hinterliess; ich habe sie so geliebt, dass es mir nicht möglich war, wieder zu heiraten, und wenn es nicht zu seltsam klänge, so wäre ich fast froh, keinen Sohn zu hinterlassen; denn wenn ich mir denken müsste, dass diese Familiengeschichte noch einmal achtundert Jahre fortdauern könnte oder wollte, so würde mir dieser Gedanke Kopfschmerzen machen, da es Zeit ist, dass wir wieder untertauchen in die erneuende Verborgenheit. Ich selbst bin im Verfall des alten Reiches geboren und eigentlich schon ganz überflüssig, so dass sich unser Stamm müde fühlt in mir und nach kräftigender Dunkelheit sehnt. Wenn ich einen Sohn hätte, so würde ich auch Besitz und Stamm gewaltsam aufgegeben haben und dahin gezogen sein, wo kein Herkommen gilt und jeder von vorn anfangen muss, damit das Leibliche der Linie gerettet werde und ferner nütze und geniesse, da dieses am Ende die Hauptsache ist."
Heinrich freute sich dieser Reden und fühlte sich durch sie geehrt. "Ist jene stolze schöne Dame, welche dazumal das Hündchen auf den Tisch setzte, vielleicht Ihre Gemahlin gewesen?" fragte er mit höflicher Teilnahme.
"Nein", sagte der Graf lachend, "das ist meine Schwester; die lebt als Gattin eines alten Edelmannes vom stolzesten Geblüte tief in Polen und ist ganz verbauert; auch hat sie zur Strafe für ihre Narrheiten schon vier Jahre in Sibirien zubringen müssen mit ihrem Eheherrn. übrigens ist es eine ganz gute und liebe Dame, und wenn ich sterbe, so werde ich diesen ganzen Trödel hier zusammenpacken lassen und ihr zuschicken; vielleicht, wenn es gut geht, rutscht er mit der Zeit weiter ostwärts wieder nach Asien hinüber, woher unsere Urväter gekommen sind, und findet da ein gemütliches Grab!"
Dorotea, welche sah, dass ihrem gast diese Reden sehr behagten, aber selbst in ihrem Hochmut verharrte, sagte nun in der alten, halb teilnehmenden, halb gleichgültigen, ja sogar fast mokanten Weise zu ihm "Sie scheinen aber auch von einer Art guter Herkunft zu sein, Herr Lee? wenigstens freuen Sie sich am Anfang Ihres hübschen Buches Ihrer wackeren bürgertichen Eltern?"
"Allerdings", sagte Heinrich, dem diese Frage in diesem Augenblick etwas überquer kam, errötend, "bin ich auch nicht auf der Strasse gefunden!"
Da klatschte sie plötzlich jubelnd in die hände, indem sie wieder ihre gestrige offene und natürliche Art annahm, und rief fröhlich "Nun hab ich Sie doch gefangen! Aber ich bin auf der Strasse gefunden, wie Sie mich da sehen!"
Heinrich sah sie verblüfft an und wusste nicht, was das heissen sollte, indessen sie fortfuhr, sich zu freuen, und rief "Sehen Sie, nun konnte ich Sie doch noch verblüfft machen, der sich von diesen Herrlichkeiten so gar nicht verblüffen liess! Ja, ja, mein gestrenger Herr von braver Abkunft, ich bin das richtigste Findelkind und heisse mit Namen Dortchen Schönfund und nicht anders, so hat mich mein lieber Pflegepapa getauft!"
Heinrich sah den Grafen verwundert an, und dieser lachte und sagte "Ei, ist dies also nun das Ziel deines Witzes? Wir mussten nämlich gestern abend lachen, lieber Freund! als wir Ihre Worte lasen wenn Sie sich selbst bei der Nase fassen, so seien Sie sattsam überzeugt, dass Sie zweiunddreissig Ahnen besässen! Als wir aber dann die ganz gesunde Freude lasen, welche Sie doch äussern, so ehrliche Eltern zu besitzen, und wie Sie sich doch nicht entalten können, über die Vorfahren einige Vermutungen aufzustellen, mussten wir wieder lachen; nur das liebe Kind hier schmollte und beklagte sich, dass alle, Adelige wie Bürgerliche und Bauern, sich ihrer Abkunft freuen und nur sie allein sich gänzlich schämen müsse und gar keine Herkunft habe; denn ich habe sie wirklich auf der Strasse gefunden, und sie ist meine brave und kluge Pflegetochter." Er streichelte ihr wohlgefällig die Locken, Heinrich aber war ganz beschämt und sagte kleinlaut "Ich glaube wenigstens zu sehen, dass ich Sie nicht ernstlich beleidigt habe, mein fräulein! – Was jene Anzüglichkeiten betrifft in meinem Geschreibsel über die adelige und bürgerliche Herkunft, so glaube ich nicht, dass ich sie jetzt noch machen würde; denn ich habe seiter gelernt, dass jeder seine Würde am füglichsten wahrt, wenn er andere vor allen Dingen als Menschen betrachtet und gelten lässt und dann sich gar nicht mit ihnen vergleicht und abwägt, haben sie auch welche Stellung und Meinungen sie wollen, sondern auf sich selbst ruht, sich nicht verblüffen lässt, aber auch nicht darauf ausgeht, andere zu verblüffen, denn dies ist immer unhöflich und von ordinärer Art. So gestehe ich, dass ich die jetzige Beschämung vollkommen verdient habe, indem ich mich doch verlokken liess, die vermeintlich stolze Gräfin abtrumpfen zu wollen, anstatt sie in ihrer Art und Weise ungeschoren zu lassen! übrigens ist Ihre Abkunft doch noch die vornehmste, denn Sie kommen so recht unmittelbar aus Gottes weiter Welt, und man kann sich ja die hochgestelltesten und wunderbarsten Dinge darunter denken!"
"Nein", sagte der Graf, "wir wollen sie um Gottes willen nicht zu einer verwunschenen Prinzessin machen, die Sache ist sehr einfach und klar. Vor zwanzig Jahren, als meine Frau eben gestorben, trieb ich mich sehr ungebärdig und schmerzlich im land herum und kam an die Donau. Eines Abends, als eben die Sonne unterging, fand ich in ihrem Scheine ein zweijähriges Kind mutterseelenallein im feld auf einem hölzernen Bänkchen sitzen, das unter