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aber auch gar zu grosse Dinger, man kann sie ja gar nicht ordentlich übersehen!"

"Was nur daran zu sehen ist?" sagte Apollönchen, "zu was braucht man sie denn?"

"Ei, du Aff! zu was? zum Nutzen und Vergnügen! Siehst du denn nicht, wie hübsch dies aussieht, alle diese lustigen Bäume, wie das kribbelt und krabbelt von Zweigen und Blättern und wie die Sonne darauf spielt?"

Apollönchen legte die arme auf den Tisch, neigte das Näschen gegen das Blatt und sagte "Wahrhaftig ja, es ist wirklich hübsch und so schön grün! Ist dies hier ein See?"

"Ein See! o du närrisches Wesen!" rief die andere und lachte mit dem vergnügtesten Mutwillen, "dies ist ja der blaue Himmel, der über den Bäumen steht! Seit wann wären denn die Bäume unten und das wasser oben?"

"Geh doch", sagte diese schmollend, "der Himmel ist ja rund, und dies Blaue hier ist viereckig, gerade wie der neue Weiher hinter der Mühle, wo der Herr die Linden hat drum pflanzen lassen. Und gewiss hast du das Bild verkehrt aufgemacht! Kehr es nur einmal um, dann ist das wasser schon unten, und die Bäume sind oben!"

"Ja, mit den Wurzeln!" sagte Dorotea noch immer ladend, "dies ist ja nur ein Stück vom Himmel, du Kind! Guck einmal durchs Fenster, so siehest du auch nur ein solches Viereck, du Viereck!"

"Und du Dreieck!" sagte Apollönchen und schlug der jungen Herrin mit der flachen Hand auf den Nakken. Plötzlich hielt diese aber an sich und legte bedenklich den Finger an den offenen Mund, als ob ihr etwas sehr Wichtiges einfiele; denn auf dem Blatte, das sie jetzt in die Hand genommen, war zwischen den Bäumen ein Stück von einer helvetischen Alpenkette zu sehen. Heinrich war über den lieblichen vibrierenden Modulationen des Mädchengezwitschers sanft eingeschlafen, und er hörte im Schlafe jetzt einen jener unartikulierten, aber metallreichen Frauenausrufe, welche so ergötzlich klingen, wenn sie von etwas überrascht oder halb erschreckt werden. Sie war nämlich plötzlich auf den Gedanken gekommen, da die Zeichnungen offenbar aus der Schweiz herrührten, dass am Ende Heinrich der Urheber derselben sein dürfte, und weil der Zufall schon soviel getan, so schien es ihr sogar gewiss, und sie ging mit der Lebhaftigkeit darauf los, welche solchen Wesen eigen ist, wenn sie ein unschuldiges und argloses Abenteuer herbeifahren mögen. Sie stand jetzt vor dem inzwischen fest Eingeschlafenen und hielt den grossen Bogen vor ihn hin, indem sie die beiden oberen Ecken zierlich gefasst, wie eine Kirchenstandarte. Sie rief ihn beim Namen, worauf er sogleich erwachte; aber er war schon so schlaftrunken von der Müdigkeit, dass er die ersten Augenblicke nicht wusste, wo er war. Er sah nur ein schönes Wesen vor sich stehen, gleich einem Traumengel, der ein Bild vor der Brust hielt und mit freundlichen Sternaugen über dasselbe herblickte. Voll traumhafter Neugierde beugte er sich vor und starrte auf das Bild, bis ihm erst die Landschaft mit den Bäumen und Schneefirnen bekannt vorkamen und er dann auch seine Jugendarbeit erkannte. Dann sah er in das vom Feuer beglänzte Gesicht hinauf, und auch dieses kam ihm so bekannt vor, und doch wusste er nicht, wo er es schon gesehen, denn das, was er zehn Minuten zuvor erlebt, lag seinem verwirrten Zustande in ein dunkles Vergessen entrückt. Nun zweifelte er nicht länger, dass er mitten in einem jener Träume sich befinde, die er in jener Stadt geträumt, und dass er wiederum auf jener langen und bezauberten Heimreise begriffen sei. Er hielt die Erscheinung für ein neckendes verklärtes Bild seiner Jugend, das ihm nur erschienen sei, um wieder zu verschwinden und ihn in tiefer Hoffnungslosigkeit zu lassen. Seine Gedanken hielt er für jenes sonderbare Bewusstwerden im Traume, er fürchtete zu erwachen und das schöne Bild zu verlieren, und als er wieder auf die sorgsam gemachte, stille und unschuldige Landschaft blickte, entfielen Tränen seinen Augen. Jetzt hielt er sich für erwacht und suchte das Kopfkissen, um das Gesicht hineinzudrücken und den Traum bequemlich auszuweinen; da er aber kein Kissen fand, fuhr er verwirrt empor, schaute sich um, erwachte jetzt wirklich, und sah durch seine Tränen das Bild doch noch immer dastehen. Dorotea, welche ihn erst vergnügt und munter zur Rede stellen wollte, war sogleich verstummt und sah ergriffen dem seltsamen Wesen zu, so dass sie sich eine Weile nicht zu rühren vermochte und in ihrer reizenden Stellung verharrte. Als Heinrich aber sich inzwischen gesammelt und mit wachen Sinnen den Bogen ergriff und betrachtete, sagte sie gerührt und teilnahmvoll "Sind diese Sachen nicht von Ihnen?" – "Gewiss", erwiderte er voll Verwunderung und trat an den Tisch, wo er sein ehemaliges Eigentum in schönster Eintracht beisammen sah, alles, was er zu dem alten Trödelmännchen getragen hatte für ein Almosen.

Er freute sich höchlich, die Sachen wiederzusehen, obgleich sie nicht mehr sein waren, und wühlte begierig darin herum; sie kamen ihm vor, als ob sie ein anderer gemacht hätte, und wie so alles wieder beisammen war, was er nach und nach verloren und seinem jetzigen Wesen so fernab lag, auch da er nichts mehr von diesen Dingen hoffte, so fand er jetzt, dass ein ganz bestimmter und schätzbarer Wert in der Sammlung lag, und freute sich,