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trug, reiche dunkle Locken lustig im Winde schüttelte und mit der einen Hand die Mantille über der Brust festielt, indes die andere Hand einen leichten Regenschirm trug, der aber nicht aufgespannt war. Diese sehr anmutige Gestalt eilte gar wohlgemut zwischen den Gräbern herum und schien dieselben aufmerksam zu besichtigen, ob die Gewächse von Sturm und Regen nicht gelitten hätten. Hie und da kauerte sie nieder, warf ihr Schirmchen auf den Kiesweg und band eine flatternde Rose frisch auf oder schnitt sich mit einem Scherchen eine Blume ab, worauf sie wieder weitereilte. Heinrich sah, erschöpft wie er war, diese schöne Erscheinung wie einen Traum vor sich hinschweben und dachte nicht viel dabei, obschon sie ihm einen angenehmen Eindruck machte, als der Küster wieder hinter der Kirche hervorkam und Heinrich abermals anredete.

"Hier könnt Ihr auch nicht bleiben, guter Freund!" sagte er, "dieser Gottesacker gehört gewissermassen zu den herrschaftlichen Gärten, und kein Fremder darf sich da zur Nachtzeit herumtreiben."

Heinrich antwortete gar nicht, sondern sah teilnahmlos vor sich hin.

"Nun, hört Ihr nicht? Auf! Steht in Gottes Namen auf, guter Freund!" rief der Küster etwas lauter und rüttelte den Müden an der Schulter, wie man etwa einen Betrunkenen aufmuntert. In diesem augenblicke kam jenes Frauenzimmer zur Stelle und hielt ihren zierlichen gang an, um dem Handel neugierig zuzuschauen. Diese Neugierde war so kindlich und gutmütig, und zugleich war die ganze Erscheinung, welche Heinrich die schönäugigste und anmutigste person dünkte, die er je gesehen, von so unverhohlener, natürlicher und doch kluger Freundlichkeit, dass er von dem Anblick ein neues Leben gewann, sich schnell aufrichtete und eine höfliche Verbeugung vor ihr machte. Aber indem er seinen nassen Hut schwenkte, fiel derselbe gänzlich zusammen, und er hielt den übel aussehenden wie ein schlechtes Symbol in der Hand. So stand er denn auch gar über und über mit Schlamm und Kot bedeckt vor der schönen person, die ihn aufmerksam betrachtete, und er schlug höchst verlegen die Augen nieder und schämte sich vor ihr, indessen er doch ein wenig lächeln musste, denn er gedachte sogleich wieder des unglückseligen Römer, welcher ihm einst den vor der schönen Nausikaa sich schämenden Odysseus poetisch erklärt hatte. Oh, dachte er, da es noch hie und da eine Nausikaa gibt, so werde ich auch mein Itaka noch erreichen! Aber welch närrische Odysseen sind dies im neunzehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung!

Diese Betrachtung dauerte aber nur einen Augenblick, und die liebliche Jungfrau sagte inzwischen zu dem unholden Kirchendiener "Was gibt es hier mit diesem mann?"

"Ei, gnädiges fräulein!" erwiderte der Küster, "weiss Gott, was dies für ein Heide mag sein! Er will durchaus in der Kirche oder auf dem Kirchhof einschlafen; das kann doch nicht geschehen, und wenn er ein armer Landfahrer ist, so schläft er gewiss besser im Dorf in irgendeiner Scheune!"

Die junge Dame sah den Heinrich an und sagte freundlich "Warum wollen Sie durchaus hier schlafen? Lieben Sie die Toten so sehr?"

"Ach, mein fräulein", sagte Heinrich, indem er ziemlich furchtsam aufblickte, "ich hielt sie für die eigentlichen Inhaber und Gastgeber der Erde, die keinen Müden abweisen; aber wie ich sehe, so sind sie von den Lebendigen auch in dieser Hinsicht arg bevormundet und wird ihre Intention stets ausgelegt, wie es denen gefällt, die über ihren Köpfen dahingehen!"

"Das sollen Sie nicht sagen", erwiderte lieblich lachend das fräulein, "dass wir hierzulande schlimmer gesinnt seien als die Toten! Wenn Sie sich nur erst ein bisschen ausweisen wollen und sagen, wie es Ihnen geht, so werden Sie uns Lebendige hier schon als leidliche Leute finden!"

"Was meine Herkunft betrifft", antwortete Heinrich und blickte sie jetzt sicher und ernstaft an, "so bin ich sehr guter Leute Kind und eben im Begriff, sosehr ich kann, zu laufen, wo ich hergekommen bin. Ich bin aus der Schweiz, und seit mehreren Jahren habe ich als Künstler in der Hauptstadt dieses Landes gelebt, um zu entdecken, dass ich eigentlich kein Künstler sei. Dabei erging es mir übel, und ich begab mich ohne alle Mittel, wie ich ging und stand, auf den Heimweg, um mich zu bessern. Ich wünsche und hoffe aber, unbemerkt und ohne irgend den Menschen unterwegs auf- und lästig zu fallen, nach haus zu kommen. Ich wollte ungesehen und unbemerkt in dieser Kirche die Nacht zubringen, da es so abscheuliches Wetter ist, und in aller Stille am Morgen wieder weiterziehen. Wenn hier ganz in der Nähe irgendein Vordach oder eine Hütte ist, denn weiter kann ich nicht mehr, so befehlen Sie, dass man mich dort ruhen lässt und tut, als ob ich gar nicht da wäre, und am Morgen werde ich dankbar wieder verschwunden sein."

Das Mädchen besann sich eine kleine Weile, den Fremden ansehend, und sagte dann mit unveränderter Freundlichkeit "Sie kommen mir zwar ganz fremd vor; doch wollt ich wetten, dass Sie jener junge Schweizer sind, der vor sechs Jahren mit uns in dem Gastöfe zusammentraf, einige Stunden von hier, und der dann mit meinem Papa weiterfuhr nach der Residenz! Erinnern Sie sich nicht mehr des kleinen Hündchens, welchem Sie Kuchen gaben über den Tisch?"

Heinrich sah jetzt das hochgewachsene schöne Frauenzimmer, das zwei- bis dreiundzwanzig Jahre zählen mochte, erstaunt an. Das also