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bei sich stehen hatte, entielten einzelne oder wenige Figuren in ruhiger Lage, und zuletzt verfiel er ganz auf einen Kultus der Persönlichkeit, dessen naive Andacht, verbunden mit der Überlegenheit des Machwerkes, allein das lachen der anderen verhindern konnte. Dieser Kultus, heisse Sinnlichkeit und eine geheimnisvolle Trauer waren ziemlich die Elemente seiner Tätigkeit.

Er hatte drei oder vier Bilder, die er nie ganz vollendete, die niemand ausser seinen nächsten Freunden zu sehen bekam, aber auf jeden, welcher sie sah, einen immer neuen tiefen Eindruck machten. Das erste war ein Salomo mit der Königin von Saba. Es war ein Mann von wunderbarer Schönheit, der sowohl das Hohelied gedichtet als geschrieben haben musste Es ist alles eitel unter der Sonne! Die Königin war als Weib, was er als Mann, und beide, in reiche, üppige Wänder gehüllt, sassen allein und einsam sich gegenüber und schienen, die brennenden Augen eines auf das andere geheftet, in heissem, fast feindlichem Wortspiele sich das Rätsel ihres Wesens, der Weisheit und des Glückes herauslocken zu wollen. Das Merkwürdige dabei war, dass der schöne König in seinen Gesichtszügen ein zehnmal verschönter und verstärkter Ferdinand Lys zu sein schien.

Ein anderes Bild stellte einen Hamlet dar, aber nicht nach einer Szene des grossen Trauerspieles, sondern als Porträt und so, als ob ein anachronischer van Dyck den Prinzen in seinen Staatsgewändern gemalt hätte, ganz jung, blühend und hoffnungsvoll, und doch mit seinem ganzen Schicksal schon um Stirn und Augen. Dieser Hamlet glich ebenfalls stark dem Maler selbst.

Obgleich im strengsten Stil gehalten, machte doch einen überwältigenden, verführerischen Eindruck eine Königin, welche, schon von jeder Hülle entblösst, eben mit dem Fuss in einen klaren Bach zum Bade tritt und vergessen hat, ihre goldene Krone vom haupt zu tun. So trat sie, mit derselben geschmückt, dem Beschauer gerade entgegen, jeder Zoll ein majestätisches Weib, aus einem Lorbeergebüsch hervor, den ruhigen blick auf das kühle wasser gesenkt. Dies Bild, so gewaltig es war, war doch, mit wahrhaft klassischer Liebe und Kindlichkeit ausgeschmückt und ausgeführt. Das Beiwerk, die glänzenden Steine im Bach, die durchsichtigen spielenden Wellen, die stahlblauen Libellen darüber, die Blumen am Ufer, die Lorbeerbäumchen und endlich die Wolken am tiefblauen Himmel, alles war so frisch und leuchtend und doch so streng und fromm geformt, dass die sinnliche Gewalt, welche auf den reichen Gliedern der Hauptfigur herrschte, auf dem heiligsten Rechtsboden zu stehen schien.

Das Hauptbild aber, und auf welches er den meisten Fleiss verwandte, war eine grössere Komposition, deren Veranlassung die Psalmworte gegeben Wohl dem, der nicht sitzet auf der Bank der Spötter! Auf einer halbkreisförmigen Steinbank in einer römischen Villa, unter einem Rebendache, sassen vier bis fünf Männer in der Tracht des achtzehnten Jahrhunderts, einen antiken Marmortisch vor sich, auf welchem Champagner in hohen venezianischen Gläsern perlte. Vor dem Tische, mit dem rücken gegen den Beschauer gewendet, sass einzeln ein üppig gewachsenes junges Mädchen, festlich geschmückt, welches eine Laute stimmt und, während sie mit beiden Händen damit beschäftigt ist, aus einem Glase trinkt, das ihr der nächste der Männer, ein kaum neunzehnjähriger Jüngling, an den Mund hält. Dieser sah beim lässigen Hinhalten des Glases nicht auf das Mädchen, sondern fixierte den Beschauer, indessen er sich zu gleicher Zeit an einen silberhaarigen Greis mit kahler Stirn und rötlichem Gesicht lehnte. Der Greis sah ebenfalls auf den Beschauer und schlug dazu spöttisch mutwillig Schnippchen mit der einen Hand, indessen die andere sich gegen den Tisch stemmte. Er blinzelte ganz verzwickt freundlich mit den Augen und zeigte allen Mutwillen eines Neunzehnjährigen, indessen der Junge, mit trotzig schönen Lippen, mattglühenden schwarzen Augen und unbändigen Haaren, deren Ebenholzschwärze durch den verwischten Puder glänzte, die Erfahrungen eines Greises in sich zu tragen schien. Auf der Mitte der Bank, deren hohe, zierlich gemeisselte Lehne man durch die Lücken bemerkte, sass ein ausgemachter Taugenichts und Hanswurst, welcher mit offenbarem Hohne, die Nase verziehend, aus dem Bilde sah und seinen Hohn dadurch noch beleidigender machte, dass er sich durch eine vor den Mund gehaltene Rose das Ansehen gab, als wolle er denselben gutmütig verhehlen. Auf diesen folgte ein stattlicher ernster Mann; dieser blickte ruhig, fast schwermütig, aber mit mitleidigem, bedauerlichem Spott drein, und endlich schloss den Halbkreis, dem Jüngling gegenüber, ein eleganter Abbé in seidener Soutane, welcher, wie eben erst aufmerksam gemacht, einen forschenden stechenden blick auf den Beschauer richtete, während er eine Prise in die Nase drückte und in diesem Geschäft einen Augenblick anhielt, so sehr schien ihn die Lächerlichkeit, Hohlheit oder Unlauterkeit des Beschauers zu frappieren und zu heillosen Witzen aufzufordern. So waren alle Blicke, mit Ausnahme derer des Mädchens, auf den gerichtet, welcher vor das Bild trat, und sie schienen mit unabwehrbarer Durchdringung jede Selbsttäuschung, Halbheit, Schwärmerei, jede verborgene Schwäche, jede unbewusste Heuchelei aus ihm herauszufischen oder vielmehr schon entdeckt zu haben. Auf ihren eigenen Stirnen und über ihren Augen, um ihre Mundwinkel ruhte zwar unverkennbare Hoffnungslosigkeit; aber trotz ihrer Marmorblässe, die alle, ohne den rötlichen Greis, überzog, staken sie in einer so unverwüstlichen muntern Gesundheit, und der Beschauer, der nicht ganz seiner bewusst war, befand sich so übel unter diesen Blicken, dass man eher versucht war auszurufen Weh dem, der da steht vor der Bank der Spötter! und sich gern in das Bild hineingeflüchtet hätte.

Waren nun Absicht