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Eine Jugendgeschichte

Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten dorf, welches seinen Namen von einer seit vielen Jahrhunderten verschollenen Familie hat. Niemand weiss mehr, wo einst das Schloss gestanden, von dem man in den Chroniken noch schwache Spuren findet; ebensowenig weiss man, wann der letzte "Edle" dieses Namens gestorben ist; aber das Dorf steht noch da, seelenreich und belebter als je, während das halbe Dutzend Familiennamen unverändert geblieben ist und für die zahlreichen, weitläufigen Geschlechter fort und fort ausreichen muss. Der kleine Gottesacker, welcher sich rings an die trotz ihres Alters immer schneeweiss geputzte Kirche schmiegt und niemals erweitert worden ist, besteht in seiner Erde buchstäblich aus den aufgelösten Gebeinen der vorübergegangenen Geschlechter; es ist unmöglich, dass bis zur Tiefe von zehn Fuss ein Körnlein sei, welches nicht seine Wanderung durch den menschlichen Organismus gemacht und einst die übrige Erde mit umgraben geholfen hat. Doch ich übertreibe und vergesse die vier Tannenbretter, welche jedesmal mit in die Erde kommen und den ebenso alten Riesengeschlechtern auf den grünen Bergen rings entstammen; ich vergesse ferner die derbe ehrliche Leinwand der Grabhemden, welche auf diesen Fluren wachs, gesponnen und gebleicht wurde und also so gut zur Familie gehört wie jene Tannenbretter und nicht hindert, dass die Erde unseres Kirchhofes so schön kühl und schwarz sei als irgend eine. Es wächst auch das grünste Gras darauf, und die Rosen nebst dem Jasmin wuchern in göttlicher Unordnung und Überfülle, so dass nicht einzelne Stäudlein auf ein frisches Grab gesetzt, sondern das Grab muss in den Blumenwald hineingehauen werden, und nur der Totengräber kennt genau die Grenze in diesem Wirrsal, wo das frisch umzugrabende Gebiet anfängt.

Das Dorf zählt etwa zweitausend Bewohner, von welchen je etwa dreihundert den gleichen Namen führen; aber höchstens zwanzig bis dreissig von diesen pflegen sich Vetter zu nennen, weil die Familienerinnerungen selten bis zum Urgrossvater hinaufsteigen. Aus der unergründlichen Tiefe der zeiten an das Tageslicht gestiegen, sonnen sich diese Menschen darin, so gut es gehen will, rühren sich und wehren sich ihrer Haut, um wohl oder wehe wieder in der Dunkelheit zu verschwinden, wenn ihre Zeit gekommen ist. Wenn sie ihre Nasen in die Hand nehmen, so sind sie sattsam überzeugt, dass sie eine ununterbrochene Reihe von zweiunddreissig Ahnen besitzen müssen, und anstatt dem natürlichen Zusammenhange derselben nachzuspüren, sind sie vielmehr bemüht, die Kette ihrerseits nicht ausgehen zu lassen. So kommt es, dass sie alle möglichen Sagen und wunderlichen Geschichten ihrer Gegend mit der grössten Genauigkeit erzählen können, ohne zu wissen, wie es zugegangen ist, dass der Grossvater die Grossmutter nahm. Alle Tugenden glaubt jeder selbst zu besitzen, wenigstens diejenigen, welche nach seiner Lebensweise für ihn wirkliche Tugenden sind, und was die Missetaten betrifft, so hat der Bauer so gut Ursache wie der vornehme, die seiner Väter in Vergessenheit begraben zu wünschen; denn er ist zuweilen eine so wüste und wilde Bestie wie manches andere Menschenkind.

Ein grosses rundes Gebiet von Feld und Wald bildet ein reiches unverwüstliches Vermögen der Bewohner; doch ist es eigentlich nicht ganz rund, indem mancher mächtige Acker, manche Zelle Laub- und Nadelholz jenseits der Hügel hinunter kühn und naseweis in das Gebiet anderer Gemeinden eingreift, während jene sich gelegentlich durch die glückliche und listige Erwerbung eines diesseitigen Grenzstückes rächen und daher das Ganze einen so zerfetzten Rand hat wie ein Bettlermantel. Dieser Reichtum blieb sich von jeher so ziemlich gleich; wenn auch hie und da eine Braut einen teil verschleppt, so unternehmen die jungen Bursche dafür häufige Raubzüge bis auf acht Stunden weit und sorgen für hinlänglichen Ersatz sowie dafür, dass die Gemütsanlagen und körperlichen Physiognomien der Gemeinde die gehörige Mannigfaltigkeit bewahren, und sie entwickeln hierin eine tiefere und gelehrtere Einsicht für ein frisches Fortgedeihen als manche reiche Patrizier- oder Handelsstadt und als die europäischen Fürstengeschlechter.

Die Einteilung dieses Besitzes aber verändert sich von Jahr zu Jahr teilweise und mit jedem halben Jahrhundert ganz bis zur Unkenntlichkeit. Die Kinder der gestrigen Bettler sind heute die Reichen im dorf, und die Nachkommen dieser treiben sich morgen mühsam in der Mittelklasse umher, um entweder ganz zu verarmen oder sich wieder aufzuschwingen.

Mein Vater starb so früh, dass ich ihn nicht mehr von seinem Vater konnte erzählen hören, ich weiss daher so gut wie nichts von diesem mann; nur so viel ist gewiss, dass damals die Reihe einer ehrbaren Unvermöglichkeit an seiner engeren Familie war. Da ich nicht annehmen mag, dass der ganz unbekannte Urgrossvater ein liederlicher Kauz gewesen sei, so halte ich es für wahrscheinlich, dass sein Vermögen durch eine sehr zahlreiche Nachkommenschaft zersplittert wurde; wirklich habe ich auch eine Menge entfernter Vettern, welche ich kaum noch zu unterscheiden weiss, die, wie die Ameisen krabbelnd, bereits wieder im Schwunge sind, ein gutes teil der viel zerhackten und durchfurchten Grundstücke an sich zu bringen. Ia, einige Alte unter denselben sind in der Zeit schon wieder reich gewesen und ihre Kinder wieder arm geworden.

Dazumal war es nicht ganz mehr jene erbärmliche Schweiz, wie sie Goete im Werterschen Nachlasse geschildert hat, und wenn auch die junge Saat der französischen Ideen durch einen ungeheuern Schneefall östreichischer, russischer und selbst französischer Quartierbilletts bedeckt worden war, so gestattete doch die kluge Mediationsverfassung einen gelinden Nachsommer und verhinderte meinen Vater nicht, die Kühe, die er weidete, eines Morgens stehenzulassen und, einem höhern Triebe folgend, nach der Stadt zu gehen, um ein gutes Handwerk zu erlernen. Von da an verscholl er so ziemlich für seine Mitbürger; denn