einen ungeheuern Knäuel von Soldaten und Handwerksburschen, welche sich die Köpfe zerbleueten. Es war ein unendliches Gesumme überall und ein seltsamer Übergang der katolischen Festandacht und der kirchlichen Glockentöne in die laute Lustbarkeit des zweiten Osterabends.
Heinrich hatte sich aus dem Lärm verloren in eine lange und weite Strasse, welche ganz von mächtigen neuen Gebäuden besetzt war. Steinerne Bildsäulen standen vor ernsten byzantinischen Fronten, die still und hoch in den dunkelnden Himmel hinaufstiegen, bald dunkelrot gefärbt, bald blendend weiss, alles wie erst heute und zur Mustersammlung für lernbegierige Schüler aufgestellt. Da und dort verschmelzten sich die alten Zierarten und Formen zu neuen Erfindungen, die verschiedensten Gliederungen und Verhältnisse stritten sich und verschwammen ineinander und lösten sich wieder auf zu neuen Versuchen; es schien, als ob die tausendjährige Steinwelt, auf ein mächtiges Zauberwort in Fluss geraten, nach einer neuen Form gerungen hätte und über dem Ringen in einer seltsamen Mischung wieder erstarrt wäre. Wie zum Spotte ragte tief im Hintergrunde eine kolossale alte Kirche im Jesuitenstile über alle diese Schöpfungen empor, und die tollen Schnörkel und Schlangenlinien derselben schienen in dem schwachen Mondlichte auf und nieder zu tanzen. Das Getöse der inneren Stadt summte nur von ferne in die einsame, stille Strasse herein, man hörte fast keines Menschen Tritt gehen, nur ein hoher, magerer Mann kam mit langen Schritten und wunderlichen Bewegungen durch das ersterbende Zwielicht daher und trat, als Heinrich ihn zerstreut ansah, plötzlich auf denselben zu und schlug ihm die Mütze vom kopf, dass sie auf den Boden fiel. Es lag aber etwas Schwärmerisches und gutmütig Edles in den Augen dieses Mannes, so dass Heinrich verlegen dastand, sich hinter den Ohren kratzte und nicht wusste, was nun wieder zu tun sei. Der Fremde rief ihm aber mit lauter stimme zu "Warum gaffen Sie mich an und grüssen nicht? Was ist das für eine Ungezogenheit?" Heinrich sagte "Ich kenne Sie ja gar nicht, Herr!" – "So? Wissen Sie, ich bin der König! Artig sein, Respekt haben, junger Mann!" und ohne eine fernere Rede abzuwarten, schritt er rasch von dannen.
Heinrich hob seine Mütze vom Boden, schlug den Staub ab und suchte eiligst seine Herberge auf.
Viertes Kapitel
Am andern Tage hantierte Heinrich Lee bereits in einem ge mieteten Zimmer umher und war bemüht, seine Siebensachen in den verschiedenen Hausgeräten unterzubringen. Sein gewaltiger altväterlicher Holzkoffer stand mitten auf dem Boden und schien sich nicht erschöpfen zu wollen; denn ausser dem reichlichen Vielerlei, womit ihn die Mutter für des Leibes Bedürfnis versorgt hatte, führte er auch einen ziemlichen Vorrat an sonstigen Dingen mit, von denen er sich nicht hatte trennen können, obschon ein guter teil keinen andern Wert hatte, als dass Heinrich bisher die Sachen täglich vor Augen und in Händen sah. Er kannte den Zustand noch nicht, wo man jedes entbehrliche Buch, jedes Kästchen oder Schächtelchen aus alter Zeit, Briefschaften, sogar musikalische Instrumente, die einem fast an die Hand gewachsen sind, über Bord wirft und, starr und ängstlich seine Zukunft suchend, welche immer zurückzuweichen scheint, während sie fortwährend um uns herumschleicht und hinter unserm rücken unbemerkt zur Vergangenheit wird, mit dem zusammengepressten Gepäcke eines Kuriers jahrelang dahinlebt, in Wohnungen, die ebenso knapp eingerichtet sind, ein Bett, ein Tisch, ein Sofa, vier Stühle, und das alles in der jämmerlichen Eleganz, wie sie der Laden eines Trödlers oder Möbelverleihers darbietet und der Geschmack einer hungrigen Witwe zusammenstellt. Da ist keine trauliche Uhr an der Wand, ja kein überzähliges Tischchen am Fenster, kein Blumenstock vor demselben; statt dass klare weisse Vorhänge schlicht darüberhangen, schlingt sich tollgewordener roter und gelber Kattun um einen trübselig vergoldeten Spiess, welcher schon zwölfmal verkauft und wieder gekauft wurde. Und trotz dieser Armseligkeit hat die einzige Kommode im Nu das Mitgebrachte des fahrenden Bewohners verschlungen, wie ein Haifisch eine Katze, und lässt nichts zu sehen übrig als hier einen Bogen Briefpapier, dort eine Haarbürste. Es ist ein unerquickliches Leben in dieser baumwollenen Pracht der Mietzimmer, immer den Reisekoffer neben dem Ofen!
Die wohnung jedoch, welche Heinrich gefunden hatte, entsprach mehr seinen mitgebrachten mannigfaltigen Habseligkeiten. Sie war einfach, aber bequem und hatte in ihrer Einrichtung das Ansehen einer seit lange so bestandenen ordentlichen Wohnstube. Die Fenster gingen auf einen stillen Hof, die Sessel an denselben standen noch auf besonderen Erhöhungen, und noch ein anderer behaglicher Sitz zum träumerischen Ausruhen versprach die endlich geleerte Arche Noä Heinrichs zu werden, welche er zwischen den Ofen und das Bett hineinschob.
Er sass auch schon auf dem soliden Deckel, ausruhend und nachdenklich wie einer, der für den Augenblick nicht weiss, was eigentlich zunächst nun zu beginnen ist. Ohne Empfehlungen und Bekanntschaften in dieser Stadt angekommen, musste er sich ganz allein zu helfen und nach eigenem Überblick und Urteil seine Tätigkeit zu ordnen suchen. In der Hand hielt er ein eingebundenes Manuskript und blätterte darin umher, als ob er eine Richtschnur oder wenigstens die Anknüpfungspunkte für eine solche herausfinden wollte. Es war die geschichte seiner bisherigen Jugend, welche er in jugendlicher Subjektivität und Schreibseligkeit während der letzten Zeit vor seiner Abreise niedergeschrieben hatte, um sich eine Art Abschluss und Übersicht zu bilden.
Bis seine neuen Verhältnisse eine bestimmte Gestalt angenommen haben, wollen wir das mässige Büchlein durchlesen, um ihn selbst wie sein ferneres Geschick desto klarer beurteilen zu können. Schon dass er dasselbe geschrieben, ist so bezeichnend, dass auch der Inhalt denjenigen weiter anregen muss, der überhaupt an unserm Helden