Hoffnungen, welche so voll und wichtig klangen wie diejenigen, welche die Vorgänge des Weltraumes, des gestirnten himmels zum gegenstand hatten; als er endlich nicht wusste, wie er sich zu all diesem verhalten sollte, riet ihm ein junger Doktor, eine berühmte Vorlesung über Antropologie zu besuchen, welche eben in diesen Tagen ihren Anfang nahm. Der kluge junge Mann wusste wohl, dass dergleichen allgemeine, einleitende Lehren am besten geeignet wären, die erste verzeihliche Neugierde zu stillen, den Nichtberufenen aber gerade dadurch abhielten, sich dann ferner da zwecklos umherzutreiben, wo er nicht hingehörte.
So trat Heinrich zum ersten Male in das weitläufige, palastartige Universitätsgebäude und sah sich unter die summende Menge junger Leute verwickelt, welche aus allen Sälen strömte und auf den Gängen und Treppen sich kreuzte. Heinrich musste alle diese jungen Männer als seit zartester Jugend der Schule angehörend sich denken, unter dem doppelten Schutze des Staates und der Familie ununterbrochen lernend ins männliche Alter und in die Selbständigkeit hinüberreifend, und zwar so, dass mit der letzten Prüfung zugleich der sichere Eintritt in das bürgerliche Leben verbunden war. Sie bildeten gewissermassen die Staatsjugend, gegenüber welcher er sich als obskuren Gegenstand, als Stoff des Staates fühlte, besonders da sein heimatliches demokratisches Bewusstsein hier zurücktrat vor der allgemeinen Kluft, welche durch alle europäische Erziehung sich ausdehnt. Diese durcheinanderwogenden Jünglinge erschienen ihm auf den ersten blick rücksichtslos und selbstgefällig, und in Erwartung von Amt und Würden, welche sie zu verhöhnen vorgaben, einstweilen ihren Entwicklungszustand zu einer Art souveräner Autorität machend, von welcher aus alles sich bemessen und verachten liesse; ja innerhalb derselben schien es noch verschiedene Kasten, Stufen und Abzeichen zu geben, als reichliche gelegenheit, schon hier, unter dem Deckmantel der akademischen Freiheit, den Korporalsstab der Autorität tüchtig zu schwingen, und mancher jugendliche Führer sah schon leibhaftig aus wie ein Rekruten quälender Korporal.
Doch diese Eindrücke wechselten rasch mit anderen, als Heinrich in den bezeichneten Hörsaal trat, dessen Bänke noch leer waren. Die kahle Wand, die schwarze Tafel an derselben, die zerschnittenen und mit Tinte beklecksten Tische, alles erweckte in ihm das Gefühl, als verwirkliche sich jener ängstliche Traum aller Autodidakten, welche sich im Mannesalter, ja mit grauen Haaren in die Schulstube versetzt sehen, mitten unter ein Geschlecht mutwilliger Knaben, den alten strengen Lehrer vor sich, der sie beschämt und um ganze Reihen von blühenden Buben hinunterrücken lässt. Er fürchtete sich, aufgefordert zu werden, aufzustehen und Rechenschaft zu geben von allem, was er nicht gelernt habe.
Nun füllte sich aber allmählich der Saal, und voll Verwunderung änderte sich Heinrichs Stimmung wieder, als er die gedrängte Versammlung übersah. Neben einer Menge junger Leute seines Alters, welche höchst selbständig und rücksichtslos ihre Plätze einnahmen und behaupteten, erschienen viele vorgerückteren Alters, gut oder schlecht gekleidet, welche schon stiller und bescheidener unterzukommen suchten, und sogar einige alte Herren mit weissem Haar, selbst rühmliche Lehrer in anderen Gebieten, nahmen entlegene Seitenplätze ein, um dort zu sehen, was es noch für sie zu lernen gäbe. So mochten über hundert Zuhörer versammelt sein, welche des Vortragenden harrten, jeder mit anderer Empfänglichkeit, anderen Absichten und anderen Erfahrungen, so dass eigentlich jeder im wahren Sinne des Wortes hier ein Autodidakt war, das heisst ein solcher, der sich am Ende selbst zu dem macht, was er ist und wird. Dies wurde in der Tat augenscheinlich, als der berühmte Mann endlich in die Tür trat, sich das Haar zurechtstrich, rasch und anständig nach seinem Känzelchen eilte und dort mit achtungsvoller Anrede seinen Vortrag begann nicht wie einer, der streng und trocken lehren will, sondern wie ein Künstler, welcher durch Artigkeit, Wahl der Worte, Verbindung der Gedanken, durch Geist und Witz sich hervortun möchte und sichtlich bestrebt ist, sich den Beifall auch der geringsten seiner Zuhörer zu erwerben. Aus der leichten Anordnung und dem rednerischen fliessenden Vortrage des Gegenstandes, ohne alle geschriebene Vorlage, machten sich nicht im mindesten die mühseligen Studien und die gewissenhaft sorgfältigen arbeiten fühlbar, welche sie gekostet hatten; die schnell vorübergehende anschauliche Rede schien mehr eine Anregung und Aufforderung zu eigener Belehrung als eine feststehende unveränderliche Lehre zu sein, bei jedem wieder anders wirkend und sein unmittelbares Selbsturteil erweckend. Der gleiche Gegenstand führte den einen sofort und vielleicht für immer zu philosophischem Denken, den andern zu umfassender Naturbetrachtung, den dritten zur besonderen Erforschung des menschlichen Körpers oder zur Heilkunst; der vierte endlich, durch die Darstellung des Nahrungsprozesses, verfiel gar auf nationalökonomische Studien und wurde vielleicht ein grosser Politikus, während der fünfte, sechste und siebente die gleichen Dinge nur anhörten und niederschrieben, um sie in einem halben Jahre gänzlich zu vergessen und später als grosse Teologen, Seelenkundige und Sittenlehrer von Fleischeslust, Herzensverstockteit, Augen- und Ohrendienst zu reden, ohne eine klare Vorstellung von den betreffenden Organen zu besitzen.
Auf Heinrich, welcher arglos gekommen war, zu äusserer plastischer Verwendung einige gute Kenntnisse zu holen, wirkte schon die erste Stunde so, dass er sowohl seinen Zweck als alle seine Verhältnisse vergass und allein gespannt war auf die zuströmende Erfahrung. Hauptsächlich beschäftigte ihn alsobald die wunderbar scheinende Zweckmässigkeit in den Einzelheiten des tierischen Organismus; jede neue Tatsache schien ihm ein Beweis zu sein von der Scharfsinnigkeit und Geschicklichkeit Gottes, und obgleich er sich sein Leben lang die ganze Welt nur als vorgedacht und geschaffen vorgestellt hatte, so war es ihm nun bei diesem ersten Einblicke zu Mut, als ob er bisher eigentlich gar nichts gewusst hätte von der Erschaffung der Kreatur