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Behagen, da das sichere und edle Wesen des gräflichen Mannes ihn vollständig aufgeweckt und beruhigt hatte. Denn für einen ordentlichen Menschen ist es fast ebenso wohltuend und erbaulich, einen wohlbestellten, schönen und rechten Mann zu sehen als schöne und gute Frauen.

Die trefflichen Leute unterhielten sich heiter und behaglich, ohne Heinrich besonders in Anspruch zu nehmen, und es atmete alles, was sie sagten, ein festes und offenes Gemüt. Doch sagte der Graf nach einer Weile zu ihm "Es ist doch eine allerliebste geschichte! Ei, erinnern Sie sich auch noch der Ursache unserer Bekanntschaft, der groben Schlingel, die Ihnen damals die Mütze abschlugen?"

"Sicher", sagte Heinrich lachend, "aber was diesen Punkt betrifft, so habe ich heute bei meinem Abzug jenen Einzugsgruss mit Zinsen zurückgegeben!" Er erzählte hierauf sein Abenteuer mit dem Flurschützen. Der Graf warf ihm einen feurigen blick zu und sagte "Wenn Sie aber müde sind, so gehen Sie ohne Zaudern zu Bett, damit wir morgen desto munterer sind!"

"Wenn Sie's erlauben!" sagte Heinrich, stand auf und machte die zierlichste Verbeugung, die er in seinem Leben je gemacht und von der er am Morgen nicht geträumt hätte, dass er sie je machen würde; doch musste er beinahe dazu lachen. Die kleine Gesellschaft lächelte ebenfalls freundlich, stand auf und entliess ihn mit Wohlwollen, worauf in einem guten Schlafzimmer er sich ins Bett warf und, ohne einen weitern Gedanken zu verlieren, sofort einschlief.

Zehntes Kapitel

Heinrich schlief wie ein Murmeltier bis zwölf Uhr des andern Tages; eben erwachte er und rieb sich sehr zufrieden die Augen, als der Graf hereinkam und sich nach ihm umsah. "Guten Tag, mein Lieber! Wie geht's Ihnen?" sagte er und setzte sich an das Bett, "bleiben Sie ruhig liegen und duseln sich gemütlich aus!" Heinrich tat das auch und sagte "O es geht gut, Herr Graf! Wieviel Uhr ist es denn?" – "Es ist gerade zwölf Uhr", erwiderte jener, "es freut mich, dass Sie in meinem haus so gut geschlafen haben. Nun halten Sie vorerst eine gute Einkehr bei uns und tun Sie ganz, als ob Sie bei den besten und zuverlässigsten Freunden wären, von denen Sie wohl hergestellt und guten Mutes wieder auslaufen werden! Aber nun hören Sie, Sie sind mir ja ein köstlicher Gesell! Wir blieben gestern nacht noch ziemlich lange auf, und da wir von Ihnen sprachen, fiel uns ein, dass die Bildermappe noch im übel verschlossenen Gartensaale lag. Ich gehe selbst hin, sie zu holen, denn ich wünschte nicht, dass irgendein Unheil damit geschehe, und bemerke, dass auf dem Kaminsims ein kleines verkommenes Paketchen liegt; ich musste lachen und dachte Gewiss sind dies die armütigen Effektchen unseres armen Kauzes von Vagabunden! Ich nahm es in die Hand und fand, dass die Hülle vom Regen und vom Tragen aufgelöst war und auseinanderfiel, und siehe da, statt etwa eines Strumpfes oder eines Schnupftuches, wie ich dachte, fällt mir ein ganz durchnässtes Buch in die Hand; neugierig schlage ich es auf und sehe lauter Geschriebenes, und indem ich die erste Seite lese, vermute ich sogleich, dass Sie Ihre eigene geschichte geschrieben haben. Ich sehe das Ding etwas genauer an und erkenne an den Data, dass es Ihre Jugendgeschichte ist, die Sie schon damals mit in die Fremde genommen haben und mit welchem buch der Erinnerung, als Ihrer letzten Habseligkeit, Sie sich wieder aus dem Staube machen! Ich laufe mit den Sachen zurück und rufe: 'Seht, Leute! Unser Mensch schlägt sich mit seinem Jugendbuche durch Regen und Sturm, wie Vetter Camoens mit seinem Gedichte durch die Wellen! Der Spass wird köstlich!' Dortchen nimmt das Buch und besieht es von allen Seiten. 'Ach du lieber Himmel', ruft sie, 'das arme Buch ist ja durch und durch nass und droht zugrunde zu gehen! Das muss sogleich getrocknet werden!' Es wird ein frisches Feuer in den Ofen gemacht, das Mädchen setzt sich auf ein Taburettchen davor und hält das Buch, die Blätter auseinanderschüttelnd und es umwendend und kehrend, sorgfältig an das Feuer, und in weniger als einer Viertelstunde ist das tapfere Werk heil und gerettet. Nun aber lasen wir noch länger als zwei Stunden darin, an verschiedenen Stellen, und wechselten mit dem Vorlesen ab, und diesen ganzen Vormittag hab ich auf meiner Stabe darin gelesen. Auf den letzten Blättern stehen einige Gedichte, die haben Sie allem Anscheine nach erst neulich gemacht und hineingeschrieben?" Heinrich bejahte dies und wurde rot, und der Graf fuhr fort "Ich will mich gar nicht entschuldigen für unsere Indiskretion; es macht sich so alles von selbst, und wir wollen unsere Unverschämteit nun mit gänzlicher Freundschaftlichkeit abbüssen. Zuerst muss ich Sie einmal küssen, Sie sind ein allerliebster Kerl!"

"Bitte, Herr Graf!" sagte Heinrich und duckte sich ein bisschen unter die Decke, "Sie sind allzu gütig; aber ich mache mir nicht viel daraus, Männer zu küssen!"

"Ei, sieh da!" rief der treffliche Mann, "Sie schlaues Bürschchen! Aber trotz alledem müssen Sie mich doch ein bisschen wohl leiden, ich verlange es!"

"O gewiss, sag ich Ihnen", erwiderte Heinrich, mit schüchternen und doch zutulichen Worten; "ich kann Sie gar nicht genug ansehen,