versammelten Männer und ihr Behaben und freute mich an ihnen sowohl wie an den zahllosen Blüten, welche Überall die Erde bedeckten, und an dem blauen Maihimmel, welcher über alle sich ausspannte.
Mein einziges Trachten ging aber von nun an dahin, so bald als möglich über den Rhein zu gelangen, und um mir bis dahin die Stunden zu verkürzen, habe ich mir diese Schrift geschrieben.
Ende der Jugendgeschichte
Viertes Kapitel
Das zweite Jahr ging seinem Ende entgegen, seit Heinrich in der deutschen Hauptstadt, dem Sitze eines vielseitigen Kunst-, Gelehrten- und Volkslebens, sich aufhielt, mitten in einem Zusammenflusse von Fremden aller Gegenden in und ausser Deutschland. Er hatte Längst sein Sammetbarett und den beschnürten grünen Rock abgelegt und ging in schlichten Kleidern und mit einem hut, der nur durch etwas breitere Krempen und durch die sorglose Art, mit welcher er behandelt und getragen wurde, den Künstler bezeichnete. Aber desto tiefer hatte sich der inwendige grüne Heinrich das Barettchen in die Augen gezogen und in das närrische Röckchen eingeknöpft, und wenn unser Held in der grossen Stadt rasch die Freiheit und Sicherheit der äusserlichen Bewegung unter den vielen jungen Leuten angenommen hatte, so verkündete dagegen sein selbstvergessenes und wie im Traume blitzendes Auge, dass er nicht mehr der durch Einsamkeit früh reife und unbefangene Beobachter seiner selbst und der Welt war, wie er sich in seiner Jugendgeschichte gezeigt, sondern dass er von der Gewalt einer grossen Nationalkultur, wie diese an solchem Punkte und zu dieser Zeit gerade bestand, gut oder schlecht, in ihre Kreise gezogen worden. Er schwamm tapfer mit in dieser Strömung und hielt vieles, was oft nur Liebhaberei und Ziererei ist, für dauernd und wohnlich, dem man sich eifrig hingeben müsse. Denn wenn man von einer ganzen Menge, die eine eigene technische Sprache dafür hat, irgendeine Sache ernstaft und fertig betreiben sieht, so hält man sich leicht für geborgen, wenn man dieselbe nur mitspielen kann und darf.
Da ihn aber dennoch irgendein Gefühl ahnen liess, dass auch diese Zeit mit ihren Anregungen vorübergehen werde, so gab er sich nur mit einem bittersüssen Widerstreben hin, von dem er nicht wusste, woher es kam. Heinrich war ausgezogen, die grosse Germania selbst zu küssen, und hatte sich statt dessen in einem der schimmernden Haarnetze gefangen, mit welchen sie ihre seltsamen Söhne zu schmücken pflegen.
Sein täglicher Umgang bestand in zwei Genossen, welche, gleich ihm vom äussersten Saume deutschen Volkstumes herbeigekommen, in verschiedener und doch ähnlicher Lage sich befanden. Der Zufall welcher das Kleeblatt zusammengeführt, schien bald ein notwendiges Gesetz zu sein, so sehr gewöhnten sie sich aneinander.
Der erste und hervorragendste an körperlicher Grösse und Wohlgestalt war Erikson, ein Kind der nördlichen Gewässer, ein wahrer Riese, welcher selbst nicht wusste, ob er eigentlich ein Däne oder ein Deutscher sei, indessen gern deutsch gesinnt war, wenn er um diesen Preis den grossen Stock der Deutschen, gewissermassen das Reich der Mitte, wie er es nannte, als charakterlos und aus der Art geschlagen tadeln durfte. Er war ein vollkommener Jäger, ging stets in rauher Jägertracht und hielt sich häufig auf dem land, im Gebirge auf, um Birkhühner zu schiessen, sich in der Gemsjagd zu versuchen oder sich selbst den Männern des Gebirges anzuschliessen, wenn sie nach einem seltenen Bären auszogen. Alle Vierteljahr malte er regelmässig ein Bildchen vom allerkleinsten Massstabe, nicht grösser als sein Handteller, das in einem oder andertalb Tagen fertig war. Diese Bildchen verkaufte er jedesmal ziemlich teuer, und aus dem Erlöse lebte er und rührte dann keinen Pinsel wieder an, bis die Barschaft zu Ende ging. Seine kleinen Werke entielten weiter nichts als ein Sandbord, einige Zaunpfähle mit Kürbissen oder ein paar magere Birken mit einem blassen schwindsüchtigen Wölkchen in der Luft. Warum sie den Liebhabern gefielen und wie er selbst dazu gekommen, sie zu malen, wusste er nicht zu sagen und niemand. Erikson war nicht etwa ein schlechter Maler, dazu war er zu geistreich; er war gar kein Maler. Das wusste er selbst am besten, und aus humoristischer Verzweiflung verhüllte er die Nüchternheit und Dürre seiner Erfindungen und seine gänzliche Unproduktivität mit so verzwickten zierlichen Pinselstrichen, geistreichen Schwänzchen und Schnörkelchen, dass die reichen Kenner ihn für einen ausgesuchten Kabinettsmaler hielten und sich um seine seltsamen arbeiten stritten. Seine grösste, tiefsinnigste Kunst, und von wahrhaftem Verdienst, bestand in der weisen Ökomonie, mit welcher er seine Bildchen so anzuordnen wusste dass weder durch den Gegenstand noch durch die Beleuchtung Schwierigkeiten erwuchsen und die Inhaltlosigkeit und Armut als elegante Absichtlichkeit erschienen. Aber trotzdem waren jedesmal die andertalb Tage Arbeit ein höllisches Fegefeuer für den biedern Erikson. Seine Hünengestalt, die sonst nur in ruhig kräftiger Tat sich bewegte, ängstigte sich alsdann in peinlicher Unruhe vor dem kleinen Rähmchen, das er bemalte; er stiess mächtige Rauchwolken aus der kurzen Jägerpfeife, welche ihm an den Lippen hing, seufzte und stöhnte, stand hundertmal auf und setzte sich wieder und klagte, rief oder brummte "O heiliges Donnerwetter! Welcher Teufel musste mir einblasen, ein Maler zu werden! Dieser verfluchte Ast! Da hab ich zuviel Laub angebracht, ich kann in meinem Leben nicht eine so ansehnliche Masse Baumschlag zusammenbringen! Welcher Hafer hat mich gestochen, dass ich ein so kompliziertes Gesträuch wagte? O Gott, o Gott, o Gott, o Gott! O wär ich, wo der Pfeffer wächst! ei, ei, ei, ei! Das ist eine saubere geschichte – wenn ich nur diesmal noch aus