Forstäusern und Waldschenken fortzusetzen, welche romantisch an den Ufern des breiten Gebirgsstromes lagen.
Rosalie besass in jener Gegend ein Landhaus, und sie hatte die fröhlichen Leute der Mummerei eingeladen, sich auf den Mittag dort einzufinden, bis wohin sie als bereite Wirtin ebenfalls dasein würde. Insbesondere hatte sie viele Damen gebeten, und diese hatten ausgemacht, da es einmal Fasching sei, in der mittelalterlichen Tracht hinauszufahren; denn auch sie wünschten so lange als möglich sich des schönen Ausnahmezustandes zu erfreuen.
Erikson war nach Flause geeilt, um sich nun gänzlich umzukleiden; mit Hilfe einer ganzen Schneiderwerkstatt brachte er in einigen Stunden noch ein gutes ehrbares Jägergewand zustande, in welchem er hinauseilte. Aber auch Ferdinand war nicht müssig. Er nahm einen Wagen, kaufte teure Stoffe ein und fuhr von Schneider zu Schneider, jedem ein Stück in die Arbeit gebend und dieselben zur grössten Eile anspornend. In kaum einer Stunde war die Tracht eines altorientalischen Königs fertig, von feinster weisser Leinwand und Purpurseide. Dann fuhr er zu einem Bankier und von da zu allen Juwelieren, den tauglichsten Schmuck aussuchend und sich mit demselben bedeckend; er verwandte eine solche Summe für Gold und Steine, als ob er damit handeln wollte, und doch wusste er recht gut, dass es nur eine vorübergehende leidenschaft, eine Art Tollwut sei, für welche er so hartnäckig alles daransetzte, der sonst kein Verschwender war, sondern vielmehr mit grosser Sparsamkeit und sehr zweckmässig die Mittel abwog, welche er an sein Leben und Vergnügen wandte.
Zuletzt liess er sich das lockige Haar salben mit den köstlichsten Ölen; die arme trug er bloss und mit goldenen Spangen geschmückt, und so erschien er mittags, ohne vorher die im wald lagernden Künstler aufgesucht zu haben, in Rosaliens Landhaus.
Heinrich hingegen fuhr gleich in der Morgenfrühe mit der übrigen Schar hinaus. Grosse Wagen, mit Landsknechten über und über beladen und von deren Spiessen starrend, fuhren voraus, und ihnen nach die lange Reihe der bunten Gestalten in die helle Morgensonne hinein, am rand der schönen Buchenwälder, hoch auf dem Ufer des tiefliegenden Stromes, der in glänzenden Windungen sich um die Geschiebeund Gebüschinseln wälzte. Über den Wäldern sah man wie blaue Schatten die Kuppen des fernen Hochlandes.
Es war ein milder Februartag und der Himmel blau; die herrlichen Buchen wurden bald von der wärmenden Sonne durch schossen, und wenn ihnen das Laub fehlte, so glänzte das weiche Moos am Boden und auf den Stämmen um so grüner, und in der Tiefe dampfte und leuchtete das blaue Bergwasser.
Der Zug ergoss sich über eine malerische Gruppe von Häusern, welche vom Wald umgeben auf der Uferhöhe lag. Ein Forstof, ein altertümliches Wirtshaus und eine Mühle an schäumendem Waldbach waren bald in ein gemeinsames, von Farben glänzendes Freudenlager verwandelt und verbunden; die stillen Bewohner sahen sich wie von einem lebendig gewordenen Traume überfallen und umklungen; den Künstlern aber weckte die freie natur, der erwachende Lenz den Witz in der tiefsten Seele. Die frische Luft verwehte den Rausch der Nacht und legte die zartesten und beweglichsten Fühlfäden der Freude und Aufgeregteit bloss; wenn die Lust der verschwundenen Festnacht zum grössten teil auf Verabredung und Einrichtung beruhte, so lockte dagegen die heutige, ganz frei und in sich selbst gegründet, wie eine am Baume prangende Frucht, zum lässigen Pflücken. Die schönen, dem phantastischen Fühlen und Geniessen angemessenen Kleider waren nun wie etwas Hergebrachtes, das schon nicht mehr anders sein kann, und in ihnen begingen die Glücklichen tausend neue Scherze, Spiele und Tollheiten von der geistreichsten wie von der allerkindlichsten Art, oft plötzlich unterbrochen durch den wohlklingenden, festen Männergesang.
Heinrich trieb sich überall umher und vergass sich selber; er war überwacht und doch nicht müde, vielmehr neugierig und begierig, erst recht in den glänzenden Becher des Lebens zu schauen. Das klare Licht, das Land, die Leute, der Gesang umwirkten ihn seltsam. Als alle die Hundert auf den närrischen Einfall eines einzelnen plötzlich auf die Bäume geklettert waren und wie ein grosser Schwarm fremder, farbiger Vögel in den kahlen Ästen sassen, blieb er, nachdem sie voll Gelächter hinabgesprungen, in Gedanken auf einer schwanken Birke sitzen; denn er verwunderte sich, wie nun das ganze Wesen in die Runde gleich einer stillen weiten Ferne um ihn war und die Rufe und Lieder selbst wie über eine weite See her klangen, auch die Gestalten wirr und traumhaft sich bewegten. Es war einer jener Augenblicke, wo die Zeit eine Minute stillzustehen scheint und man, von aller Aussenwelt losgelöst, endlich sich selbst sieht, fühlt und bemerkt. Es fiel ihm auf, dass er nun schon bei fünf und sechs Jahren zurückzählen konnte, ohne aus dem Bereiche des bewussten, reifenden Alters zu geraten; er fühlte zum ersten Male die Flucht des Lebens. Er war nun zweiundzwanzig Jahre alt; plötzlich kam es ihm in den Sinn, dass er in seiner wohnung diese und jene kleine Gegenstände besass, ein Pappdeckelchen, eine Schachtel oder gar etwas, das an Spielzeug grenzte, welche unmittelbar aus der Kinderzeit stammten und die er in fortwährendem Gebrauche um sich gehabt, ohne sich dessen innezusein.
Er sah deutlich ihre Gestalt, kleine Beschädigungen, und erinnerte sich, wo und wann er sie verfertigt, ein Stückchen Papier abgerissen oder mit dem Federmesser daran gekritzelt hatte.
Sogleich glaubte er vom Baume herunterspringen, nach haus laufen und die unschuldigen Sachen vernichten zu müssen. Denn sie kamen ihm nun ganz unerträglich vor. Er sah auch seine Jugendgeschichte vor Augen, ihren Einband, den er selbst