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bald wieder gänzlich zum dorf hinausführten. Ich konnte nicht vier Schritte vor mir sehen, Leute hörte ich immer, ohne sie zu erblicken, aber zufälligerweise traf ich niemanden auf meinen Wegen. Da kam ich zu einem offenstehenden Pförtchen und entschloss mich, hindurchzugehen und alle Gehöfte gerade zu durchkreuzen, um endlich wieder auf die Hauptstrasse zu kommen. Ich sah mich in einen prächtigen grossen Baumgarten versetzt, dessen Bäume alle voll der schönsten reifen Früchte hingen. Man sah aber immer nur einen Baum ganz deutlich, die nächsten standen schon halb verschleiert im Kreise umher, und dahinter schloss sich wieder die weisse Wand des Nebels. Es war daher, als ob man in einen weiten Tempel getreten, dessen Säulen von Räucherwolken und Seidengeweben umhüllt und von dessen Decke grüne Kränze mit goldenen und rubinfarbigen Früchten herabhingen. Plötzlich sah ich Judit mir entgegenkommen, welche einen grossen Korb mit Äpfeln gefüllt in beiden Händen vor sich her trug, dass von der kräftigen Last die Korbweiden leise knarrten. Das Einsammeln des Obstes war fast die einzige Arbeit, der sie sich mit Liebe und Eifer hingab. Sie hatte ihr Kleid des nassen Grases wegen etwas aufgeschürzt und zeigte die schönsten Füsse; ihr Haar war von Feuchte schwer und das Gesicht von der Herbstluft mit reinem Purpur gerötet. So kam sie gerade auf mich zu, auf ihren Korb blickend, sah mich plötzlich, stellte erst erbleichend den Korb zur Erde und eilte dann mit den Zeichen der herzlichsten und aufrichtigsten Freude auf mich zu, fiel mir um den Hals und drückte mir ein Dutzend voll und rein ausgeprägte Küsse auf die Lippen. Ich hatte Mühe, dies nicht zu erwidern, und rang mich endlich von ihrer Brust los.

"Sieh, sieh! du gescheites Bürschchen!" sagte sie froh lachend, "du bist heute gekommen und machst dir gleich den Nebel zunutze, mich noch vor Nacht heimzusuchen; das hätte ich dir nicht einmal zugetraut!" – "Nein", erwiderte ich, zur Erde blickend, "ich bin gestern gekommen und wohne beim Schulmeister, weil Anna krank ist. Unter diesen Umständen kann ich jedenfalls nicht zu dir kommen!" Judit schwieg eine Weile, die arme übereinandergeschlagen, und sah mich klug und durchdringend an, dass mein blick in die Höhe gezogen und auf den ihrigen gerichtet wurde.

"Das wäre allerdings noch gescheiter, als wie ich es meinte", sagte sie endlich, "wenn es dir nur etwas helfen würde! Doch, weil unser armes Schätzchen krank ist, so will ich billig sein und unsere Übereinkunft abändern. Der Nebel wird sich wenigstens zwei Wochen lang täglich mehrere Stunden auf dieselbe Weise zeigen. Wenn du jeden Tag während desselben zu mir kommst, so will ich dich für die Nacht deiner Pflicht entbinden und dir zugleich versprechen, dich nie zu liebkosen und dich selbst zurechtzuweisen, wenn du es tun wolltest; nur musst du mir jedesmal auf ein und dieselbe Frage ein einziges Wörtchen antworten, ohne zu lügen!" – "Welche Frage?" sagte ich. "Das wirst du schon sehen!" erwiderte sie; "komm, ich habe schöne Äpfel!"

Sie ging mir voran zu einem Baume, dessen Äste und Blätter edler gebaut schienen als die der übrigen, stieg auf einer Leiter einige Sprossen hinan und brach einige schön geformte und gefärbte Äpfel. Einen derselben, der noch im feuchten Dufte glänzte, biss sie mit ihren weissen Zähnen entzwei, gab mir die abgebissene Hälfte und fing an, die andere zu essen. Ich ass die meinige ebenfalls und rasch; sie war von der seltensten Frische und Gewürzigkeit, und ich konnte kaum erwarten, bis sie es mit dem zweiten Apfel ebenso machte. Als wir drei Früchte so gegessen, war mein Mund so süss erfrischt, dass ich mich zwingen musste, Judit nicht zu küssen und die Süsse von ihrem mund noch dazuzunehmen. Sie sah es, lachte und sprach "Nun sage bin ich dir lieb?" Sie blickte mich dabei fest an, und ich konnte, obgleich ich jetzt lebhaft und bestimmt an Anna dachte, nicht anders und sagte "Ja!" Zufrieden sagte Judit "Dies sollst du mir jeden Tag sagen!"

Hierauf fing sie an zu plaudern und sagte "Weisst du eigentlich, wie es mit dem guten kind steht?" Als ich erwiderte, dass ich allerdings nicht klug daraus würde, fuhr sie fort "Man sagt, dass das arme Mädchen seit einiger Zeit merkwürdige Träume und Ahnungen habe, dass sie schon ein paar Dinge vorausgesagt, die wirklich eingetroffen, dass manchmal im Traume wie im Wachen sie plötzlich eine Art Vorstellung und Ahnung von dem bekomme, was entfernte Personen, die ihr lieb sind, jetzt tun oder lassen oder wie sie sich befinden, dass sie jetzt ganz fromm sei und endlich auf der Brust leide! Ich glaube dergleichen Sachen nicht, aber krank ist sie gewiss, und ich wünsche ihr aufrichtig alles Gute, denn sie ist mir auch lieb um deinetwillen. – Aber alle müssen leiden, was ihnen bestimmt ist!" setzte sie nachdenklich hinzu.

Während ich ungläubig den Kopf schüttelte, durchfuhr mich doch ein leichter Schauer, und ein seltsamer Schleier der Fremdartigkeit legte sich um Annas Gestalt, welche meinem inneren Auge vorschwebte. Und fast in demselben Augenblicke war es mir auch, als ob sie mich jetzt sehen müsse, wie ich vertraulich bei der Judit stand; ich erschrak darüber und sah mich um. Der Nebel löste sich auf, schon sah man