kehrte er doch in dem ernsten heiligen Bettlerleide eines gänzlich Obdachlosen und Hilfesuchenden und zeigte so wenigstens eine bestimmte Gestalt und Gewandung dem mitlebenden Geschlechte und nahm einen erkennbaren Rang in demselben ein. Dies war nichts weniger als etwa Trotz und Hohn, sondern er hielt es aufrichtig für ein kostbares und erlösendes Gut, und das Wie war ihm gleichgültig, wenn nur das Geschick für einmal erfüllt war. Ja, der Augenblick, wo er in voller Demut und mit der reichen Erfahrung von Not und Abhängigkeit unter das Dach der Mutter treten würde, erschien ihm als das süsseste Glück und kaum zu erwarten, und er schätzte jeden Schritt, den er auf der nächtlichen Strasse tat, mit einem Seufzer nach dem Mass und Wert, in welchem er ihn seinem Ziele näher brachte.
Achtes Kapitel
Aber er lernte erst jetzt die allerursprünglichsten menschlichen Zustände kennen. Er war auf dem Dampfwagen angekommen vor Jahren und seitdem nach dieser Seite hin kaum über das Weichbild der Stadt hinausgelangt und hatte sich um die Lage der Ortschaften und um das Strassennetz nicht gekümmert. Bald stiess er in der Dunkelheit auf den Eisenbahndamm, welcher die Landstrasse durchschnitt; ein später Zug brauste vorüber, der in fliegender Eile an das gleiche Ziel führte, welches Heinrich zu erreichen strebte, und wehmütig sah er die dröhnende Wagenburg in der nächtlichen Ferne verschwinden. Jetzt teilte sich die Strasse in zwei fast gleich grosse Zweige, und da er den Unterschied wegen der Nacht nicht bemerkte, folgte er dem etwas schmälern Zweige; nach einer Stunde wiederholte sich der gleiche Irrtum, indem die Strasse sich abermals in eine unmerklich kleinere abzweigte, und endlich war Heinrich, auf einem schmalen holperigen Fahrweg gehend, weit seitwärts von der Heerstrasse und in das Innere des alten Landes geraten. Er ging über dunkle Höhen, durch Gehölze, über Feld- und Wiesenfluren, an Dörfern vorüber, deren schwache Umrisse oder matte Lichter weit vom Wege lagen; er begegnete einzelnen unkenntlichen Menschen, welche ihn ebensowenig erkennen mochten und behutsam grüssten oder auch schweigend vorbeigingen. Aber er fragte niemanden nach dem Wege, da er einen nähern Ort in der Richtung nach der Schweiz nicht zu nennen wusste und nach der letzteren am wenigsten fragen mochte in der Überzeugung, dass die Frage, so tief im fremden land, auf nächtlichen Wegen an herumdämmernde Landleute gerichtet, vollkommen zwecklos und töricht erscheinen, ja sogar bedenklich auffallen würde. So ging er mitten in dem zivilisiertesten Weltteil wie in einer unbewohnten Wildnis und suchte nur die Richtung nach der Heimat innezuhalten, indem er die Himmelsgegend nach den Spuren des verloschenen herbstlichen Abendrotes im Auge behielt. Obschon er müde ward, so wanderte er unverdrossen weiter, sein Päckchen bald unter diesen, bald unter jenen Arm nehmend; denn die Nacht war frostig und kalt. Bald schmerzten ihn auch die steinigen harten Geleise der Wege durch die schlechten Sohlen, und er schlotterte in seinen dünnen Kleidern. Die tiefste Einsamkeit waltete jetzt auf Erden, da es Mitternacht war und Heinrich über weite Felder ging; aber um so belebter waren die herbstlichen, mondlosen, aber mit tausend Sternbildern durchwirkten Lüfte, denn singende, zwitschernde Staren- und Schwalbenvölker zogen nach Süden, ja die ganze Nacht hindurch rauschte und tönte es auf den himmlischen Strassen von Sängerscharen, wilden Tauben-, Hühner- und Gänsezügen, welche entweder weit aus Norden kamen oder aus diesen Fluren aufbrachen und südwärts reisten. Noch nie hatte Heinrich diesen herbstlichen Nachtverkehr der Lüfte so genau und auffallend gesehen, und indem er sich unten auf der dunklen harten Erde mühselig fortalf, blickte er fortwährend nach dem Himmel und beobachtete neugierig das Ziehen und Begegnen der gefiederten Völkerschaften, denen mit Sonnenaufgang das wärmere Land und die neue lustige Heimat gewiss war.
Dann geriet er in einen grossen Forst, und die Dunkelheit wurde vollkommen. Still huschte der Kauz an seinem gesicht vorüber, die Waldschnepfe bog hier und dort blitzschnell um die Büsche, wovon er aber nur ein leises Wehen hörte, aus der Tiefe schrie der Uhu. Diesen hatte Heinrich nie gehört, und er kannte sein Geschrei nicht, daher machte es die Verwirrung und Fremdheit des Abenteuers vollständig. Doch stiess er nun an einer Lichtung auf einen rauchenden Kohlenmeiler, dessen Hüter in der Erdhütte steckte und schlief. Heinrich setzte sich auf einen Baumstrunk an den heissen Meiler und wärmte sich, und er wäre ganz glücklich gewesen, wenn er jetzt nur etwas zu essen und zu trinken gehabt hätte. Er ging zwar einigemal unter die Bäume und ein wenig in sie hinein und griff gierig mit den Händen im Dunkeln herum, ob nicht etwa ein Tier oder ein Vogel in dieselben geraten möchte, was er würgen und braten könnte; es rauschte auch auf und gab laut da und dort; allein nichts kam ihm unter die begierigen hände, und traurig kehrte er an seinen Platz zurück, wo er endlich einschlief. Ein Flug laut schreiender Wanderfalken, deren silberblaue Flügel und weisse Federbrüste im ersten Morgenrot blitzten, weckte den Schläfer aus verlorenen Träumen, und da, wie er sich ermunterte, der Köhler sich zugleich zu regen und aus seiner Hütte zu kriechen begann, die Füsse voran, so stand Heinrich auf und setzte seinen Weg fort, dem Köhler einen guten Morgen wünschend, und der Köhler dankte ihm, des Glaubens, er wäre ein früh vorübergehender Reisender mit kleinem Wachstuchbündel. "Der mag auch kaum ein altes Hemde in seinem Päckchen haben!" sagte er vor sich hin, als die dürftige Gestalt im wald verschwand.
Doch dieser nahm bald ein Ende, und Heinrich trat