während sie mich selbst nur wenig ansah.
Plötzlich sagte sie "Unsere Tante im Pfarrhaus lässt dir sagen, du sollest mit uns sogleich hinausfahren, sonst sei sie böse! Willst du?" Ich erwiderte "Ja, jetzt kann ich schon!" und setzte hinzu "Was fehlt dir denn eigentlich?" – "Ach, ich weiss es selbst nicht, ich bin immer müde und leide manchmal ein wenig; die anderen machen mehr daraus als ich selbst!"
Meine Mutter und der Schulmeister kamen zurück; neben den seltsamen und fremdartigen Paketen, die er mit einem verstohlenen Seufzer auf den Tisch legte, brachte er einige Geschenke für Anna mit, feine Kleiderstoffe, einen schönen grossen Shawl und eine goldene Uhr, als ob er mit diesen kostbaren und auf die Dauer berechneten Sachen eine günstige Wendung des Geschickes erzwingen wollte. Als Anna darüber erschrak, sagte er, sie habe diese Dinge schon lange verdient und das bisschen Geld hätte gar keinen Wert für ihn, wenn er nicht ihr eine kleine Freude dadurch verschaffen könnte.
Er zeigte sich zufrieden, dass ich mitfahren wollte; meine Mutter sah es auch gern und legte mir einige Sachen zurecht, indessen ich das Gefährt aus dem Gastause holte, wo es eingestellt war. Anna sah allerliebst aus, als sie wohlvermummt und verschleiert dem Schulmeister zur Seite sass. Ich behauptete den Vordersitz und hatte das Leitseil des gutgenährten Pferdes ergriffen, welches ungeduldig scharrte; die Mutter machte sich noch lange am Wagen zu schaffen und wiederholte dem Schulmeister ihre Anerbietungen zu jeglicher Hilfe und, wenn es notwendig würde, hinzukommen und Anna zu pflegen; die Nachbaren steckten die Köpfe aus den Fenstern und vermehrten mein angenehmes Selbstbewusstsein, als ich endlich mit meiner liebenswürdigen und anmutigen Gesellschaft die enge Strasse entlangfuhr.
Es glänzte ein sonniger Herbstnachmittag auf dem land. Wir fuhren durch Dörfer und Felder, sahen die Gehölze und Anhöhen im zarten Dufte liegen, hörten die Jägerhörnchen in der Ferne, begegneten überall zahlreichem Fuhrwerke, welches den Herbstsegen einbrachte; hier machten die Leute die Gefässe zur Weinlese zurecht und bauten grosse Kufen, dort standen sie reihenweise auf den Äckern und gruben Kartoffeln aus, anderswo wieder pflügten sie die Erde um, und die ganze Familie war dabei versammelt, von der Herbstsonne hinausgelockt; überall war es lebendig und zufrieden bewegt. Die Luft war so mild, dass Anna ihren grünen Schleier zurückschlug und ihr liebliches Gesicht zeigte. Wir vergassen alle drei, warum wir eigentlich auf diesen Wegen fuhren; der Schulmeister war gesprächig und erzählte uns viele Geschichten von den Gegenden, durch welche wir kamen, zeigte uns die heiteren Wohnungen, wo berühmte Männer hausten, deren wohlgeordnete und gepflegte Räume und Gärten die weise Klugheit ihrer Besitzer verkündeten oder deren weisse Giebelwände und glänzende Fenster auch von entlegenen Halden im Sonnenschein die gleiche Kunde gaben. Da und dort wohnte eine berühmte Tochter oder deren zwei, von denen etwas zu erblicken wir im Vorüberfahren uns bemühten, und wenn dies gelang, so benahm sich Anna mit dem bescheidenen Anstande derjenigen, welche selbst Blumen des Landes sind.
Doch dunkelte es eine geraume Weile, ehe wir ans Ziel gelangten, und mit der Dunkelheit fiel es mir plötzlich ein, dass ich Judit das Versprechen gegeben, sie jedesmal zu besuchen, wenn ich ins Dorf käme. Anna hatte sich wieder verhüllt, ich sass nun neben ihr, da der Schulmeister, welcher die Wege besser kannte, die Zügel genommen, und weil wir der Dunkelheit wegen nun schweigsamer waren, so hatte ich Zeit, darüber nachzudenken, was ich tun wollte.
Je unmöglicher es mir schien, mein Versprechen zu halten, je weniger ich das Wesen, welches ich mir zur Seite fühlte und das sich nun sanft an mich lehnte, auch nur in Gedanken beleidigen und hintergehen mochte, desto dringender ward auf der andern Seite die Überzeugung, dass ich am Ende doch mein Wort halten müsse, da mich Judit nur im Vertrauen auf dasselbe in jener Nacht entlassen, und ich nahm keinen Anstand, mir einzubilden, dass das Brechen desselben sie kränken und ihr weh tun würde. Ich mochte um alles in der Welt gerade vor ihr nicht unmännlich als einer erscheinen, welcher aus Furcht ein Versprechen gäbe und aus Furcht dasselbe bräche. Da fand ich einen sehr klugen Ausweg, wie ich dachte, der mich wenigstens vor mir selbst rechtfertigen sollte. Ich brauchte nur bei dem Schulmeister zu wohnen, so war ich nicht im dorf, und wenn ich am Tage dasselbe besuchte, so brauchte ich Judit nicht zu sehen, welche sich nur meinen nächtlichen und geheimen Besuch während eines Aufentaltes im dorf ausbedungen hatte.
Als wir daher in des Schulmeisters Haus ankamen und dort die Muhme mit einem Sohne und zwei Töchtern vorfanden, welche uns erwarteten, teils um sogleich zu hören, was der Arzt gesprochen, teils um dem Schulmeister das Zurückbringen des geliehenen Fuhrwerks zu ersparen, als sie nun mich mitnehmen wollten und der Schulmeister sich freundlich dagegen beschwerte, erklärte ich unversehens, hierbleiben zu wollen, und die alte Katerine, welche jetzt Annas wegen sehr sorgenvoll und kleinlaut war, eilte, mir ein Unterkommen zu bereiten, indessen Anna, welche ganz ermüdet und angegriffen war und von Husten befallen wurde, sich sogleich zu Bett begeben musste. Sie führte mich an einen artig eingerichteten Tisch, auf welchem ihre Bücher und Arbeitssachen, auch Papier und Schreibzeug lagen, setzte Licht darauf und sagte lächelnd "Mein Vater bleibt alle Abend bei mir, bis ich eingeschlafen bin, und liest mir manchmal etwas vor. Hier