welches man unwillkürlich liegenlässt, um es bei der Rückkehr wieder aufzunehmen, wie eine feine kostbare Uhr, welche man vor einer zu erwartenden Balgerei von sich legt, oder wie das ehrbare Bürgerkleid, welches man in den Schrank hängt beim Einbruch der Elemente, der Regenflut und des Schmutzwetters.
Die vermehrten Vorstellungen und Kenntnisse, das täglich neu genährte Denkvermögen, welches so lange geschlummert, erweckten von selbst eine rührige Bewegung, so dass Heinrich sich vielfach umtrieb und mit einer Menge von Leuten umging, welche den verschiedensten Studien, Richtungen und Stimmungen angehörten. Es wiederholte sich jener Vorgang aus seiner Kinderzeit, als er, indem er seine Sparbüchse verschwendete, plötzlich ein lauter und beredter Tonangeber geworden war. Auch jetzt entwickelte er unversehens eine grosse Beredsamkeit, ward, was er sich früher auch einmal sehnlich gewünscht hatte, ein meisterlicher Zecher, welcher die deutsche Zechweise mit so viel Phantasie und Geschicklichkeit betrieb, dass die so verbrachten Stunden und Nächte eher ein lehrreicher Gewinn, eine Art peripatetischer Weisheit schienen als ein Verlust. Das, was man lernte und sich mitteilend kehrte und wendete, geriet durch das aufgeregte Blut erst recht in Bewegung und durch die gesellschaftlichen Gegensätze, durch die hundert bald komischen, bald ernsten Konflikte in lebendigen Fluss, und das scheinbar rein Wissenschaftliche und Farblose bekam durch das gesellschaftliche und moralische Verhalten der Leute bestimmte Färbung und Anwendung oder diente diesem zu sofortiger Erklärung. Erst war die gewohnte Art herrschend gewesen, bei hervortretendem Widerspruche sich unwiderruflich auf seiner Seite zu halten, die Ehre in der Hartnäckigkeit zu suchen, mit welcher man um jeden Preis eine Meinung behaupten zu müssen glaubt, und im allgemeinen bei allen Andersdenkenden einen bösen Willen oder Unfähigkeit und Unwissenheit vorauszusetzen. Heinrich aber, welchen nun die Dinge von Grund aus zu berühren anfingen und welcher sich mit warmer Liebe um das Geheimnis ehrlicher Weltwahrheit bekümmerte, wie sie im Menschen sich birgt, ihn bewegt oder verlässt, brachte mit unbefangener und durchdringender Kraft zur anfänglichen Verwunderung der anderen die Lebensart auf, Recht- oder Unrechtaben als ganz gleichgültige Dinge zu betrachten und erst ihre Quellen als einen beachtenswerten Gegenstand aufzunehmen, in der höflichen und artigen Voraussetzung, dass es alle gut meinen und alle fähig wären, das Gute einzusehen. Dabei war er, wenn er sich ins Unrechtaben hineingeredet hatte, selbst der erste, welcher darüber nachdachte und bei kühlerm Blute sich selbst preisgab, die Sache wieder aufnahm und seinen Irrtum auch nach den eifrigsten und härtesten; Äusserungen eingestand und von neuem untersuchen half, jene falsche Höflichkeit verdrängend, welche mit dem kalten Aufsichberuhenlassen einer Sache einen um so grösseren heimlichen Hochmut und einen Dorn im Bewusstsein aller davonträgt. Diese Weise machte sich um so leichter geltend, als es sich bald bemerklich machte, dass nur diejenigen, welche einen wirklich bösen Willen oder eine gewisse Unfähigkeit besitzen mochten, mit jenem kaltöflichen Abbrechen sich zurückzuziehen beliebten und jeder also auch den Schein hievon vermeiden wollte. In solchen Fällen stellte es sich dann auf das liebenswürdigste heraus, dass durch diesen blossen Schein die innerlich Widerstrebenden und Murrenden doch eine goldene brücke fanden und unvermerkt auf die bessere Seite gezogen wurden und so einen Gewinn davontrugen, den sie früher nie gekannt in ihrem verstockten Wesen. Zugleich kam die löbliche Manier auf, alles im gleichen Flusse und mit gleicher Schwere oder Leichtigkeit zu behandeln und die anmassliche Art zu unterdrücken, einzelne vorübergehende Entdeckungen, Einfälle und Bemerkungen feierlich zu betonen und steifschreierisch vorzutragen, als ob jeden Augenblick eine Perle gefunden wäre zu ungeheuerster Erbauung, welche Art derjenigen schlechter Skribenten gleicht, die alle augenblicke ein Wort unterstreichen, einen neuen Absatz machen und ihre magere Schrift mit allen aufgehäuften interpunktorischen Mitteln überstreuen. Denn die gute schriftliche Rede soll so beschaffen sein, dass, wenn sie durch Zeit und Schicksale aller äusseren Unterscheidungszeichen beraubt und nur eine zusammengelaufene Schriftmasse bilden würde, sie dennoch nicht ein Jota an ihrem Inhalt und an ihrer klarheit verlöre.
Alle diese Lebensart gewann nun einen gewissermassen veredelnden und rechtfertigenden Anstrich dadurch, dass von dem Verkehr mit Weibern keine Rede war, sondern zufällig eine Schar junger Leute zusammentraf, welche sich darin gefiel, in diesen Dingen unberührt zu heissen oder höchstens einer Neigung sich bewusst zu sein, welche heiliggehalten und unbesprochen sein wollte. Heinrich war sogleich seiner äusseren leiblichen Unschuld froh und vergass gänzlich, dass er jemals nach schönen Gesichtern gesehen haue und dass es solche überhaupt in der Welt gab, die Fähigkeit des Menschen erfahrend, zu jeder Zeit neu werden zu können, wenn er die letzten zarten Schranken der Dinge nirgends überwältigt und durchbrochen hat. Er fühlte diese ganze Seite des Lebens wohltuend in sich ruhen und schlummern, und je früher und stärker seine Phantasie und seine Neigungen sonst wach gewesen waren, um so kühler und unbekümmerter lebte er jetzt und glich einen langen Zeitraum hindurch an wirklicher Reinheit der Gedanken dem jüngsten und sprödesten der Gesellen. Höchstens spielten die Frauen als Gegenstand der Betrachtung und Untersuchung in den Gesprächen eine zierliche Rolle, wobei sie denn freilich, da die Erfahrung der rüstigen Meinungskraft nicht gleichkam, meistens nicht zu gerecht beurteilt wurden. So war denn auch sogar dieser Umstand schon in jener Knabenzeit vorgezeichnet, wo die jungen Zecher und Prahler zugleich die Mädchenfeinde spielten.
Sollte sich nun vollends jener Abschluss der Knabenzeit, die Ausstossung aus der Schule, als eine solche Vorzeichnung erweisen und Heinrich in der Schule des Lebens unhaltbar werden, so waren seine Aussichten nicht die rosenfarbensten, und ein Gefühl dieser Art, abgesehen von dem neulich Erlebten, gab seinem Treiben eine dunkle Grundlage. Indessen war es ihm unmöglich, aus sich