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hätte ich ihn kuriert! Ich hätte ihn ausgelacht und ihm geschmeichelt, bis er klug geworden wäre!" Dann stand sie still, sah mich an und sagte "Weisst du wohl, Heinrich, dass du allbereits ein Menschenleben auf deiner grünen Seele hast?" Diesen Gedanken hatte ich mir noch nicht einmal klargemacht, und ich sagte betroffen "Ho, so arg ist es wohl nicht! Im schlimmsten Falle wäre es ein unglücklicher Zufall, den ich nicht herbeizuführen je wähnen konnte!" – "Ja", erwiderte sie sachte, "wenn du eine einfache, sogar grobe Forderung gestellt hättest? Durch deinen saubern Höllenzwang aber hast du ihm förmlich den Dolch auf die Brust gesetzt, wie es auch ganz einer Zeit gemäss ist, wo man sich mit Worten und Brieflein totsticht! Ach, der arme Kerl! er war so fleissig und gab sich Mühe, aus der Patsche zu kommen, und als er endlich ein Röllchen Geld erwarb, nimmt man es ihm weg! Es ist so natürlich, den Lohn der Arbeit zu seiner Ernährung zu verwenden; aber da heisst es Gib erst zurück, wenn du geborgt hast, und dann verhungere!"

Wir sassen beide eine Weile düster und nachdenklich da; dann sagte ich "Das hilft nichts, geschehene Dinge sind einmal nicht zu ändern. Die geschichte soll mir zur Warnung dienen; aber ich kann sie nicht ewig mit mir herumschleppen, und da ich mein Unrecht einsehe und bereue, so musst du es mir endlich verzeihen und mir die Gewissheit geben, dass ich deswegen nicht hassenswert und garstig aussehe!"

Ich merkte nämlich erst jetzt, dass ich darum hergekommen und allerdings bedürftig war, durch Mitteilung und durch die Vermittlung eines fremden Mundes die Vertilgung eines drückenden Gefühles oder Verzeihung zu erlangen, wenn ich mich auch gegen des Schulmeisters christliche Vermittlung sträubte. Aber Judit antwortete "Daraus wird nichts! Die Vorwürfe deines Gewissens sind ein ganz gesundes Brot für dich, und daran sollst du dein Leben lang kauen, ohne dass ich dir die Butter der Verzeihung darauf streiche! Dies könnte ich nicht einmal; denn was nicht zu ändern ist, ist eben deswegen auch nicht zu vergessen, dünkt mich, ich habe dies genugsam erfahren! übrigens fühle ich leider nicht, dass du mir irgend widerwärtig geworden wärest; wozu wäre man da, wenn man nicht die Menschen, wie sie sind, liebhaben müsste?" Und sie drückte, da sie auf dem rand des Bettes und ich auf einer altmodisch bemalten Kiste zu ihren Füssen sass, meinen Kopf auf ihren Schoss und verband ihre hände liebevoll unter meinem Kinn.

Diese seltsame Äusserung in Judits mund machte mich tief betroffen und verursachte mir ein langes Nachsinnen; je länger ich sann, desto gewisser wurde es mir, dass Judit das Rechte getroffen, und ich gelangte zu einem Schluss, welcher, indem er zugleich zu einem Entschluss wurde, nämlich das Bewusstsein des begangenen Unrechtes nie mehr vergessen und immer in seiner ganzen Frische tragen zu wollen, mir die einzig mögliche Ausgleichung zu sein schien. Nur einer kann und soll verzeihen und vergessen, der von Unrecht Betroffene selbst, der Täter und alle anderen können es niemals, solange eine innere oder äussere Spur übrigleibt. Dies kann man am deutlichsten an den grossen Beispielen der geschichte sehen. Die Tausende, welche Philipp der Zweite verbrennen liess, haben ihm gewiss längst verziehen und betrachten ihn wie einen andern Mann, der gefehlt hat, während die Millionen Protestanten, welche leben, ihm immer noch nicht verzeihen können, weil die Wirkungen seiner Tat noch täglich vor unser aller Augen sind, und ihn selbst betreffend, ist es gar nicht denkbar, dass er sein weltgeschichtliches Unrecht habe vergessen können; denn wenn er auch mit seinem tod als König abgesetzt und in den Wirbel der anderen Wesen gerissen wurde, so hörte er darum nicht auf, Philipp der Zweite zu sein, vielmehr, wenn er es je gewesen ist, wird er es ewig bleiben. Dadurch aber, dass nur die vom Unrecht Betroffenen unmittelbar verzeihen, was man so verzeihen nennt, bleibt zuletzt doch kein Hass übrig als derjenige gegen das Böse, das man in sich selber hat; denn das Nichtverzeihen der übrigen ist wieder etwas anderes.

Es ist merkwürdig, dass die Menschen immer nur grosse Dummheiten, die sie begangen, glauben nicht vergessen zu können, sich bei deren Erinnerung vor den Kopf schlagen und kein Hehl daraus machen, zum Zeichen, dass sie nun klüger geworden; begangenes Unrecht aber machen sie sich weis allmählich vergessen zu können, während es in der Tat nicht so ist, schon deswegen, weil das Unrecht mit der Dummheit nahe verwandt und ähnlicher natur ist. Ja, dachte ich, so unverzeihlich mir meine Dummheiten sind, wird es auch mein Unrecht sein! Was ich an Römer getan, werde ich von nun an nie mehr vergessen und, wenn ich unsterblich bin, in die Unsterblichkeit hinübernehmen, denn es gehört zu meiner person, zu meiner geschichte, zu meinem Wesen, sonst wäre es nicht passiert! Meine einzige sorge wird sein, zu trachten, dass ich noch so viel Rechtes tue, dass mein Dasein erträglich bleibt!

Ich sprang auf und verkündete der Judit diese Ausführung und Anwendung ihrer einfachen Worte; denn es dünkte mir ein wichtiges Ereignis, so für immer auf das Vergessen einer Übeltat zu verzichten. Judit zog mich nieder und sagte mir ins Ohr "Ja, so wird es sein; du bist jetzt erwachsen und hast in diesem