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sich selber anzuwenden, und alle drei Heerzüge vereinen sich an einem friedlichen Ziele. Wer kann ermessen, wie nahe die Zeit ist, wo auch die Dichtung die zu schweren Wortzeilen wegwirft, zu jenem Dezimalsystem der leichtbeschwingten Striche greift und mit der bildenden Kunst in einer äusseren Form sich vermählt? Alsdann wird der reine Schöpfer- und Dichtergeist, welcher in jedem Bürger schlummert, durch keine Schranke mehr gehemmt, zutage treten, und wo sich zwei Städtebewohner träfen, wäre der Gruss hörbar: 'Dichter?' – 'Dichter!' oder 'Künstler?' – 'Künstler!' Ein zusammengesetzter Senat geprüfter Buchbinder und Rahmenvergolder würde in wöchentlichen olympischen Spielen massenhaft die Würde des Prachteinbandes und des goldenen Rahmens erteilen, nachdem sie sich eidlich verpflichtet, während der Dauer ihres Richteramtes selbst keine Epen und keine Bilder zu machen, und ganze Kohorten wissenschaftlich wie ästetisch verbildeter Verleger würden die gekrönten Epen in stündlich folgenden Auflagen von je einem Exemplare über ganz Deutschland hin so tiefsinnig verlegen, dass sie kein Teufel wiederfinden könnte!"

"Lieber Mann, was befällt dich, wo willst du hin?" rief Rosalie, die wie die anderen mit offenem mund dagestanden und abwechselnd bald den über und über bekritzelten Rahmen, bald den Redner betrachtet hatte, indessen Heinrich, mit Rot begossen, dann bleich werdend, in der unglückseligsten Laune verharrte. "Lasst es gut sein!" sagte Erikson, "dieser Witz, dieses Geschwätz sei für einmal mein gerührter Abschied von Deutschland! Von nun an wollen wir dergleichen hinter uns werfen und uns eines wohlangewandten Lebens befleissen!" Dann nahm er mit ernsterm Blicke Heinrich bei der Hand, führte ihn hinter einen grossen Karton und sagte leise zu ihm "Lys lässt dich freundlichst grüssen; der Arzt hat ihm geraten, nun sogleich nach dem Süden zu gehen und sich dort wenigstens zwei Jahre aufzuhalten. Er wird nach Palermo und dort genesend in sich gehen; die Krankheit scheint doch etwas an ihm geändert zu haben. Dein Gekritzel da auf dem Rahmen zeigt mir, dass du dich übel befindest und nicht mit dir einig bist; sieh, wie du aus der verfluchten Spinnwebe herauskommst, die du da angelegt hast, und wenn du dich mit dem Ding, mit der Kunst oder deren Richtung irgend getäuscht fändest, so besinne dich nicht lange und stelle die Segel anders! Ich bin im gleichen Falle und muss erst jetzt sehen, wie ich noch etwas Tüchtiges hantieren werde, dass einige nützliche Bewegung von mir ausgeht!"

Heinrich ward sehr beklemmt und erwiderte nichts als "Wann geht Ferdinand fort?" – "ln den nächsten Tagen", sagte Erikson, "er wünscht indes, dass ihr euch für jetzt nicht sehet; überhaupt lasst uns alle drei aufs Geratewohl auseinandergehen, ernst und doch leicht, und es der Zukunft überlassen, was sie aus jedem machen und ob sie uns wieder zusammenführen wird! Ein dreifaches stilles Gedenken mag um so treuer in uns leben; du besonders bist uns beiden anderen lieb, wie ein kleiner Benjamin, und es nimmt uns höchlich wunder, was aus dir, welcher soviel jünger ist als wir, eigentlich sich noch hervorspinnen wird."

Als sie wieder hinter ihrer Kulisse hervorgetreten, wurde rasch Abschied genommen. Erikson und der Gottesmacher drückten ihm kräftig die Hand; Rosalie, welche mit feinem Sinne wohl ahnte, dass Heinrich etwas fehlte, dämpfte mit zartem Gefühl den muntern Glanz des Glückes in ihren Augen, als sie ihm die Hand reichte und freundlich lächelte, und Agnes, welche sich zugleich herandrängte, schoss vollends einen warmen, dunklen blick in seine Augen, und zwischen ihren schwarzen Wimpern schimmerte es wie silberner Tau. Er fühlte, dass das wundersame Wesen ihm mit wenigem viel sagen möchte, dass sie dem Vertrauten jener schmerzlichen Freudentage ihre tiefbewegte Verwunderung über sich selbst, Über den Lauf der Welt verschweigen musste. Selbst verwundert stand Heinrich einen Augenblick zwischen zwei reizvollen Weibern, dann sah er sich allein und schaute in dem grauen, zum teil düstern, zum teil mit grellem Lichte durchstrahlten Raum herum, in welchem soeben sich kräftige und schöne, glücklich gepaarte Menschengestalten bewegt hatten.

Er sah auf die Tür, durch welche sie verschwunden und welche mit ihrer weissgestrichenen Fläche vor seinen Augen schwirrte und flimmerte wie eine Leinwand, von welcher mit einem zug ein lebendiges Gemälde weggewischt worden. Er sah durch das hohe Fenster, dessen untere Hälfte verhüllt war, in die leere Luft hinaus, das freundliche Stück blauen himmels schien anderswohin niederzublicken auf rüstig bewegtes Menschengewimmel; sein blick irrte hierauf über die umherstehenden anspruchsvollen arbeiten hin, welche grau in grau, als wesenlose Fiktionen von Bäumen und Steinen, ineinanderschwammen. Eine beklemmende Unruhe bemächtigte sich seiner, heftig schritt er auf und nieder, und sich Raum schaffend, rückte und schob er die Bilder und Kartons ringsherum zurück, zusammen, drängte sie auf einen Haufen an die Wand, bis das grosse Zimmer leer und geräumig erschien. Wie einen guten tröstenden Freund entdeckte er da die Gipsfigur des borghesischen Fechters, welche aus ihrem Winkel zutage trat. Unwillkürlich hob er sie empor und setzte sie auf ein Tischchen mitten in das hereinströmende Licht.

Alles war Leben in dem von Sonne, Wind und Wetter gereiften Körper dieses abgehärteten Kriegers, der mit ehrlichem Fleisse sich seiner Haut wehrte. Den feindlichen Angriff abwehrend und zugleich selbst kraftvoll angreifend, war der ganze Mann mit allen Gliedern in der Anregung dieses Doppelzwekkes gespannt; Verteidigung und Ausfall, Selbsterhaltung und wirkung nach aussen, Zusammenziehen und Ausdehnung vereinigten sich in