1853_Keller_151_250.txt

sorgfältig die letzten Fetzen und Fragmente zusammengesucht und für den Alten zugestutzt hatte. Endlich bot er ihm seine grossen Bilder und Kartons an, und der Alte sagte, er solle sie nur einmal herbringen. Heinrich erwiderte, das ginge nicht wohl an, und bat ihn um so viel Geld, dass er sie könne hertragen lassen. "Warum nicht gar, hertragen lassen! Sie Sapperloter! Gleich gehen Sie hin und holen ein Stück her! Fürchten Sie denn, man werde Ihnen den Kopf abbeissen?" Und er schmeichelte und schalt so lange, bis Heinrich sich entschloss und nach haus ging und das Bild holte, welches er einst so unglücklich ausgestellt hatte. Es war sehr schwer, und der weite Weg ermüdete seine arme auf ungewohnte Weise. Der Alte aber lächelte und schmunzelte und rief "Ei, ei! sieh, sieh! das ist ja ein ganzes Gemälde! Verstehe nicht den Teufel davon! Aber hochtragisch sieht's aus (er wollte sagen hochtragend oder hochstelzig), habe in meinem Leben nichts so im Laden gehabt! Wissen Sie was, Freundchen, jetzt holen Sie hübsch noch die anderen Sachen, damit wir alles beisammen haben. nachher wollen wir schauen, ob sich ein Handel machen lässt. Gehen Sie, gehen Sie, Bewegung ist immer gesund!"

Heinrich ging abermals nach seiner wohnung und ergriff den grössten Karton, einen mit Papier bespannten Blendrahmen von acht Fuss Breite und entsprechender Höhe. Dies Ungetüm war leicht von Gewicht, aber ungefüg zu tragen wegen seiner Grösse, und als der unmutige Träger damit auf die Strasse gelangte, blies sofort ein lustiger Ostwind darein, dass es Heinrich kaum zu halten vermochte. Überdies musste er, da die grosse Fahne nur auf der Rückseite an der Kreuzleiste zu halten war, die bemalte Seite nach aussen kehren, und so begann er, sich dahinter bestmöglich verbergend, mit seiner Oriflamme durch die belebten Strassen zu ziehen. Alsobald zog eine Schar Knaben und Mädchen vor der wandelnden Landschaft her, und jeder Erwachsene ging ebenfalls ein Dutzend Schritte daneben hin und stolperte, während er die offenbaren und preisgegebenen Erfindungen Heinrichs zu enträtseln suchte, über die Steine. Zwei wohlhabende und angesehene Künstler gingen vorüber und betrachteten vornehm und verwundert den beschämten Träger, der ihnen bekannt vorkam; er fuhr mit seiner spanischen Wand gegen einen Wagen, den er nicht sehen konnte, so dass die Pferde scheu wurden, der Fuhrmann fluchte, und zugleich brachten starke Windstösse das ganze Wesen ins Schwanken, und dieses stiess Heinrichs Hut herunter, so dass er nun nicht wusste, sollte er den im Kote dahinrollenden oder sein behextes Werk fahrenlassen. Diese Flucht seines Hutes war einer jener kleinen lächerlichen Unfälle, welche einen tiefen Verdruss oder grämliches Leiden auf den Gipfel bringen, und so stand Heinrich ganz elend und ratlos da und unterdrückte einen bitterlichen Zorn im Herzen. Er war in der Verwirrung mitten auf den Gemüsemarkt geraten und konnte sich vollends nicht mehr rühren. Fluchend tat er einen Ruck und schwang seinen Karton über seinen Kopf, um ihn dort in die andere Hand und in eine bequemere Lage zu bringen; als das unselige Werk aber in der Luft schwebte, fand er nicht mehr Raum, es wieder herunterzunehmen, und hielt es so über den wogenden Köpfen der Menschenmenge. Erst jetzt gab es einen rechten Auflauf auf dem Markte, denn das Luftphänomen zog alle Leute herbei, die Fenster in den umliegenden Häusern taten sich auf, alles lachte, schimpfte und rief "Wer wird denn mit solchem Ofenschirm über den Markt gehen um diese Zeit?" Da drängte sich Heinrichs Gönnermännchen aus dem Dickicht, im grauen Schlafrock und seine weisse Zipfelkappe auf dem kopf, über die Schulter ein Netz mit Gemüse und Fleisch geworfen und Heinrichs übel zugerichteten Hut in der Hand. Freundlich winkte die lächerliche Gestalt ihm zu, und Heinrich streckte sehnlich die Hand nach seinem hut. Aber der Alte rief mit wahrer Dämonenfreude "Nicht doch! mitnichten, Freundchen! Ihr kommt so viel besser fort! will Euch den Hut schon tragen und den Weg bahnen!" und der Ärmste, er mochte flehen, wie er wollte, musste mit blossem kopf, den mächtigen Rahmen über demselben schwingend, den übrigen Weg zurücklegen, den schlurfenden Alten mit seinem Netz vor sich her, der sich zu grösserer Bequemlichkeit den Hut über die Zipfelkappe gestülpt hatte und schreiend und lärmend voranschritt.

Als sie endlich vor dem Häuschen des Alten angekommen und die Unheilsfahne mit vieler Mühe in den engen Laden hineingezwängt hatten, schien das freundliche boshafte Greischen befriedigt. Er öffnete ausnahmsweise sein kleines Pult zur Hälfte, denn bisher hatte er seine winzigen Auszahlungen immer aus der Hosentasche bestritten, und griff behutsam unter den Deckel, wie einer, der eine Maus aus der Falle herausgreifen will, und indem er die Hand zurückzog, drückte er dem ausruhenden Heinrich zehn nagelneue Guldenstücke in die Hand für die beiden Schildereien, ohne ihn zu fragen, ob er damit einverstanden sei. "Für einmal", sagte er zutraulich leise, "will ich es mit diesen beiden Tausendsassas von Bildern wagen! Wenn ich sie auch behalten muss, was tut's? Ihr seid mir darum nicht feit, Freundchen, Schweizerchen! habt Euch heute gut gehalten, wie? , hi hi hi, was ist das für ein Kreuz mit so hochfahrendem Blute!"

Heinrich sagte kurz und bündig "Das versteht Ihr nicht, alter Herr!" – "Was verstehe ich nicht?" flüsterte der Alte, und der