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Ästetik erfunden hat. Ich glaube, die Glasscheibe tat es mir an, dass ich das Gut, was sie verschloss, gleich einem in Glas und Rahmen gefassten teil meiner Erfahrung, meines Lebens, in gehobener und feierlicher Stimmung, aber in vollkommener Ruhe begraben sah; noch heute weiss ich nicht, war es Stärke oder Schwäche, dass ich dies tragische und feierliche Ereignis viel eher genoss als erduldete und mich beinahe des nun ernst werdenden Wechsels des Lebens freute.

Der Schieber wurde zugetan, der Totengräber und sein Gehilfe stiegen herauf, und bald war der braune Hügel aufgebaut.

Judit liess sich nicht sehen am grab; in einem demütigen und entsagenden Gefühle der Fremdheit hielt sie sich in ihrem haus verschlossen.

Am andern Tage, als der Schulmeister zu erkennen gab, dass er nun seinen Schmerz in der Einsamkeit allein mit seinem Gott überwinden wolle, schickte ich mich an, mit der Mutter nach der Stadt zurückzukehren. Vorher ging ich zur Judit und fand sie beschäftigt, ihre Bäume zu mustern, da die Zeit wieder gekommen war, wo man das Obst einsammelte. Der Herbstnebel traf gerade heute zum ersten Mal ein und verschleierte schon den Baumgarten mit seinem silbernen Gewebe. Judit war ernst und etwas verlegen, als sie mich sah, da sie nicht recht wusste, wie sie sich zu dem traurigen Erlebnis stellen sollte, während sie doch schon die Zeit vor sich sah, wo ich mich wenigstens so lange ihr ohne Rückhalt hingeben konnte, bis das Leben mich weiterführte.

Ich sagte aber ernstaft, ich wäre gekommen, um Abschied von ihr zu nehmen, und zwar für immer; denn ich könnte sie nun nie wiedersehen. Sie erschrak und rief lächelnd, das werde nicht so unwiderruflich feststehen; sie war bei diesem Lächeln so erbleicht und doch so freundlich, dass dieser Zauber mich beinahe umkehrte, wie man einen Handschuh umkehrt. Doch ich bezwang mich und fuhr fort dass es ferner nicht so gehen könne, dass ich Anna von Kindheit auf gern gehabt, dass sie mich bis zu ihrem tod wahrhaft geliebt und meiner Treue versichert gewesen sei. Treue und Glauben müssten aber in der Welt sein, an etwas Sicheres müsste man sich halten, und ich betrachte es nicht nur für meine Pflicht, sondern auch als ein schönes Glück, in dem Andenken der Verstorbenen, im Hinblick auf unsere gemeinsame Unsterblichkeit, einen so klaren und lieblichen Stern für das ganze Leben zu haben, nach dem sich alle meine Handlungen richten könnten.

Als Judit diese Worte hörte, erschrak sie noch mehr und wurde zugleich schmerzlich berührt. Es waren wieder von den Worten, von denen sie behauptete, dass niemals jemand zu ihr welche gesagt habe. Heftig ging sie unter den Bäumen umher und sagte dann "Ich habe geglaubt, dass du mich wenigstens auch etwas liebtest!"

"Gerade deswegen", erwiderte ich, "weil ich wohl fühle, dass ich heftig an dir hange, muss ein Ende gemacht werden!"

"Nein, gerade deswegen musst du erst anfangen, mich recht und ganz zu lieben!"

"Das wäre eine schöne Wirtschaft!" rief ich, "was soll dann aus Anna werden?"

"Anna ist tot!"

"Nein! Sie ist nicht tot, ich werde sie wiedersehen, und ich kann doch nicht einen ganzen Harem von Frauen für die Ewigkeit ansammeln!"

Bitter lachend stand Judit vor mir still und sagte:

"Das wäre allerdings komisch! Aber wissen wir denn, ob es eigentlich eine Ewigkeit gibt?"

"So oder so", erwiderte ich, "gibt es eine, und wenn es nur diejenige des Gedankens und der Wahrheit wäre! Ja, wenn das tote Mädchen für immer in das Nichts hingeschwunden und sich gänzlich aufgelöst hätte, bis auf den Namen, so wäre dies erst ein rechter Grund, der armen Abwesenden Treue und Glauben zu halten! Ich habe es gelobt, und nichts soll mich in meinem Vorsatz wankend machen!"

"Nichts!" rief Judit, "o du närrischer Gesell! Willst du in ein Kloster gehen? Du siehst mir darnach aus! Aber wir wollen über diese heikle Sache nicht ferner streiten; ich habe nicht gewünscht, dass du nach der traurigen Begebenheit sogleich zu mir kommest, und habe dich nicht erwartet. Geh nach der Stadt und halte dich ein halbes Jahr still und ruhig, und dann wirst du schon sehen, was sich ferner begeben wird!"

"Ich sehe es jetzt schon", erwiderte ich, "du wirst mich nie wieder sehen und sprechen, dies schwöre ich hiemit bei Gott und allem, was heilig ist, bei dem bessern teil meiner selbst und –"

"Halt inne!" rief Judit ängstlich und legte mir die Hand auf den Mund; "du würdest es sicher noch einmal bereuen, dir selbst eine so grausame Schlinge gelegt zu haben! Welche Teufelei steckt in den Köpfen dieser Menschen! Und dazu behaupten sie und machen sich selber weis, dass sie nach ihrem Herzen handeln. Fühlst du denn gar nicht, dass ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann, zu lieben, wo es geliebt wird, wenn es dies kann? Du kannst es und tust es heimlich doch, und somit wäre alles in der Ordnung! Sobald du mich nicht mehr leiden magst, sobald die Jahre uns sonst auseinanderführen, sollst du mich ganz und für immer verlassen und vergessen, ich will dies über mich nehmen; aber nur jetzt verlass mich