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entlegenen Schenke ein spärliches Abendbrot gegessen, seinen Erwerb geizig zusammenhaltend, kehrte er müde und zufrieden in seine wohnung zurück und konnte kaum den Tag erwarten, wo er in aller Frühe wieder an die seltsame Arbeit gehen durfte.

So kam endlich der Tag heran, an welchem die künftige Königin ihren Einzug hielt. Schon am frühen Morgen fingen die Strassen an, das allerbunteste Gewand anzuziehen, und die Bevölkerung wogte hin und her, der besitzende, angesessene oder abhängige teil noch mit den Anstalten beschäftigt, der müssige und unabhängige teil gaffend und sich an dem Tun der anderen vergnügend. Werkleute hämmerten und kletterten an Gerüsten und Ehrenbogen umher, Gärtner und Bauern führten ganze Lasten grünen Zeuges herbei, indessen die Behörden und Zünfte auf den Beinen waren und ihren Aufzug in zwecklosem Umherstehen undgehen den ganzen Tag hielten. Die dicke gespreizte Magistratsperson, die nicht wusste, wo ihr der Kopf stand vor aufgeblähtem Eifer, Wohldienerei und Wichtigtuerei, rannte die arme Witwe über den Haufen, die noch in der letzten Stunde ein Kränzchen oder Fähnchen herbeiholte, und der reiche Hofschuhmacher stiess mit der ungeheuren Schilderei, welche er an seinem Laden aufrichtete, der über ihm wohnenden alten Jungfer den verblühten Myrtenstock herunter, welchen die Geizige statt allen Aufwandes vor das Fenster gesetzt.

Im Laden des Alten war es allmählich leer geworden, nur einzelne arme Leute kamen am Nachmittage noch, um nach reiflichem Entschlusse und Erwägung des Nutzens oder des Schadens, welchen die Unterlassung bringen könnte, noch eine billige Fahne oder zwei zu holen, und feilschten hartnäckig um den Preis. Der Alte zählte jetzt seine Einnahme, und vollauf damit beschäftigt, forderte er Heinrich auf, sich jetzt hinauszumachen, unter die Leute zu gehen, den Einzug anzusehen und sich etwas gütlich zu tun. "Sie machen sich wohl nichts daraus, wie?" fügte er hinzu, als er sah, dass der Aufgeforderte keine besondere Lust zeigte, "sehen Sie, so wird man gesetzt und klug! Schon weiser geworden dahinten bei der alten Esse in der kurzen Zeit! Das ist recht, so muss es kommen! Aber geht dennoch ein bisschen hinaus, Liebster, und wäre es nur, um einmal die Sonne zu geniessen und ein schönes junges Königskind anzusehen." Heinrich fühlte sich nicht berufen, dem Alten auseinanderzusetzen, inwiefern er recht oder unrecht habe mit seiner Zufriedenheit und seiner Anschauung, ging jedoch vor die Stadt hinaus, um jedenfalls etwas Luft zu schöpfen. Er sah nun auf dem Wege die ganze Herrlichkeit fertig und mit einem Male, alles schwamm, flatterte, glänzte und schimmerte in Farben, Gold und Grün, und ein unzähliger Menschenstrom wälzte sich vor das Tor, wo eine schon vorhandene gleiche Menge auf dem feld lagerte und zechte, als ob es gälte, ein Ilion von Tonnen zu bezwingen. Aber die goldene Nachmittagssonne rechtfertigte und verklärte allen Lärm, alles Toben und alle Lust; Heinrich atmete tief auf, und es war ihm zu Mut, als ob er ein Jahr lang am Schatten gelegen hätte in einem kalten Gefängnis, so wärmend und wohltuend strömte der goldene Schein auf ihn ein.

Plötzlich ertönte Kanonendonner, Glockengeläute über der ganzen weitgedehnten Stadt, Musik erschallte an allen Enden, die Trommeln wurden gerührt, auf der breiten Landstrasse wälzte sich erst ein laufender Menschenknäuel daher, dann rasselte ein geharnischter Reiterhaufen, ritten Beamtete aller Art heran, und an der Spitze eines langen Wagenzuges rollte jetzt der Blumenwagen vorüber, in welchem ein liebliches junges Mädchen sass in Reisekleidern und höchst vergnügt das tobende Volk begrüsste. Doch alles ging so schnell vorüber wie ein Traum, und hinter den letzten Reitern flutete die Menge zusammen und bedeckte, sich langsam nach der Stadt wälzend, alle Gehöfte, Wirtshäuser und Schenken im Umkreise und fiel singend, lärmend, prügelnd in die zahllosen Fallen, welche ihr die stillen Spekulanten des Tages überall aufgestellt.

Auch Heinrich schlenderte in die Stadt zurück und unterhielt sich nun damit, seine Fahnenstangen vor den anderen herauszusuchen; er kannte sie bald an verschiedenen Zeichen, und ein um das andere Haus wies diese Erzeugnisse seines Fleisses auf. Unversehens aber erwachte der Republikaner in ihm, und er rief schmerzlich in sich hinein "Das ist also nun das Ende vom lied, dass du in dieser Stadt sitzest und solchen Unsinn beiträgst zum Unsinn!" Und als ob alle Leute ihm ansehen könnten, dass er die unzähligen Stängelchen und Stangen bemalt, während in der Tat kein Sterblicher eine Ahnung hatte ausser dem Alten, eilte Heinrich voll Scham und Zerknirschteit wieder aus der Stadt an den abendlichen Fluss hinaus und in die schönen Gehölze, die sich längs desselben hinzogen. Er ging auf denselben Wegen, auf welchen er einst in Floribus als hoffnungsreicher Kunstjünger gefahren und gegangen in jener grünen Narrentracht und mit Ferdinand Lys gestritten hatte. Die politischen Bedenken wegen seiner Steckenarbeit traten jetzt zwar zurück, aber nur, um noch tieferen Platz zu machen. Das war nun, sagte er sich, so ein Stück Schulzeit in der Schule dieses Alten! aber nun ist es nachgerade mehr als genug! Der rauschende Fluss, die rauschenden Bäume, die balsamische Luft der hereinbrechenden Nacht, die er alle so lange nicht genossen, schienen ihn aufzurufen zur Treue gegen sich selbst und zum Widerstand gegen jedes unnatürliche Joch und schienen zu singen Siehe, wir rauschen, wehen und fliessen, atmen und leben und sind alle Augenblicke da, wie wir sind, und lassen uns nichts anfechten. Wir biegen und neigen uns, leiden und lassen es über uns dahinbrausen und