weit offen, soviel Licht einzulassen, als eine kleine armselige Auktion brauchte, welche in der Spelunke stattfand; denn das Männchen war vor wenigen Wochen gestorben. Dies tat Heinrich sehr weh, und er bereute es nun, nicht mehr zu dem Alten gegangen zu sein, da er es bei aller Wunderlichkeit so gut mit ihm gemeint hatte. Es trieben sich nur wenige geringe Leute in dem Laden herum und gingen die dunkle Treppe auf und nieder in der engen wohnung des Verschwundenen, um den niemand sich sonst gekümmert hatte und der auch um niemanden sich gekümmert. Heinrichs Bilder waren noch alle da mit den übrigen Siebensachen, und es kostete wenige Mühe und noch weniger Mittel, derselben habhaft zu werden. Er verpackte sie im Gastofe, sie nahmen dieselben gleich mit, und Heinrich sah mit angenehmen Gefühlen wenigstens den wesentlicheren teil seines ehemaligen Besitztumes wieder beisammen und in einem guten haus aufgehoben, wo er selbst so gern zeitlebens geblieben wäre.
Zwölftes Kapitel
Was der Graf vorausgesagt, geschah nun wirklich. Heinrich schlug in einem hellen Gemache seine Werkstatt auf, zwei grosse ausgespannte Tücher luden mit ihrer weissen Fläche Auge und Hand ein, sich darauf zu ergehen, die alten Bilder und Kartons hingen stattlich an der Wand, und seine Studien lagen ihm bequem zur Hand. Man kann eine Übung lange Zeit unterbrochen haben und dennoch, wenn man sie zu guter Stunde plötzlich wieder beginnt mit einem neuen Bewusstsein und vermehrter innerer Erfahrung, etwas hervorbringen, das alles übertrifft, was man einst bei fortgesetztem Fleisse und hastigem Streben zuwege gebracht; eine günstigere Sonne scheint über dem spätern Tun zu leuchten. So ging es jetzt Heinrich; er machte zwei grosse Forstbilder, einen Laubwald und einen Nadelwald, welche er sich als freundlichen grünen Schmuck für ein lichtes kleines Gemach dachte oder für ein hübsches Treppenhaus, damit da etwa im Winter oder in den Stadtmauern einige Grünigkeiten seien. Die Motive nahm er weislich aus den forstreichen Umgebungen des Landsitzes und komponierte nicht viel darin herum, vielmehr fühlte er einmal das Bedürfnis, das Vorhandene wesentlich darzustellen und es für jedes offene Auge erfrischend und wohlgefällig zu machen. Er überhastete sich nicht und schleppte oder faulenzte nicht, sondern führte Zug um Zug fort, bei der Beschäftigung mit dem einen, ohne zerstreut zu sein, an den nächsten und an das Ganze denkend, und indem es ihm wohl gelang, freute er sich dessen und lachte darüber, ohne im geringsten seinen Entschluss zu ändern und etwa neue Hoffnungen auf dergleichen zu setzen. Indem er so sich mit etwas abgab, das er auf immer zu verlassen gedachte und nur aus äusseren Nützlichkeitsgründen noch einmal vornahm, behandelte er diese Arbeit doch mit aller Liebe und Aufmerksamkeit, und diese ruhige und klare Liebe gab ihm fast mühelos die rechten Mittel ein, so dass unversehens die Bilder eine Farbe bekamen, als ob er von jeher gut gemalt hätte und die Gewandteit und Zweckmässigkeit selber wäre. Dies machte ihm das grösste Vergnügen, und er bereute gar nicht, dass es das erste und letzte Mal sein sollte, wo er ein guter Maler war, vielmehr dachte er schon während dieser Arbeit an die neue Zukunft, und während er zweckmässige und besonnene klare Farben aufsetzte, gingen ihm allerhand Gedanken von der Zweckmässigkeit des Lebens überhaupt durch den Kopf.
Der Graf war kein Gelehrter, was man so heisst, aber er kannte den Wert und die Bedeutung aller Disziplinen und wusste für das, wessen er bedurfte, sich das Wesentliche sogleich zu beschaffen und anzueignen, und immer war bei ihm guter Rat und ein gesundes menschliches Urteil zu finden. Demgemäss waren auch seine Büchervorräte und andere Hilfsmittel beschaffen, so dass Heinrich ganz ordentliche Studien betreiben konnte in den Mussestunden und den langen Nächten; denn er war jetzt immer wach und munter, und eigentlich war ihm alles Mussezeit oder alles Arbeitszeit, er mochte machen, was er wollte. Er studierte jetzt verschiedene Geschichtsvorgänge ganz im einzelnen in ihrer faktischen und rhetorischen Dialektik, und fast war es ihm gleichgültig, was für ein Vorgang es war, überall nur das eine und alles sehend, was in allen Dingen wirkt und treibt, und eben dieses eine packen lernend, wie die jungen Füchse eine Wachtel.
Neben diesen erheblichen Sachen fand er noch in dem haus die beste gelegenheit, manche gute und nützliche Dinge zu lernen, an welche er bisher nicht gedacht und deren Mangel er erst jetzt bemerkte. Obgleich der Graf seiner sogenannten radikalen Gesinnung und abweichender Handlungen wegen in der ganzen Gegend bei Standesgenossen und anderen Respektspersonen verschrieen und verhasst war, so hielt er doch einen gewissen Verkehr mit ihnen aufrecht und zwang sie, während seiner Gegenwart wenigstens menschlich und möglichst anständig zu sein, wobei ihn seine Pflegetochter mit geringer Mühe und grossem Erfolge unterstützte. So kam es, dass der Gehasste und Verleumdete doch überall willkommen war und die verkommenen übelwollenden Gesichter gegen ihren Willen aufheiterte, so wie sie sich auch etwas darauf zugute taten, in sein Haus zu kommen, und trotz ihres Nasenrümpfens es nie verfehlten, wenn er von Zeit zu Zeit die Pflichten der Nachbarschaft übte. Heinrich, als aus den mittleren alten Schichten des Volkes entsprungen, hatte bis jetzt dergleichen nicht geahnt oder geübt. Wen er nicht leiden konnte, mit dem ging er nicht um und war gewohnt, seine Abneigung wenig zu verhehlen sowie auch jede Unverschämteit sogleich zu erwidern und nichts zu ertragen, was ihn nicht ansprach. Diese Volksart, an sich gut und tugendhaft, ist in der gebildeten Gesellschaft hinderlich und unstattaft, da in dieser wegen der Ungeschicklichkeit im