Seite der schönen Witwe. Mit der grössten Tollheit fuhr er fort, ihr den Hof zu machen, obgleich er die Hoffnungen Eriksons wohl kannte. Dieser sass und lauschte seinen Worten, ohne dass er sich seine Unruhe anmerken liess und ohne seine Schöne zu belästigen, welche ebenfalls fortfuhr, Ferdinands Huldigungen ihre Freundlichkeit entgegenzusetzen und sich von ihm aufs angenehmste unterhalten zu lassen. Erikson besorgte wohl, dass der Teufel sein Spiel treiben und ihm die Jagd verderben könnte; aber als ein erfahrener Jäger verharrte er unbeweglich auf dem Anstande, weil ihm das zu erjagende wild zu kostbar und edel war, als dass er sich durch Leidenschaftlichkeit verwirren wollte.
Gegenüber an dem grossen Tische sass Agnes, welche den grünen Heinrich ängstlich bei sich festielt, da er Ferdinands Freund und das einzige Band war, welches sie mit diesem Ungetreuen einigermassen zusammenhielt. Alles freute und ergötzte sich, klang und jubelte in gewichtiger rauschender Pracht um sie her, nur sie allein verzehrte sich in ungestillter Begierde. Die Nacht näherte sich ihrem Ende, und statt die gehoffte Liebesentscheidung zu bringen, sah sie ihr Glück deutlich entfliehen.
In der schmerzlichsten Aufregung verlangte sie wieder zu tanzen und zog Heinrich fort. Dieser berauschte sich, indem er sie zum Tanze umfing, an ihrem Anblick; ein heftiges Begehren wallte durch seinen ganzen Körper, dass der äusserste Zipfel an seiner grünen Kappe erzitterte und die Schelle daran leise erklang. Als aber Agnes plötzlich anhielt, ihm die Hand auf die Schulter legte und leidenschaftlich schmeichelnd bat, er möchte doch sogleich hingehen und Ferdinand bitten, dass er nur einmal mit ihr tanze, lief er gehorsam, ja eifrig hin, zog seinen Freund zur Seite und beschwor ihn mit zärtlichen Worten, es zu tun. Lys bat ihn angelegentlich, statt seiner mit Agnes zu tanzen, und entzog sich ihm rasch.
Die beiden jungen Leute drehten sich nun wieder heftig und lustig herum. Das Mädchen atmete so hoch, dass die schmale Spanne ihrer Silberbrust wogte und funkelte, wie die glänzenden Wellen im Mondschein, und alle Glöckchen an Heinrichs Kleid und Kappe zitterten und klangen.
Abermals sandte sie ihn zu Ferdinand mit dem nämlichen Auftrag, und da Heinrich diesen mit eindringlichen und tadelnden Worten, sehr aufgeregt, ausrichtete, fuhr ihn jener an und sagte: "Was ist denn das für eine Sitte von einem jungen Mädchen? Tanzt miteinander und lasst mich zufrieden!"
Heinrich fühlte sich halb erzürnt und halb erfreut über diese Antwort, und die dämonische Lust, eine schlimme Sachlage zu benutzen, stieg in ihm auf; doch bis er zu dem harrenden Mädchen gelangte, siegte das Mitleid und die natürliche Artigkeit, und er hinterbrachte ihr nicht Ferdinands harte Worte, sondern suchte sie zu vertrösten.
Noch einmal tanzten sie und noch bewegter und ungestümer herum, und noch einmal sandte sie ihn zu dem Wankelmütigen und liess diesen bitten, sie nach haus zu bringen.
Ferdinand eilte jetzt sogleich herbei, besorgte den warmen Mantel des Mädchens und ihre Überschuhe, und als sie gut verhüllt war, führte er sie unter die Haustür, legte ihren Arm in denjenigen Heinrichs und bat diesen, indem er sich von Agnes in freundlich väterlichem Wohlwollen verabschiedete, seine kleine Schutzbefohlene recht sorgsam und wacker nach haus zu geleiten.
Zugleich verschwand er, nachdem er beiden die hände gedrückt, wieder in der Menge, welche die breite Treppe auf- und niederstieg.
Da standen sie nun auf der Strasse; der Wagen, welcher sie hergebracht, war nicht zu finden, und nachdem Agnes traurig an das erleuchtete Haus, in welchem es sang und klang, hinaufgesehen, kehrte sie ihm noch trauriger den rücken und trat, von Heinrich geführt, den Rückweg an durch die stillen Gassen, in denen der Morgen graute.
Sie hielt das Köpfchen tief gesenkt und vermochte nicht auf den Mantel achtzugeben, welcher alle Augenblicke von den Schultern sank, so dass ihr feiner Oberkörper durch das Zwielicht schimmerte, bis Heinrich sie wieder verhüllte. In der Hand trug sie unbewusst den grossen eisernen Hausschlüssel, welchen ihr Lys in der Zerstreuung zugesteckt, statt ihrem Begleiter. Sie trug ihn fest umschlossen in dem dunklen Gefühle, dass Ferdinand ihr das kalte rostige Eisen gegeben. Als sie bei dem haus angekommen waren, stand sie schweigend und rührte sich nicht, obgleich Heinrich sie wiederholt fragte, ob er die Glocke ziehen sollte, und erst als er den Schlüssel in ihrer Hand entdeckte, aufschloss und sie bat, hineinzugehen, legte sie ihm langsam die arme um den Hals und küsste ihn, aber wie im Traume und ohne ihn anzusehen. Sie zog hierauf die arme enger zusammen und küsste ihn heisser und heisser, bis Heinrich unwillkürlich sich regte und sie auch in die arme schliessen wollte. Da erkannte sie ihn, eilte wie wahnsinnig ins Haus und schlug die Tür zu. Heinrich hörte, wie sie, die Treppe hinaufgehend, sich wiederholt an den Stufen stiess. Alles war dunkel und still in dem romantischen haus; die Mutter schien fest zu schlafen, und nachdem Heinrich eine Weile auf dem kleinen platz, von seltsamen Empfindungen und Gedanken erfüllt, umhergegangen, schlug er endlich den Rückweg nach dem Odeon ein.
Die Sonne ging eben auf, als er in den Saal trat. Alle Frauen und viele ältere Männer waren schon weggegangen; die grosse Menge der Jungen aber, von höchster Lust bewegt, tummelte sich singend durcheinander und schickte sich an, eine Reihe von Wagen zu besteigen, um unverzüglich, ohne auszuruhen, ins Land hineinzufahren und das Gelage in den