, welche ihre Gründlichkeit und lebendige Innerlichkeit verdient und der Art ihres Entstehens entspricht, wie die Dauer jedes Erfolges nur die Abrechnung der verwendeten Mittel und die Prüfung des Verständnisses ist und wie gegen die ununterbrochene Ursachenreihe auch in der geschichte weder hoffen noch fürchten, weder jammern noch toben, weder Übermut noch Verzagteit etwas hilft, sondern Bewegung und Rückschlag ihren wohlgemessenen und begründeten Rhytmus haben, so gab er besonders acht auf die Zeit- und Dauerverhältnisse in der geschichte und verglich den Charakter der Ereignisse und Zustände mit ihrer Dauer und dem Wechsel ihrer Folge welche Art von anhaltenden Zuständen z.B. ein plötzliches oder ein allmähliches Ende nehmen oder welche Art von unerwarteten raschen Ereignissen dennoch einen dauernden Erfolg haben und warum? welche Bewegungsarten einen schnellen oder langsamen, einen gänzlichen oder teilweisen Rückschlag hervorrufen, welche von ihnen scheinbar täuschen und in die Irre führen und welche den erwarteten gang offen gehen? in welchem Verhältnis überhaupt die Summe des moralischen Inhaltes zu dem Rhytmus der Jahrhunderte, der Jahre, der Wochen und der einzelnen Tage in der geschichte stehe usw.? Dies alles betrieb er nicht, um eine Kalenderwissenschaft aufzustellen, sondern lediglich, um die eine moralische Anschauung von allen Dingen zu verstärken. Durch diese Anschauung wurde er befähigt, schon im Beginn einer Bewegung nach ihren Mitteln und nach ihrer natur die Hoffnung oder Furcht zu beschränken, die er auf sie zu setzen hatte, wie es einem besonnenen, freien staates und Weltbürger geziemt. Es ist, nicht leider, sondern glücklicherweise, kein Gemeinplatz, sondern eine eiserne Wahrheit, dass in der geschichte überall keine Hexerei, sondern das Sprüchlein? Wie man's treibt, so geht's! die lehrreichste Erklärung für alles ist.
Der ruhige feste Gleichmut, welcher aus solcher Auffassung des Ganzen und Vergleichung des einzelnen hervorgeht, glücklich gemischt mit lebendigem Gefühl und Feuer für das nächst zu Ergreifende und Selbsterlebte, macht erst den guten und wohlgebildeten Weltbürger aus. Denn wenn er in diesen, in seinen eigenen Bestrebungen scheitert oder ein grosses Misslingen oder einen Untergang miterlebt, so gibt nur jene Ruhe ihm denjenigen Trost und Halt, ohne welchen kein selbstbewusstes menschliches Wesen denkbar ist und leben kann.
Heinrich erwarb sich indessen nichts weniger als eine grosse Gelehrsamkeit oder gar die blosse Einbildung einer solchen; lediglich schaute er sich um, von einem dringenden Instinkte getrieben, erhellte sein Bewusstsein von den Dingen, die da sind, gelehrt, gelernt und betrieben werden, und hatte an allem eine ungetrübte gleichmässige Freude, ohne sich anzumassen, sich selbst etwa hervortun zu wollen, oder sich für dies oder jenes selbsttätig entscheiden zu können. Alles, was gründlich und zweckmässig betrieben wurde und echt menschlich war, erschien ihm jetzt gleich preiswürdig und wesentlich, und jeder schien ihm glücklich und beneidenswert, der, seinen Beruf recht begreifend, in Bewegung und Gesellschaft der Menschen, mit ihnen und für sie, unmittelbar wirken kann.
Dies alles hatte die kleine Figur des borghesischen Fechters veranlasst, und Heinrich trieb es wie etwa der Sohn eines wohlhabenden guten Hauses, welcher sich zu seiner Formierung im Auslande aufhält und einige allgemeine Studien treibt, von allem ein bisschen lernt, um dereinst einen wohlbestellten und unterrichteten Bürgersmann vorzustellen, welcher weiss, worum es sich handelt, und, ohne gelehrt zu sein, doch in manchem Falle, wo er nicht schon eine eigene Meinung hat, imstande ist, sich eine solche auf dem kürzesten Wege anzueignen.
So verging die Zeit, und während Heinrich ohne freien Willen, denn er konnte gar nicht anders, rücksichtslos und gänzlich die Zeit verwendete, sich Zeug und Stoff für seinen freien Willen zu verschaffen, nämlich Einsicht, wusste er bereits nicht mehr, wovon er leben sollte, und sah sich plötzlich zu seinem grossen Erstaunen von Not und sorge umgeben, so dass er kaum wusste, wie ihm geschah.
Viertes Kapitel
Als er vor nun bald vier Jahren sein Vaterhaus und seine Heimat verliess, war zu seinem Eintritt in die Welt die mässige Barsumme bestimmt, welche seine Mutter während ihres Witwenstandes, trotz ihrer beschränkten Verhältnisse und ungeachtet sie zu gleicher Zeit einen Sohn erzog, doch unbemerkt erspart hatte. Diese Summe war bei bescheidener Lebensweise für etwa ein Jahr hinreichend, nach dessen Ablauf sich ernähren und zugleich weiterbilden zu können Heinrich nicht zweifelte und seine Mutter ebenso sicher hoffte, da es geschehen musste und sie ihrer ganzen Lebensart nach selbst von nichts anderm wusste, als dem Notwendigen sich zu fügen und ihm gerecht zu werden. Sie nannte dies "sich nach der Decke strecken" und verzierte jeden ihrer Briefe, die sie an den Sohn schrieb, sorgfältigst am Eingang und am Schlusse mit dieser Metapher, und der Sohn nannte dieselbe scherzweise das Prokrustesbette seiner Mutter. Indessen, um für alle Fälle das Ihrige zu tun, veränderte sie sogleich am Tage nach seiner Abreise ihre Wirtschaft und verwandelte dieselbe beinahe vollständig in die Kunst, von nichts zu leben.
Sie erfand ein eigentümliches Gericht, eine Art schwarzer Suppe, welches sie jahraus, jahrein, einen Tag wie den andern um die Mittagszeit kochte, auf einem Feuerchen, welches ebenfalls beinahe von nichts brannte und ein Klafter Holz ewig dauern liess. Sie deckte während der Woche nicht mehr den Tisch, da sie nun ganz allein ass, nicht um die Mühe, sondern die Kosten der Wäsche zu ersparen, und setzte ihr Schüsselchen auf ein einfaches Strohmättchen, welches immer sauber blieb, und indem sie ihren abgeschliffenen Dreiviertelslöffel in die Suppe steckte, rief sie pünktlich den lieben Gott an, denselben für alle