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arme Kind konnte kaum und selten ans Fenster gebracht werden. Wir füllten daher die Wohnstube, in welcher ihr weisses Bett stand, mit Blumenstöcken und bauten vor dem Fenster ein breites Gerüste, um auf demselben durch grössere Töpfe möglichst einen Garten einzurichten. Wenn Anna an sonnigen Nachmittagen eine gute Stunde hatte und wir der warmen Maisonne das Fenster öffneten, der silberne See durch die Rosen und Oleanderblüten hereinglänzte und Anna in ihrem weissen Krankenkleide dalag, so schien hier ein sanfter trauernder Kultus des Todes begangen zu werden.

Manchmal aber wurde Anna in solchen Stunden ganz munter und verhältnismässig redselig; wir setzten uns dann um ihr Bett herum und führten ein gemächliches Gespräch über Personen und begebenheiten, bald heiterer natur und bald ernster, so dass Anna Bericht erhielt von dem, was unsere kleine Welt bewegte. Eines Tages, als meine Mutter in das Dorf gegangen war, fiel das Gespräch auf mich selbst, und der Schulmeister wie seine Tochter schienen es auf diesem gegenstand so wohlwollend festalten zu wollen, dass ich mich äusserst geschmeichelt fühlte und aus behaglicher Dankbarkeit die grösste Aufrichtigkeit entgegenbrachte. Ich benutzte den Anlass, mein Verhältnis zu dem unglücklichen Römer zu erzählen, über welches ich seit jenem Briefe mit niemanden gesprochen, und ich brach in die heftigsten Klagen über den Vorfall und mein Verhalten aus. Der Schulmeister verstand mich aber nicht recht; denn er wollte mich beruhigen und die Sache als nicht halb so schlimm darstellen, und was darin doch gefehlt war, sollte mich aufmerksam machen, dass wir eben allzumal Sünder und der Barmherzigkeit des Erlösers bedürftig seien. Das Wort Sünder war mir aber ein für allemal verhasst und lächerlich und ebenso die Barmherzigkeit; vielmehr wollte ich ganz unbarmherzig die Sache mit mir selbst ausfechten und mich verurteilen auf gut weltlich gerichtliche Art und durchaus nicht auf geistliche Weise. Plötzlich aber bekam Anna, welche sich bisher still verhalten, aufgeregt durch meine Erzählung und durch mein Gebaren, einen heftigen Anfall ihrer Krämpfe und Leiden, dass ich das arme zarte Wesen zum ersten Mal seiner ganzen hilflosen Qual verfallen sah. Grosse Tränen, durch Not und Angst erpresst, rollten über ihre weissen Wangen, ohne dass sie dieselben aufhalten konnte. Sie war ganz durch die Bewegungen ihrer Leiden beschäftigt, so dass bald alle Rücksicht und Haltung verschwinden mussten, und nur dann und wann richtete sie einen kurzen irrenden blick auf mich, wie aus einer fremden Welt des Schmerzes heraus; zugleich schien sie dann eine zarte Scham zu ängstigen, so masslos vor mir leiden zu müssen; und ich muss bekennen, dass meine Verlegenheit, so gesund und ungeschlacht vor dem Heiligtume dieser Leidensstätte zu stehen, fast so gross war als mein Mitleiden. Überzeugt, dass ich ihr dadurch wenigstens einige Befreiung verschaffe, liess ich sie in den Armen ihres Vaters und eilte bestürzt und beschämt davon, meine Mutter herbeizuholen.

Nachdem diese mit einer Nichte sich fortbegeben, um das kranke Kind zu pflegen, blieb ich den Rest des Tages im oheimlichen haus, mir Vorwürfe machend über mein plumpes Ungeschick. Nicht nur mein Unrecht gegen Römer, sondern sogar das Bekenntnis desselben und seine heutigen Folgen warfen einen gehässigen Schein auf mich, und ich fühlte mich gebannt in einer jener dunklen Stimmungen, wo einem der Zweifel aufsteigt, ob man wirklich ein guter, zum Glück bestimmter Mensch sei? wo es scheint, als ob nicht sowohl eine Schlechtigkeit des Herzens und des Charakters als eine gewisse Schlechtigkeit des Kopfes, des Geschickes einem anhafte, welche noch unglücklicher macht als die entschiedene Teufelei. Ich konnte nicht einschlafen vor dem Bedürfnisse, mich zu äussern, da das immerwährende Verschweigen wie die misslungene Aufrichtigkeit den Anstrich des Unheimlichen noch vermehrt. Ich stand nach Mitternacht auf, kleidete mich an und schlich mich aus dem haus, um Judit aufzusuchen. Ungesehen kam ich durch Gärten und Hecken, fand aber alles dunkel und verschlossen bei ihr. Ich stand einige Zeit unschlüssig vor dem haus; doch kletterte ich zuletzt am Spalier empor und klopfte zaghaft an das Fenster; denn ich fürchtete mich, das gereifte und kluge Weib aus dem geheimnisvollen Schleier der Nacht aufzuschrecken, ich besorgte zu meiner Beschämung erfahren zu müssen, dass ein solches Weib zuletzt doch manchmal zu tun für gut finden könne, was nicht jeder Junge zu wissen brauche. Aber sie war ganz allein, hörte und erkannte mich sogleich, stand auf, zog sich leicht an und liess mich zum Fenster hinein. Dann machte sie Licht, Helle zu verbreiten, weil sie glaubte, ich sei in der Absicht gekommen, irgend einige Liebkosungen zu wagen. Aber sie war sehr verwundert, als ich anfing, meine Geschichten zu erzählen, erst die gewaltsame Störung, welche ich heute in die stille Krankenstube getragen, und dann die unglückliche geschichte mit Römer, deren ganzen Verlauf ich schilderte. Nachdem ich meinen kunstreichen Mahnbrief und den darauf erhaltenen Pariser Brief beschrieben, aus dessen Inhalt wir wohl Römers Schicksal ahnen konnten, nur dass wir statt des Irrenhauses gar ein Gefängnis vermuteten, rief Judit "Das ist ja ganz abscheulich! Schämst du dich denn nicht, du Knirps?" Und indem sie zornig auf und nieder ging, malte sie recht genau aus, wie Römer sich vielleicht erholt hätte, wenn man ihm nicht die Mittel zu seinem ersten Aufentalte in Paris entzogen, wie ihn der Erhaltungstrieb vielleicht, ja sicher eine Zeitlang hätte klug sein lassen und hieraus unberechenbar eine bessere Wendung auf diese oder jene Weise möglich gewesen. "Oh, hätte ich den armen Mann pflegen können", rief sie aus, "gewiss