in eine weite, wunderschöne deutsche Herbstmorgenlandschaft hinaus. Waldige und dunkle Gebirgszüge umgaben den Horizont, durch das weite Tal schlängelte sich ein rötlicher Fluss daher, weil der halbe Himmel im Morgenrot flammte und die purpurisch angeglühten Wolkenschichten über Feldern, Höhen, Dörfern und kleinen grauen Städten hingen. Nebel rauchte an den Waldhängen und verzog sich an den dunkelblauen Bergen; Burgen, hohe Stadttore und Kirchtürme glänzten rötlich auf, und über all dem stand noch der spät aufgegangene Mond am Himmel und vermehrte, ohne zu leuchten, den Reichtum dieser Herbstwelt um sein goldenes Rund. Längs des Waldrandes, über welchem er schwebte, entspann sich ein hallender Jagdlärm; Hörner tönten, Hunde musizierten fern und nah, Schüsse knallten, und ein schöner Hirsch sprang an Heinrich vorüber, als er eben den Forst verliess. Das Morgenrot und der alte Mond waren so ruhig und heimatlich, ihn dünkte, er müsse und müsse zu haus sein, während das fremde Gebirge ihm nur zu deutlich sagte, wie fern er noch sei, und das Morgenrot überdies noch den Seufzer entlockte: "Morgenrot bringt ein nasses Abendbrot!" Jenes verkündete einen unzweifelhaften tüchtigen Regentag, und der wandernde Heinrich dachte mit Schrecken an die kommenden Fluten und dass er durchnässt bis auf die Haut in die zweite Nacht hineingehen müsse. Die Nässe und der Schmutz besiegeln jeglichen schlechten Humor des Schicksals und nehmen dem Verlassenen noch den letzten Trost, sich etwa erschöpft an die trockene Erde zu werfen, wo es niemand sieht. Überall kältet ihm die bitterliche Feuchte entgegen, und er ist gezwungen, aufrecht über sie hinzutanzen und doch immer zu versinken.
Bald verhüllte auch ein dichtes Nebeltuch alle die Morgenpracht, und das graue Tuch begann sich langsam in nasse Fäden zu entfasern, bis ein gleichmässiger starker Regen weit und breit herniederfuhr, welcher den ganzen Tag anhielt. Nur manchmal wechselte das nasskalte Einerlei mit noch stärkeren Wassergüssen, welche einen kräftigen Rhytmus in das Schlamm- und Wasserleben brachten, das bald alles Land und alle Wege überzog. Heinrich ging unverdrossen durch die Fluten, welche längst seine Kleider durchdrangen, in den Nacken strömten und aus den Rockärmeln herausliefen. Einen Bauernknecht auf dem feld fragte er nun nach der Gegend und vernahm, dass er im allgemeinen die rechte Richtung innegehalten und nur um einige Stunden seitwärts geraten sei. Er sah mit Seufzen ein, dass er unmöglich in einem zug nach der Heimat gelangen könne, ohne etwas zu essen; doch berechnete er, dass er bis zum nächsten Tage eine Landschaft erreichen müsse, wo seiner dunklen Erinnerung nach schon etwas Obst wuchs, dass er gefallene Früchte suchen, sich leiblich stärken und unter irgendeiner Feldscheune ruhen könne, um dann in einem zweiten Anlauf die Schweizer Grenze zu erreichen, wo er heimisch und geborgen war. Doch schon um die Mittagszeit, als er durch ein triefendes Gehölz ging und es rings im land Mittag läutete, schien ihm der Hunger und die Ermattung unerträglich, und er setzte sich ratlos auf einen nassen Steinblock. Da kam ein altes Mütterchen dahergetrippelt, welches mit der einen Hand ein elendes Bündel kurzen Reisigs auf dem grauen kopf trug, dessen Haare so rauh und struppig waren wie das Reisig, und mit der anderen Hand mühselig eine abgebrochene Birkenstaude nachschleppte. Mit tausend kurzen, zitternden Schrittchen zerrte sie emsig und keuchend, viele Seufzer ausstossend, den widerspenstigen Busch über alle Hindernisse nach sich, gleich einer Ameise, die einen zu schweren Halm nach dem Bau schleppt. Heinrich bedachte eben mit Scham über seine eigene Ungeduld, wie das schwache bejahrte Weib, das vielleicht dem land arbeitende und starke Söhne geboren hatte, sein ganzes Leben nur einen fortgesetzten gang in Regen und Not ging, ohne Grund und ohne Schuld, als ein dicker Flurschütz des Weges kam, wohl ebenso alt wie das arme Weib, aber mit rotem trotzigen Gesicht und einem eisgrauen Schnurrbart und scheibenrunden, töricht rollenden Augen. Dieser fuhr sogleich über die Frau her, welche den Busch zitternd fahrenliess, und schrie "Hast wieder Holz gestohlen, du Strolchin!" Bei allen Heiligen beteuerte die Alte, dass sie das Birkenbäumchen also geknickt mitten auf dem Wege gefunden habe; aber er rief "Lügen tust du auch noch? wart, ich werde dir's austreiben!" Und der alte Mann nahm die alte Graue beim vertrockneten Ohr, welches unter der verschobenen geblümten Kattunhaube hervorguckte, und zerrte sie mehrmals an selbem hin und her, wie man etwa einen bösen jungen Buben schüttelt, dass es höchst seltsam und unnatürlich anzusehen war. Heinrich sprang mit einem Satze hinzu und schlug dem bösen Holzvogt sein hartes Wachstuchpäcklein einigemal so heftig um die Ohren und auf das Gesicht, dass der Unhold taumelte und ihm das übermütige Blut aus Mund und Nase rann. Das Frauchen machte sich, so schnell es konnte, aus dem Staube, oder vielmehr aus dem Regen, der Feldwärtel aber wollte seinen Säbel ziehen, und indem dieser nicht hervorkommen wollte, verharrte der Wütende krampfhaft in der ziehenden Stellung, die eine Hand am Griff, die andere an der Scheide, schnaubend und fluchend, und gab in dieser gebannten Lage ein so herausforderndes Bild der höchsten Wut, dass Heinrich noch einmal auf ihn zusprang, ihm noch mehrere Maulschellen gab und mit Scheltworten, Stössen und Schlägen davonjagte. Froher als der junge Moses, der den ägyptischen Aufseher erschlagen, atmete er auf und fand plötzlich, dass das unvorhergesehene Abenteuer ein gutes Mittagsmahl war, denn er fühlte nicht mehr den mindesten Hunger und sich so angenehm aufgeregt und bei Kräften, dass er