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einem Äpfelbaume war. Die Schönheit des Kindes rührte mich, und ich blieb stehen, da es zugleich verlangend die Ärmchen nach mir ausstreckte und durch reichliche Tränen lächelte, so froh schien es, einen Menschen zu sehen. Ich schaute lange aus, ob niemand Angehöriger in der Nähe sei, und da ich niemand entdeckte im weiten feld, setzte ich mich auf das Bänkchen und nahm das Kind auf den Schoss, das auch alsogleich einschlief. Da nach Verlauf einer halben Stunde sich niemand zeigte, nahm ich es getrost auf den Arm und ging nach dem nächsten dorf, um Nachfrage zu halten. Das Kind gehörte nicht in das Dorf noch in die Gegend überhaupt; hingegen erfuhr ich, dass im Laufe des Nachmittages eine Schar Auswanderer durchgezogen mit Weib und Kindern, die nach dem südlichen Russland gingen und sich etwas weiter unten am Flusse den folgenden Morgen einschiffen wollten. Ich gab das Kind nicht aus den Händen, blieb in dem dorf über Nacht und begab mich mit dem Morgengrauen nach der bezeichneten Stelle, wo ich den Trupp schon im Begriffe fand, zu Schiffe zu gehen. Es fand sich, dass die Mutter des Kindes, eine junge Witwe, unterwegs gestorben und begraben worden und dass die Gesellschaft dasselbe gemeinschaftlich mitgenommen. Aber noch war es nicht einmal vermisst worden, das arme Geschöpfchen, das sich während des Ausruhens verlaufen, und die guten Leute erschraken sehr, da ich mit dem lieben Tierchen unvermutet erschien. Es brauchte indes nicht viel Beredsamkeit, bis sie mir meinen Fund überliessen, da er soviel wie nichts besass und die arme tote Mutter auf ihre gute person allein die Hoffnungen der Zukunft gegründet hatte. Aber so eilig ging es zu mit der Abfahrt, dass ich mich nicht einmal nach den genaueren Namen erkundigen konnte. Das wurde rein vergessen, und ich erinnerte mich nachher nur, dass die Leute aus Schwaben gekommen. Von dem kind erfuhr ich, dass es Dortchen heisse, und so nannte ich es Dortchen Schönfund, als ich ihm später sein Heimatsrecht bei mir sicherte, und so wissen wir endlich nur, dass Dortchen Schönfund hier ein Schwäblein ist! Es nahm aber von Jahr zu Jahr so sehr und mit solcher Leichtigkeit zu an Anmut, Tugend und Sitte, dass wir die kleine Hexe ohne Wahl vollkommen als die Tochter des Hauses halten und noch froh sein mussten, wenn sie nicht uns über den Kopf wuchs in allen guten Dingen. Meine Schwester, die Adelige, wollte auch durchaus Mittel finden, das Wesen durch irgendeinen armen Teufel von Grafen zur Aufrechtaltung dieses alten Kastells zu verwenden, aber, wie gesagt, hieran ist mir nichts gelegen, und Schönfündchen ist mir dazu zu gut!"

Das fräulein hatte bei Erwähnung ihres Fundes und besonders ihrer armen unbekannten Mutter einige heisse Tränen vergossen, das schöne Köpfchen vornübergebeugt und in das Taschentuch gedrückt. Doch lächelte sie schon wieder und sagte "So, Herr Lee! nun kennen Sie meine glorreiche geschichte und können mich bedauerlich ansehen! Nun, so sehen Sie mich doch ein bisschen bedauerlich an!"

"Ich werde mich wohl hüten", sagte dieser, "ich empfinde erst recht den tiefsten Respekt, fräulein! und sehe gar nichts an Ihnen, das zu bedauern wäre; vielmehr bedauert man sich sogleich selbst, wenn man so vor Ihnen dasitzt." Er schämte sich aber, dies gesagt zu haben, und sah verlegen auf seinen Teller, während er in der Tat eine erhöhte Ehrerbietung gegen das Mädchen empfand, da alle ihre Feinheit und Würde einzig in ihrer person beruhte und weder erworben noch anerzogen schien.

Als man aufstand, hatte der Graf einige Geschäfte mit den Landleuten abzutun und liess Heinrich die Wahl, ob er ihn begleiten oder sich allein in Haus und Garten umtreiben oder in der Gesellschaft seiner Pflegetochter bleiben wolle. Heinrich zog vor, da es ihm schicklicher schien, sich in die Gärten zu begeben, und tat dies auch, nachdem der Graf sich entfernt. Die Sonne hatte wieder den ganzen Tag geschienen, und es war ein heiteres warmes Herbstwetter geworden.

Elftes Kapitel

Höchst angenehm gestimmt und aufgeregt ging er in dem schönen Garten umher und fühlte sich lieblich geschmeichelt und gestreichelt durch den artigen Scherz, welchen das fräulein mit ihm aufgeführt, sowie durch die unbefangene Art, mit welcher sie die Erzählung ihres Herkommens und ihrer Verhältnisse veranlasst hatte. Aber erst unter den dunklen Bäumen des Lustwaldes stieg ihm plötzlich der schmeichelhafte Gedanke auf, dass er der Schönen am Ende wohl gefallen müsse, weil sie so unverhohlen und freundlich sich mit ihm zu tun machte, und er warf unverweilt sein inneres Auge auf sie mit grossem Wohlwollen, auch stellte sich ihm im Fluge ein herrliches und edles Leben dar mit allen seinen Zierden an der Seite dieses guten und liebenswerten Frauenzimmers. Heftig schritt er in dem kühlen Schatten umher und fühlte sein Herz ganz gewaltig schwellen, und er kam sich im höchsten Grade glückselig und deshalb liebenswürdig vor. Aber auf dem obersten Gipfel dieser schönen Einbildungen liess er den Kopf urplötzlich sinken, indem es ihm unvermutet einfiel, dass dergleichen unbefangene Scherze, frohes Benehmen und Zutraulichkeit ja eben die Kennzeichen und Sitten feiner, natürlicher und wohlgearteter Menschen und einer glücklichen heiteren Geselligkeit wären, welche jeden, den sie einmal arglos aufgenommen und zu kennen glaubt, auch ohne Arg mit ganzer Freundlichkeit behandelt; dass es ebenso wohl das Kennzeichen der Grobheit und Ungezogenheit wäre, zum Danke für solche feine Freundlichkeit sogleich das Auge auf die Inhaberinnen derselben zu werfen und ihre person mit unverschämten und eigenmächtigen Gedanken