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welche ordentlich unter ihrer Obhut zu stehen schienen.

"Ich habe", sagte der Graf, "jetzt alles überdacht, was wir tun wollen. Ich habe in der Hauptstadt einige Geschäfte und muss diesen Herbst noch hinreisen. So wollen wir gleich morgen zusammen hingehen; Sie versehen sich da mit allem Nötigen, vorzüglich aber mit einigem Handwerkszeuge, soviel Sie zur Vollendung eines oder zweier ansehnlichen Bilder bedürfen, und dann kehren wir hierher zurück; denn ich möchte Sie durchaus nicht mehr in der Stadt wissen, und Sie müssen sich vollkommen wohl befinden auf einige Zeit, dies legt eigentlich den besten Grund zu einem guten Wesen; denn die Welt ist nicht auf Grämlichkeit und Unzufriedenheit, sondern auf das Gegenteil gegründet. Hier machen Sie mit leichtem Mut eine gute Arbeit, Sie werden es tun, ich weiss es; obgleich ich eigentlich kein Kunstschmecker und Kenner von Profession bin und nur für weniges Gutes, was in seiner ganzen Art mich anspricht, mich zuweilen interessiere, so weiss ich dennoch, dass es in Ihrem bisherigen Handwerke gerade so zugeht wie mit allem andern und dass man unter gewissen Umständen mit gutem Sinne immer das kann, was man will, wenn man nur etwas darin getan hat. Ist die geschichte fertig, so bringen wir sie nach der Stadt, stellen sie aus, und ich werde alsdann mittelst meiner gesellschaftlichen Stellung das Nötige veranlassen, dass Ihre Arbeit gesehen und mit Anstand verkauft wird. Erst dann können Sie mit Ehren dem Handwerke, das Ihnen unzulänglich dünkt, den rücken wenden und Ihren Sinn auf das Weitere richten."

Hierauf erwiderte Heinrich nichts, sondern blieb einsilbig den übrigen teil des Abends hindurch, selbst als der seltsame Pfarrer am Abendessen teilnahm und mit kuriosem Humor die Gesellschaft erheiterte. Aber als Heinrich im Bette lag, überdachte er alle diese Dinge mit grossen Sorgen; denn er erinnerte sich erst jetzt mit Macht an seine Mutter, zu welcher er noch gestern unaufhaltsam hatte laufen wollen, und es wollte ihn bedünken, dass er nun unverzüglich seinen Weg fortsetzen und sich durch keine Umstände von dieser so einfachen und natürlichen Absicht ablenken lassen solle. Es schwebte ihm vor, wie wenn der Vorschlag des Grafen, seine Freundschaft, die Schönheit Doroteas, das gastliche Haus und das feine Leben darin, alles dies eine künstliche, glänzende und lockende Welt wäre, welche ihn von dem harten und schmalen Weg seines guten Instinktes wegziehen und in die Irre führen möchte. Obgleich er über diese unsinnige oder unklare Ahnung sogleich lachen musste, dachte er doch, es wäre für einmal besser, wenn er seiner Absicht treu bliebe und unverzüglich nach haus reise, um da auf heimatlichem Boden aus sich selbst heraus und ohne alle Ansprüche zu sehen, was er treibe. Er beschloss desnahen, am andern Tage unverbrüchlich jenen Weg einzuschlagen, anstatt mit dem Grafen zu gehen, und schlief mit diesem Vorsatze ein, aber nicht ohne alsobald wieder aufzuwachen und nichts anderes vor sich zu sehen in der Dunkelheit als das Bild Doroteas, welches freundlich, aber unbarmherzig allen Schlaf verscheuchte. Hierüber wunderte er sich sehr und fragte sich bedenklich, ob er etwa wirklich verliebt sei? Es war lange her, seit er dies gewesen, aber dennoch glaubte er aus dem grund zu wissen, was Liebe sei, und hielt seine aufgeschriebenen Knabengeschichten noch immer für Meisterwerke leidenschaftlicher Erlebnisse. Und dennoch konnte er sich jetzt nicht entsinnen, auch nur ein einziges Mal etwa nicht geschlafen zu haben während jener Geschichten, und war ganz verblüfft, erst jetzt ein ihm bisher unbekanntes Gefühl seinen Rumor beginnen zu sehen, welches ganz anders ins Zeug und in die Tiefe zu gehen schien als alle jene Verwirrungen und Anfängerstückchen. Eine frohe Bangigkeit durchschauerte ihn, Furcht und Lust zugleich, sich selbst zu verlieren, und so gefährliche Dinge schienen sich da ankündigen zu wollen, dass er doppelt beschloss, sich am andern Tage zu flüchten.

Aber als er in der Frühe geweckt wurde und ein Wagen schon im hof stand, während der Graf und Heinrich das Frühstück nahmen, war es ihm nicht möglich, mit einem Worte seines Entschlusses zu erwähnen, ja er dachte kaum noch daran, da es sich von selbst zu verstehen schien, dass er nie einen Augenblick im Ernste von der Seite dieser person wegkäme. Ohne weiteres stieg er mit seinem Beschützer in den Wagen und musste der Dorotea versprechen, sich in der Hauptstadt wieder einen grünen Rock anzuschaffen. Als er das versprach und der Wagen in den sonnigen Herbst hinausrollte in der gastlichen Gegend, war es ihm, als ob er böse wäre auf seine arme Mutter, die da im Vaterland sässe und in ihrem Schweigen die unerhörtesten Ansprüche erhöbe, alles zu lassen und stracks ein ungeteiltes Herz zu ihr zu bringen; denn in seiner Konfusion und bei der Neuheit der Empfindung glaubte er, dass es jetzt um die Liebe zu seiner Mutter geschehen sein müsse, da er eine Fremde mit solchen Augen ansah, wie er noch nie eine angesehen.

In der Stadt angekommen, sah er sich die Strassen, in denen er in seiner Trübseligkeit umhergegangen, mit Musse an und ging in Gedanken immer selbander durch dieselben hin. Er kaufte sich zwei grosse Stücke Leinwand und alles dazugehörige Zeug, auch versah er sich mit neuen Kleidern und Effekten, und endlich wollte der Graf auch den alten Trödler aufsuchen, um durchaus die grösseren Sachen Heinrichs wiederzuerwerben, die derselbe ihm verkauft. Sie gingen miteinander hin und fanden in dem dunklen Gässchen den kleinen Laden halb verschlossen. Die andere Hälfte stand nur so