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Trachten auf das reizende Weib richten liess, von dem sie ausging, als ob sonst kein Heil in Zeit und Ewigkeit zu finden wäre. Bei den meisten Männern ist dies ein vorübergehendes inneres Begehren, eine rasche, allmählich verwehende Aufwallung des Denkens, die hundertmal entsteht und hundertmal verschwindet. Ferdinand war aber einer von denen, welche, in allen anderen Dingen klar und besonnen, in diesem einen Punkte die Verblendung und Aufwallung mit schrankenloser und unverhüllter Selbstsucht kundgeben. Rosalie lieh seiner beredten Aufmerksamkeit ein williges Ohr und blickte ihn dabei mit grossem Wohlwollen an, nur zuweilen einen flüchtigen, aber zufriedenen blick auf die prachtvoll und mächtig geformte Gestalt Eriksons werfend, wenn er vorüberging, so dass dieser mit der Wahl seines Kostümes sich ausgesöhnt, wenn er diese Blicke gesehen hätte. Er liess aber den Unmut nicht über sich Herr werden, sondern betrug sich gleichmütig und stolz, und nur wenn sein blick denjenigen Rosaliens traf, sah er sie mit grossen fragenden Augen an.

Agnes hatte schon lange stumm neben Heinrich gesessen; sie wiegte, trauernd und den Busen von ungestümem Schmerze bewegt, das schwarzgelockte Haupt auf den schmalen Silberschultern, und nur zuweilen schoss sie einen flammenden blick zu Ferdinand und Rosalien hinüber, zuweilen sah sie verwundert und wehmütig hin, aber immer sah sie dasselbe Schauspiel.

Heinrich, welcher aus Ferdinands Betragen nicht klug wurde, indem ihm eine solche Unmittelbarkeit des Wechsels und unter solchen Umständen doch nicht glaubhaft schien, versank in tiefes Sinnen. Die vergangene Zeit kam über ihn, und indem er an die bemalte Decke des Saales emporsah, erinnerte er sich jener Fastnacht, wo er unter dem freien Himmel der Heimat, auf luftigen Bergen, unter Vermummten sich umgetrieben oder neben der toten Anna durch den Wald geritten. Er verfiel mehr und mehr auf das Andenken dieses guten Mädchens, und eine grosse Verliebteit erfüllte ihn, wie er sie lange nicht empfunden.

Ein tiefer Seufzer weckte ihn auf, welchen die silberne Agnes neben ihm tat, und sogleich schlossen sich seine Empfindungen, die aus dem Schattenreiche gleich Abendnebeln aufgestiegen, an diesen lebendigen Kern; er sah ihre seltsame Schönheit und trank verwirrt aus seinem Weinglase, als Agnes ihn plötzlich aufforderte, mit ihr zu tanzen. Schon drehten sie sich rasch durch die rauschende Menge, und jedermann lachte voll Vergnügen, als der grüngekleidete Narr mit der elfengleichen Diana dahinwalzte. Sie tanzten zwei- und dreimal um den Saal und begegneten jedesmal der rosigen Venus, deren Purpurgewand flog und den mit ihr tanzenden Lys zeitweise halb verhüllte. Dieser grüsste das Dianenpaar froh und zufrieden, wie man Kinder grüsst, welche sich gut zu unterhalten scheinen, denn er war in dieser Sache so verblendet, dass er sich vollkommen unverpflichtet und frei glaubte, bloss weil er mit dem armen Mädchen absichtlich noch nie von Liebe gesprochen hatte. Rosalie hingegen, welche von der früheren Bewandtnis dieses Verhältnisses nichts wusste, freute sich über das zierliche Kind und verlangte dasselbe in ihrer Nähe zu haben, als Heinrich mit anderen an einigen lustigen Spielen, die aufgeführt wurden, teilnehmen musste.

Kunz von der Rosen führte an einem langen Seile alle vorhandenen Narren durch das Gedränge; jeder trug auf einer Tafel geschrieben den Namen seiner Narrheit, und von den leichteren und liebenswürdigeren Narrheiten schied der lustige Rat neun schwere aus und stellte mit ihnen vor dem Kaiser ein Kegelspiel auf. So standen da vor aller Augen Hochmut, Neid, Vielwisserei, Grobheit, Eitelkeit, Wankelmut in der Hoffnung, Halsstarrigkeit, tatlose Vergleichungssucht und unfruchtbare Selbstbespiegelung. Mit einer ungeheuren Kugel, welche die leichteren Narren mit komisch heftigen Gebärden herbeiwälzten, versuchte nun mancher Ritter und Bürger nach den neun Narren zu schieben, aber nicht einer wankte allen diesen Einzelwürfen, bis endlich der kaiserliche, tadellose Held, in welchem sich gewissermassen das ganze deutsche Volk darstellte, sie alle mit einem Wurfe über den Haufen warf, dass sie possierlich übereinanderpurzelten.

Kunz von der Rosen richtete die Gefallenen halb auf und ordnete sie zu einer plastisch-mimischen Darstellung der Niobidengruppe, und von diesem Scherze ging er zur Bildung anderer berühmten Gruppen über drei reizende, nicht völlig ausgewachsene Schüler im Narrenhabit stellten die Grazien dar, und das so anmutig schalkhaft, dass sie, kaum auseinandergegangen, in den Kreis der Damen gelockt wurden, ohne zu wissen wie, und sich dort aufs liebreichste geschmeichelt und gehätschelt sahen. Des gleichen Vorzuges genoss ein schöner Zwerg, der kleinere Bruder jenes Koboldes auf dem Wagen des Bergkönigs, welcher mit klassischem Anstande den sterbenden Fechter machte in seinem Schellenkleidchen. Dann stellte Erikson den Laokoon vor, durch mächtige Papierschlangen mit zwei jungen Narren verbunden.

Als er in der beschwerlichen Stellung dasass und sich nicht rühren durfte, indessen seine kräftigen Muskeln alle in wunderschönem Spiele seiner Bewegung gehorchten, sah er, wie Rosalie, deren Augen unverwandt an ihm gehangen, fast gewaltsam von Ferdinand weggezogen und durch die Räume geführt wurde. Er hielt es nun nicht länger aus, und kaum von den Schlangen losgewickelt, durchstürmte er das Haus und bettelte sich von befreundeten Gestalten Gewandstücke zusammen, die sie in der vorgerückten Stunde nun wohl entbehren konnten, und warf sich dieselben hastig über. Wunderlich gekleidet, teilweise ein Mönch, ein Jäger und ein wilder Mann, den Kopf noch grün belaubt, suchte er die engere Gesellschaft auf und setzte sich dicht an die andere Seite Rosaliens; denn die Bacchusleute, die Jäger und der Hof der Venus hatten sich nun in einem grossen Kreise vereinigt, um bis zum nahenden Morgen gemeinsam zu jubilieren, und Ferdinand wich nicht von der