Kleinen das Grosse und Wichtige gehemmt und getötet wird. Das Volk braucht nicht duldsam zu sein im Kleinen, weil es das Grosse zu ertragen versteht; jene aber, welche dieses ohnehin nicht haben oder es selten ertragen können, sind darauf angewiesen, für ihre Armut und Fratzenhaftigkeit Nachsicht und Duldung zu verlangen und gegenseitig zu üben, so dass hieraus ein starker teil der guten Sitte entspringt, die sich sogar zu veredeln und etwas Tieferes zu werden fähig ist. So lernte jetzt Heinrich nach dem Beispiele des Grafen sich auf seinem stuhl ruhig zu verhalten, die Fratzen, die Rotznasen und die Erbsenschneller zu ertragen und sich gegen jedermann artig zu benehmen, und was er erst mehr heuchelte, als in guten Treuen empfand, lernte er nach und nach in der besten Meinung von innen heraus tun und befand sich um vieles wohler dabei, ersehend, wie in jedem Geschöpfe etwas ist, was wert ist, dass man einige Liebe auf es wirft und ihm einigen Wert verleiht. Zuletzt schämte er sich sogar bitterlich seines frühern Übermutes und fühlte, wie weit mehr man Gefahr läuft, den Armen und Widersinnigen gleich zu werden, wenn man sie befehdet und zwackt, als wenn man sie gewähren lässt; denn sie haben etwas Dämonisches und Verheerendes an sich.
In einem ganz sonderlichen Verhältnisse zu dem haus stand der katolische Pfarrer des Ortes, welcher so oft in Gesellschaft des Grafen erschien, dass er für eine Art von Hausfreund gelten konnte. Er hatte eine dicke Mopsnase, welche durch einen Studentenhieb in zwei Abteilungen geteilt war, zum Denkzeichen einer grossen Vornäsigkeit in der Jugend. Der Mund war sehr aufgeworfen und sinnich, und die Tonsur hatte sich allmählich ziemlich vergrössert, obgleich er sie immer noch streng in ihrer kreisrunden Form hielt, da er hierin gar keinen Spass verstand und die Reitbahn, welche sich an seinem Hinterhaupte dem Blicke darbot, durchaus für eine Tonsur angesehen wissen wollte. Dieser Mann war nun vorzüglich drei Dinge ein leidenschaftlicher Esser und Trinker, ein grosser religiöser Idealist und ein noch grösserer Humorist. Und zwar war er letzteres in dem Sinne, dass er alle drei Minuten lang das Wort Humor verwendete und es zum Massstabe und Kriterium alles dessen machte, was irgendwie vorfiel oder gesprochen wurde. Alles, was er selbst tat, redete und fühlte, gab er zunächst für humoristisch aus, und obgleich es dies nur in den minderen Fällen war und mehr in einem masslosen Klappern und Feuerwerken mit gesuchten Gegensätzen, Bildern und Gleichnissen bestand, so ging aus diesem Wesen dennoch ein gewisser Humor heraus, welcher die Leute lachen machte, besonders wenn der Graf, Dorotea und Heinrich, welche in ihrem kleinen Finger, wenn sie ihn bewegten, mehr Humor hatten als der Pfarrer in seinem Gemüte, zusammensassen und er ihnen mit ungeheurem Wortschwall erklärte, was Humor sei und wie sie von dieser Gottesgabe auch nicht eines Senfkörnleins gross besässen. Er las eifrigst alle humoristischen Schriften und alle, welche vom Humor handelten, und hatte sich ein ordentliches System über dieses Feuchte, Flüssige, Äterische, Weltumplätschernde, wie er es nannte, aufgebaut, das ziemlich mit seiner Teologie zusammenfiel. Cervantes führte er ebensooft im mund wie Shakespeare, aber er fand den grössten Gefallen an den unzähligen Prügeln, welche Sancho und der Ritter bekommen, an den Einseifungen, Prellereien und derben Sachen aller Art. Die göttlichen feineren Dinge sah und verstand er gar nicht oder wollte sie nicht sehen, besonders wenn sie wie auf ihn gemünzt waren, was dann zu den Versicherungen seines eigenen Humors den ergötzlichsten Gegensatz bildete. So sah er in dem Abenteuer in der Höhle des Montesinos nur eine äussere komische Schnurre; den feinen Humor, der in dem langen Seile liegt, welches ganz nutzlos abgerollt wird, indessen der Ritter schon im Anfange die Augen schliesst, und insbesondere die Art, wie er sich nachher vielfältig in Hinsicht des in der Höhle Gesehenen benimmt, dies alles sah er gar nicht oder rümpfte unmerklich die Nase dazu.
Sein Idealismus, und er nannte sich bald rühmend, bald entschuldigend einen Idealisten, bestand darin, dass er gegenüber seinen Zuhörern, welche alles Wirkliche, Geschehende und Bestehende, sofern es sein eigenes Wesen ausreichend und gelungen ausdrückt, ideal nannten, eben dieses Wirkliche materiellen und groben Mist oder Staub schalt und dagegen alles Niegesehene, Nichtbegriffene, Namenlose und Unaussprechliche ideal hiess, was ebensogut war, als wenn man irgendeinen leeren Raum am Himmel Hinterpommern nennen wollte. Als Priester aber war er höchst freisinnig und über seine Kirche, in welcher er predigte, hinaus; seine Religion dagegen war ein aufgeklärter Deismus, welchen er aber viel fanatischer vertrat als irgendein Pfaffe seine Satzungen. Er suchte einen rechten Höllenzwang auszuüben mit idealen und humoristischen Redensarten und bauete artige Scheiterhäufchen aus Antitesen, hinkenden Gleichnissen und gewaltsamen Witzen, worauf er den Verstand, den guten Willen und sogar das gute Gewissen seiner Gegner zu verbrennen trachtete, seiner eigenen Meinung zum angenehmen Brandopfer.
Diese Lieblingsbeschäftigung, nebst dem reichlichen Tisch des Grafen, führte ihn häufig in das Haus, und da er zugleich eine ehrliche Haut und ein redlicher Helfer bei allen guten Unternehmungen der herrschaft war, so wurde er zum Bedürfnis und zur bleibenden Heiterkeit des Hauses. Besonders Dorotea wusste ihn mit der leichtesten Anmut in den Irrgärten seines fanatischen Humors umherzuführen, neckend vor ihm hinzuhuschen und durch die verworrenen Buschwerke seines krausen Witzes zu schlüpfen. Unergründlich war es dabei, ob mehr ihr heiteres Wohlwollen oder ein bedenklicher Mutwillen im Spiele lag; denn ebensooft, als sie dem Pfarrer gelegenheit gab zu glänzen