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brausen selbst mit und sind doch nie etwas anderes als das, was wir sind! Wir gehen unter und leben doch, und was wir leben, das sorgen wir nicht! Im Herbst schütteln wir alle Blätter ab, und im Lenz bekleiden wir uns mit jungem Grün; heute verrinnen wir und scheinen versiegt, und morgen sind wir da und strömen einher, und ich, der Wind, wehe, wohin ich muss, und tue es mit Freuden, ob ich auf meinen Flügeln Rosengerüche trage oder die Wolken des Unheils!

Als Heinrich nach der Stadt zurückkehrte, beschloss er, nie mehr zum Alten zu gehen, möge ihm geschehen, was da wolle, und so schwer es ihm auch fiel; denn er hatte das ungewöhnliche graue Männchen liebgewonnen.

Siebentes Kapitel

Den andern Morgen, als Heinrich aufgestanden, empfing er einen Besuch von seiner Hauswirtin, welche eine unvermögliche Frau war und einen ganzen Trupp Kinder zu ernähren hatte, während ihr Mann seinen Erwerb anderweitig hintrug. Heinrich war ihr seit einem halben Jahre die Miete schuldig; denn dies war ein Gegenstand, welcher ihm keine Wahl liess, Schulden zu machen oder nicht, da er ein Obdach haben musste. Die arme Frau hatte ihn nie gedrängt und wusste, dass die, so in Sorgen leben, am besten mit Geduld und Nachsicht zusammen aus kommen, was aber dann eine um so grössere Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit mit sich bringt, die wiederum nicht so wohl wie eine harte Geschäftspflicht als mit frohem Dank aufgenommen wird. Jetzt bat sie ihn um Berichtigung seiner Schuld, da mit ihrer Beobachtung, dass Heinrich einiger Barschaft froh war, zugleich das eigene, nicht eine Stunde länger zu ertragende Bedürfnis sich gesteigert hatte, und zwar in aller Aufrichtigkeit und Überzeugung. Denn das ist das ergötzliche und artige Band bei der Armut, wenn eines ein Häppchen erschnappt hat, so schreit das andere, das sich bislang ganz still gehalten, plötzlich und ohne Bosheit, als ob es am Spiesse stäke, und dieser liebenswürdige Wechsel von Entbehrung und Mitgenuss, von Opfer- freudigkeit und unverhohlenem Anspruch lässt sie nur um so natürlicher und menschlicher empfinden und zum Vorschein kommen. Heinrich, der seinerseits ebenso unbefangen nicht an seine Schuld gedacht hatte, war in der gleichen Unbefangenheit nur froh, der Frau sogleich genügen zu können, und sah sich, ehe er sich ganz ermuntert, beinahe des ganzen Ergebnisses seiner Spirallinie beraubt. So erfuhr er nun eine noch bedeutsamere Seite der Schuldbarkeit und Pflichterfüllung, nämlich wie es tut, wenn man nicht etwa nur mit leicht erworbenen oder fremden Mitteln zierlich und gern seine Pflicht löst, sondern auch mit der Frucht der bitteren und anhaltenden Arbeit Recht und Menschlichkeit zufriedenstellt, ehe man an die eigene Not denkt. Dies war sein glückliches Erbgut, das weit mehr in seinem Blute als in seinem Wissen lag, dass er durchaus keinen Unterschied zu machen vermochte zwischen dem Gelde, das er ohne Mühe durch die sorge anderer erhalten, und zwischen dem, was er sich sauer erworben; denn es hinderte ihn nun, in der Versuchung der Not jener Klugheit und anscheinend gerechtfertigter Berechnung zu verfallen, welche so manche Menschen in schlimmeren zeiten wohl schlau über dem wasser hält, aber nur um sie dann gänzlich in Selbstsucht und Gemütsschmutz untergehen zu lassen.

Die bedrängte Wirtin befreite sich noch am selben Tage von einer Menge kleiner heftiger Gläubiger, erhielt neuen Kredit beim Bäcker, tat sich etwas gütlich mit ihren vom Vater verlassenen Kindern, erwarb sogar ein Stück geringen Zeuges zu neuen Hemdchen für dieselben, kurz, sie atmete auf und lebte nach ihrer Weise herrlich und in Freuden, während Heinrich am gleichen Tage einen so ratlosen Zeitraum antrat, wie er ihn vor kurzem noch nicht geahnt. Hatte sich seine wohnung von allem Besitztume geleert, so sah er jetzt, dass sie dennoch noch leerer und kahler werden konnte, indem er von den letzten, fast völlig wertlosen Gegenständchen und Bruchstücken zehrte, und bald sah es so verzweifelt dürr und hoffnungsarm um ihn aus, dass die Wirtin ihn auffordern musste, sich eine andere wohnung zu suchen; denn er war nun, wie sie wohl sah, unter den Stand ihrer eigenen Armut hinabgesunken, und bei dieser Ungleichheit lag es nicht mehr in ihrem Vermögen, etwa auf sein besseres Glück zu bauen und die Selbsterhaltung hintanzusetzen.

So zog er mit seinem leeren Koffer, in welchem allein das Buch seiner Jugendgeschichte lag, in eine neue wohnung und erlebte es zum ersten Male, von unbekannten Leuten gleich als Habenichts ohne Höflichkeit und mit Misstrauen empfangen und angesehen zu werden, als sie seine Nichtabe bemerkten. Er ging jetzt auch schlecht in Kleidern einher und musste tausend Geschicklichkeiten erwerben, dies so gut als möglich zu verbergen, und alles dies und wenn ihm das wasser in die zerrissenen Sohlen drang, lehrte ihn mit stummer Beredsamkeit die menschlichen Dinge zu empfinden und zog und bog den grünen Zweig seines Wesens kräftig nach allen Seiten, dass er geschmeidig wurde.

Er ertrug das Härteste ohne Verbitterung und ohne Hoffnungslosigkeit, wohl fühlend, dass eher ein Berg einstürzt, als ein Menschenwesen ohne angemessene Schuld zugrunde geht; wenn er sich selbst sah, wie er ebenso still und geduldig alle Strapazen, Entbehrungen und Demütigungen zu bestehen als behende und begehrlich, wie ein hungriges Füchslein, ein sich darbietendes Lebensmittelchen zu erschnappen und auch dem Allerwenigsten dankbar einen hohen Wert beizulegen verstand, ohne sich doch gierig und tierisch zu gebärden, so übte er sich gerade an diesem Schauspiel, sein besseres Bewusstsein über dasselbe zu erheben ohne geistige Überhebung