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kennen, ohne dass mir dieselbe lästig wurde, da sie in sich selbst den Lohn der immer neuen Erholung und Verjüngung trägt, und ich sah mich in den Stand gesetzt, eine grosse Studie Römers, welche schon mehr ein ganzes Bild mit den verschiedensten Bestandteilen vorstellte, vornehmen zu dürfen und dieselbe so zu kopieren, dass mein Lehrer erklärte, es sei nun genug in dieser Richtung, ich würde ihm sonst seine ganzen Mappen nachzeichnen; dieselben seien sein einziges Vermögen, und er wünsche bei aller Freundschaft doch nicht, eine förmliche Doublette desselben in anderen Händen zu wissen.

Durch diese Beschäftigung war ich wunderlicherweise im Süden weit mehr heimisch geworden als in meinem vaterland. Da die Sachen, nach welchen ich arbeitete, alle unter freiem Himmel und sehr trefflich gemacht waren, auch die Erzählungen und Bemerkungen Römers fortwährend meine Arbeit begleiteten, so verstand ich die südliche Sonne, jenen Himmel und das Meer beinahe, wie wenn ich sie gesehen hätte, wusste Kakteen, Aloe und Myrtensträucher besser darzustellen als Disteln, Nesseln und Weissdorn, Pinien und immergrüne Eichen besser als Föhren und nordische Eichen, und Zypressen und Ölbäume waren mir bekannter als Pappeln und Weiden. Selbst der südliche Boden war mir viel leichter in der Hand als der nordische, da jener mit bestimmten glänzenden Farben bekleidet war und sich im Gegensatze zu der tiefen Bläue der mittleren und fernen Gründe fast von selbst herstellte, indessen dieser, um wahr und gut zu scheinen, eine unmerkliche, aber verzweifelt schwer zu treffende Verschiedenheit und Feinheit in grauen Tönen erforderte. Am See von Nemi war ich besser zu haus als an unserm See, die Umrisse von Capri und Ischia kannte ich genauer als unsere nächsten Uferhöhen. Die roten, mit Efeu bekleideten Bogen der Wasserleitungen in der sonnverbrannten braungelben römischen Campagne mit den blauen Höhenzügen in der Ferne und dem graurötlichen Duft am Himmel konnte ich auswendig herpinseln.

Und wie schön waren alle diese Gegenstände! Auf einer sizilianischen Küstenstudie war vorn zwischen goldenen Felsen eine Stelle im Meere, welche in der allerfabelhaftesten purpurnen Bläue funkelte, wie sie der ausschweifendste Märchendichter nicht auffallender hätte ersinnen können. Aber sie war hier an ihrem rechten und gesetzmässigen platz und machte daher eine zehnmal poetischere wirkung, als wenn sie in einer erfundenen Landschaft unter anderen Umständen angebracht worden wäre.

Einen besonderen Reiz gewährten mir die Trümmer griechischer Baukunst, welche sich da und dort fanden. Ich empfand wieder Poesie, wenn ich das weisse, sonnige Marmorgebälke eines dorischen Tempels vom blauen Himmel abheben musste. Die horizontalen Linien an Architrav, Fries und Kranz sowie die Kannelierungen der Säulen mussten mit der zartesten Genauigkeit, mit wahrer Andacht, leis und doch sicher und elegant hingezogen werden; die Schlagschatten auf diesem weissgoldenen edlen Gestein waren rein blau, und wenn ich den blick fortwährend auf dies Blau gerichtet hatte, so glaubte ich zuletzt wirklich einen leibhaften Tempel zu sehen. Jede Lücke im Gebälke, durch welche der Himmel schaute, jede Scharte an den Kannelierungen war mir heilig, und ich hielt genau ihre kleinsten Eigentümlichkeiten fest.

Im Nachlasse meines Vaters fand sich ein Werk über Architektur, in welchem die geschichte und Erklärung der alten Baustile nebst guten Abbildungen mit allem Detail entalten waren. Dies zog ich nun hervor und studierte es begierig, um die Trümmer besser zu verstellen und ihren Wert ganz zu kennen. Auch erinnerte ich mich der Italienischen Reise von Goete, welche ich kürzlich gelesen, Römer erzählte mir viel von den Menschen und Sitten und der Vergangenheit Italiens. Er las fast keine Bücher als die deutsche Übersetzung von Homer und einen italienischen Ariost. Den Homer forderte er mich auf zu lesen, und ich liess mir dies nicht zweimal sagen. Im Anfange wollte es nicht recht gehen, ich fand wohl alles schön, aber das Einfache und Kolossale war mir noch zu ungewohnt, und ich vermochte nicht lange nacheinander auszuhalten. Am meisten fesselten mich nur die bewegtesten Vorgänge, besonders in der Odyssee, während die Ilias mir lange nicht nahetreten wollte. Aber Römer machte mich aufmerksam, wie Homer in jeder Bewegung und Stellung das einzig Nötige und Angemessene anwende, wie jedes Gefäss und jede Kleidung, die er beschreibe, zugleich das Geschmackvollste sei, was man sich denken könne, und wie endlich jede Situation und jeder moralische Konflikt bei ihm bei aller fast kindlichen Einfachheit von der gewähltesten Poesie getränkt sei. "Da verlangt man heutzutage immer nach dem Ausgesuchten, Interessanten und Pikanten und weiss in seiner Stumpfheit gar nicht, dass es gar nichts Ausgesuchteres, Pikanteres und ewig Neues geben kann als so einen homerischen Einfall in seiner einfachen Klassizität! Ich wünsche Ihnen nicht, lieber Lee, dass Sie jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie dies zugeht? Halten wir das Beispiel einmal fest! Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat und von Ihrer Mutter und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umherschweifen, und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben Kummer und sorge, sind wohl gar elend und verlassen so wird es Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, dass Sie sich Ihrer Heimat nähern; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben; holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken Sie plötzlich, dass Sie zerfetzt, nackt und kotbedeckt einhergehen; eine namenlose Scham und Angst fasst Sie, Sie suchen sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen in Schweiss gebadet.