hat, und drückte das rotgewordene Gesicht auf das Tischtuch, dass die schwarzen Locken sich auf der weissen Fläche ausbreiteten.
Dieser Vorgang machte auf Heinrich einen Eindruck, der aus Verwunderung und Überraschung gemischt war und jenen angenehmen Schrecken herbeiführte, welcher uns befällt, wenn wir entdecken, dass eine geliebte person Eigentümlichkeiten und Nücken im Gemüte führt, von denen wir uns bei aller Bewunderung nichts träumen liessen. Er vermochte aber gar nichts dazu zu sagen, und erst als er nach Tisch mit dem Grafen durch die Gegend strich, befragte er ihn um das Nähere.
"Es ist in der Tat so", erwiderte derselbe; "seit sie ihr Urteil nur ein bisschen rühren konnte und diese Dinge nennen hörte, wir wissen die Zeit kaum anzugeben, sagte sie mit aller Unbefangenheit, aus dem kindlichsten und reinsten Herzen heraus, dass sie gar nicht absehen und glauben könne, wie die Menschen unsterblich sein sollten. Es kommt allerdings oft vor, dass rechtliche Leute aus allen Ständen dies ursprüngliche schlichte Vergänglichkeitsgefühl ohne weiteres aus der natur schöpfen und, ohne skeptischer oder kritischer Art zu sein, dasselbe unbekümmert bewahren wie eine allereinfachste handgreifliche Wahrheit. Aber so lieblich und natürlich ist mir diese Erscheinung noch nie vorgekommen wie bei diesem kind, und ihre unschuldige gemütliche Überzeugung, die so ganz in sich selbst entstand, veranlasste mich, der ich Gott und Unsterblichkeit hatte liegenlassen, wie sie lagen, meinen philosophischen Bildungsgang noch einmal vorzunehmen und zu revidieren, und als ich auf dem Wege des Denkens und der Bücher wieder da anlangte, wo das Kindsköpfchen von haus aus gewesen, und Dortchen mir über die Schulter mit in die Bücher guckte, da war es erst merkwürdig, wie sich das bestärkte und bestätigte Gefühl in ihr gestaltete. Wer sagt, dass es keine Poesie gebe ohne den Glauben an die Unsterblichkeit, der hätte sie sehen müssen; denn nicht nur das Leben und die Welt um sie herum, sondern sie selbst wurde durch und durch poetisch. Das Licht der Sonne schien ihr tausendmal schöner als anderen Menschen, was da lebt und webt, war und ist ihr teuer und lieb, das Leben wurde ihr heilig, und der Tod wurde ihr heilig, welchen sie sehr ernstaft nimmt. Sie gewöhnte sich, zu jeder Stunde ohne Schrecken an den Tod zu denken, mitten in dem heitersten Sonnenschein des Glückes, und dass wir alle einst ohne Spass und für immer davon scheiden müssen. Dieser wirkliche Tod lehrt sie das Leben wertalten und gut verwenden und dies wiederum den Tod nicht fürchten, während das ganze vorübergehende Dasein unserer person, unser aufblitzendes und verschwindendes Tanzen im Weltlichte diesem ganzen Wesen einen leichten, zarten, halb fröhlichen, halb elegischen Anhauch gibt, das drückende, beengende Gewicht vom einzelnen nimmt und seinen schwerfälligen Ansprüchen, indes das Ganze doch besteht. Und welche Pietät und Mitleid hegt sie für die Sterbenden und Toten! Ihnen, welche ihren Lohn dahin haben und abziehen mussten, wie sie sagt, schmückt sie die Gräber, und es vergeht kein Tag, an welchem sie nicht eine Stunde auf dem Kirchhofe zubringt. Dieser ist ihr Lustgarten, ihre Universität, ihr Schmollwinkel und ihr Putzzimmer, und bald kehrt sie fröhlich und übermütig, bald still und traurig wieder zurück."
"Glaubt sie denn auch nicht an Gott?" fragte Heinrich.
"Schulgerecht", erwiderte sein Freund, "sind beide fragen unzertrennlich, jedoch macht sie sich nichts aus der Schule und sagt nur: 'Ach Gott! es ist ja recht wohl möglich, dass Gott ist, aber was kann ich ärmstes Ding davon wissen? Wenn wir unsere Nase in alles stecken müssten, so wäre jedem von uns eine deutliche Anweisung gegeben. Ich gönne jedem Menschen seinen guten Glauben und mir mein gutes Gewissen!'"
Obgleich Heinrich seinen lieben Gott, zwar etwas eingeschlummert, immer noch im Gemüte trug, so gefiel ihm doch dies alles, was er von Dorotea hörte, ausnehmend wohl, weil sie es war, von welcher man dergleichen sagte; nur behauptete er für sich, dass er es ebenso liebenswürdig und angenehm an ihr finden würde, wenn sie eine eifrige Katolikin oder Jüdin wäre. Doch widerfuhr es ihm bei dieser gelegenheit zum ersten Mal, dass er ohne alle Bedenklichkeit und vielmehr mit ihm selbst wohltuender Gleichgültigkeit vom Sein oder Nichtsein dieser Dinge sprechen hörte, und er fühlte ohne Freude und ohne Schmerz, ohne Spott und ohne Schwere die anerzogenen Gedanken von Gott und Unsterblichkeit sich in ihm lösen und beweglich werden.
Die Welt sah er schon durch Dortchens Augen an, und sie glänzte ihm in der Tat in stärkerm und tieferm Glanze, und ein süsses Weh durchschauerte ihn, wenn er sich nur die Möglichkeit dachte, für dies kurze Leben mit Dortchen in dieser schönen Welt zusammen