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Dies ist, solange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen umhergeworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen!"

Da es mir einmal bestimmt scheint, immer ruckweise und durch kurze Blitze und Schlagwörter auf eine neue Spur zu kommen, so bewirkten diese Andeutungen Römers, besonders diejenigen über das Pikante, mehr, als wenn ich den Homer jahrelang so für mich gelesen hätte. Ich war begierig, selbst dergleichen aufzufinden, und lernte dadurch mit mehr Bewusstsein und Absicht lesen.

Inzwischen war es gut, dass das Interesse Römers, hinsichtlich des Kopierens seiner Sammlungen, sich mit dem meinigen vereinigte; denn als ich nun, gemäss seiner Aufforderung, mich wieder vor die natur hinsetzte, erwies es sich, dass ich Gefahr lief, meine ganze Kopierfertigkeit und mein italienisches Wissen zu einer wunderlichen Fiktion werden zu sehen. Es kostete mich die grösste Beharrlichkeit und Mühe, ein nur zum zehnten Teile so anständiges Blatt zuwege zu bringen, als meine Kopien waren; die ersten Versuche misslangen fast gänzlich, und Römer sagte schadenfroh "Ja, mein Lieber, das geht nicht so rasch! Ich habe es wohl gedacht, dass es so kommen würde; nun heisst es auf eigenen Füssen stehen oder vielmehr mit eigenen Augen sehen! Eine gute Studie leidlich kopieren, will nicht soviel heissen! Glauben Sie denn, man lässt sich ohne weiteres für andere die Sonne auf den Buckel zünden?" usf. Nun begann der ganze Krieg des Tadels gegen das Bemühen, demselben zuvorzukommen und ihm boshafte Streiche zu spielen, von neuem; Römer ging mit hinaus und malte selbst, so dass er mich immer unter seinen Augen hatte. Es war hier nicht geraten, die Torheiten und Flausen zu wiederholen, die ich unter Herrn Habersaat gespielt hatte, da Römer durch Steine und Bäume zu sehen schien und jedem Striche anmerkte, ob derselbe gewissenhaft sei oder nicht. Er sah es jedem Aste an, ob derselbe zu dick oder zu dünn sei, und wenn ich meinte, derselbe könnte ja am Ende so gewachsen sein, so sagte er "Lassen Sie das gut sein! Die natur ist vernünftig und zuverlässig; übrigens kennen wir solche Finessen wohl! Sie sind nicht der erste Hexenmeister, welcher der natur und seinem Lehrer ein X für ein U machen will!"

Doch rückte ich allmählich vorwärts; aber leider muss ich gestehen, dass mehr ein äusserer Ehrgeiz mich dazu antrieb als eine innere Treue. Denn es war mir hauptsächlich darum zu tun, dass die arbeiten, welche ich selbst nach der natur machte, nicht zu sehr zurückstehen möchten gegen meine kopierte Sammlung, und recht bald ein geistiges Eigentum von einigem Wert zu haben. Ich gelangte auch im Laufe des Sommers in Besitz von einem Dutzend starker und solider Papierbogen, auf welchen sich ansehnliche Baumgruppen, Steingerölle und Buschwerke ziemlich keck und sachgemäss darstellten, die einen Vorrat von guten Motiven entielten, die Spuren der natur und einer künstlerischen Leitung zeigten und desnahen, wenn sie auch weit entfernt waren, etwas Meisterhaftes zu verraten, doch als eine erste ordentliche Grundlage zu der Mappe eines Künstlers betrachtet werden konnten, welche man nicht nur der Erinnerung, sondern auch der fortdauernden Nutzbarkeit wegen aufbewahren mag. In diesen Blättern war dann noch diese oder jene Lieblingsstelle, wo ich einen glücklichen Ton getroffen und der natur einen guten blick abgelauscht, ohne es zu wissen, irgendein gutes Grünlich-Grau oder ein deutliches Sonnenlicht auf einem schwärzlichen Steine, womit Römer so zufrieden war, dass er es der Brauchbarkeit halber für sich kopierte. Er konnte dies unbeschadet seiner Strenge tun; denn ich durfte nur einen blick auf seine eigenen Studien werfen, welche er in diesem Sommer machte, so verging mir alle Überhebung, und wenn ich noch so viel Freude an meinen Schülerwerken empfand, so war diese Freude noch viel grösser und schöner, wenn ich Römers glänzende und meisterhafte arbeiten sah. Aber düster und einsilbig legte er sie zu seinen übrigen Sachen, als ob er sagen wollte was hilft das Zeug! während ich die meinigen mit stolzer Hoffnung aufbewahrte und die Zeit nahe sah, wo ich ebensolche Meisterwerke mein nennen würde.

Neben den ausgeführten Studien sammelte sich noch ein artiger Schatz von kleinen und fragmentarischen Bleistift- und Federskizzen, die alle wohl zu brauchen waren und mein erstes, auf eigene Arbeit und wahre Einsicht gegründetes Besitztum vervollständigten.

Weil ich die mir durch den Aufentalt Römers zugemessene Zeit wohl benutzen musste, so konnte ich nicht daran denken, das Dorf zu besuchen, obschon ich verschiedene Grüsse und Zeichen von daher erhalten hatte. Um so fleissiger dachte ich an Anna, wenn ich arbeitete und die grünen Bäume leise um mich rauschten. Ich freute mich für sie meines Lernens und dass ich in diesem Jahre so reich an Erfahrung geworden gegen das frühere Jahr; ich hoffte einigen wirklichen Wert dadurch erhalten zu haben, der in ihren Augen für mich spräche und in ihrem haus die Hoffnung begründe, die ich selbst für mich zu hegen mir erlaubte.

Wenn ich aber nach getaner Arbeit in meines Lehrers wohnung ausruhte, seinen Erzählungen vom südlichen Leben zuhörte und dabei seine Sachen beschaute, worunter manches Studienbild einer schönen vollen Römerin oder Albanerin dunkeläugig glänzte, so trat unversehens Judits Bild vor mich und wich nicht von mir, bis es, von selbst Annas Gestalt hervorrufend, von dieser verdrängt wurde. Wenn ich eine blendendweisse Säulenreihe ansah und mit lebendiger Phantasie das Weben der heissen Luft zu fühlen glaubte, in welcher sie stand, so schien