Römer und gedenke mich eine Zeitlang in meiner Heimat aufzuhalten. Es soll mich freuen, wenn ich Ihnen etwas nachhelfen kann, ich habe viele Sachen bei mir, besuchen Sie mich einmal, oder kommen Sie gleich mit mir nach haus, wenn's Ihnen recht ist!"
Ich packte eilig zusammen und begleitete in feierlicher Stimmung den Herrn Römer und mit nicht geringem Stolze. Ich hatte oft von ihm sprechen gehört; denn er war eine der grossen Sagen des Refektoriums, und Meister Habersaat tat sich nicht wenig darauf zu gut, wenn es hiess, sein ehemaliger Schüler Römer sei ein berühmter Aquarellist in Rom und verkaufe seine arbeiten nur an Fürsten und Engländer. Auf dem Wege, solange wir noch im Freien waren, zeigte mir Römer allerlei gute Dinge in der natur, sei es in Licht und Tönen, sei es in Form und Charakter. Aufmerksam begeistert sah ich hin, wo er mit der Hand fein wegstreichend hindeutete; ich war erstaunt, zu entdecken, dass ich eigentlich, so gut ich erst kürzlich noch zu sehen geglaubt, noch gar nichts gesehen hatte, und ich staunte noch mehr, das Bedeutende und Lehrreiche nun meistens in Erscheinungen zu finden, die ich vorher entweder übersehen oder wenig beachtet. Jedoch freute ich mich, sogleich zu verstehen, was mein Begleiter jeweilig meinte, und mit ihm einen kräftigen und doch klaren Schatten, einen milden Ton oder eine zierliche Ausladung eines Baumes zu sehen, und nachdem ich erst einige Male mit ihm spaziert, hatte ich mich bald gewöhnt, die ganze landschaftliche natur nicht mehr als etwas Rundes und Greifliches, sondern nur als ein gemaltes Bilderund Studienkabinett, als etwas bloss vom richtigen Standpunkte aus Sichtbares zu betrachten und in technischen Ausdrücken zu beurteilen.
Als wir in seiner wohnung anlangten, welche aus ein paar eleganten Zimmern in einem schönen haus bestand, setzte Römer sogleich seine Mappen auf einen Stuhl vor das Sofa, hiess mich auf dieses neben ihn sitzen und begann die Sammlung seiner grössten und wertvollsten Studien eine um die andere umzuwenden und aufzustellen. Es waren alles umfangreiche Blätter aus Italien, auf starkes grobkörniges Papier mit Wasserfarben gemalt, doch auf eine mir ganz neue Weise und mit unbekannten kühnen und geistreichen Mitteln, so dass sie ebensoviel Schmelz und Duft als klarheit und Kraft zeigten und vor allem aus in jedem Striche bewiesen, dass sie vor der lebendigen natur gemacht waren. Ich wusste nicht, sollte ich über die glänzende und angenehm nahetretende Meisterschaft der Behandlung oder über die Gegenstände mehr Freude empfinden, denn von den mächtigen dunklen Zypressengruppen der römischen Villen, von den schönen Sabinerbergen bis zu den Ruinen von Pästum und dem leuchtenden Golf von Neapel, bis zu den Küsten von Sizilien mit den zauberhaften hingehauchten, gedichteten Linien tauchte Bild um Bild vor mir auf mit den köstlichen Merkzeichen des Tages, des Ortes und des Sonnenscheins, unter welchem sie entstanden. Schöne Klöster und Kastelle glänzten in diesem Sonnenschein an schönen Bergabhängen, Himmel und Meer ruhten in tiefer Bläue oder in heitrem Silberton, und in diesem badete sich die prächtige, edle Pflanzenwelt mit ihren klassisch einfachen und doch so reichen Formen. Dazwischen sangen und klangen die italienischen Namen, wenn Römer die Gegenstände benannte und Bemerkungen über ihre natur und Lage machte. Manchmal sah ich über die Blätter hinaus im Zimmer umher, wo ich hier eine rote Fischerkappe aus Neapel, dort ein römisches Taschenmesser, eine Korallenschnur oder einen silbernen Haarpfeil erblickte; dann sah ich meinen neuen Beschützer aufmerksam und von Grund aus wohlwollend an, seine weisse Weste, seine Manschetten, und erst, wenn er das Blatt umwandte, fuhr mein blick wieder auf dasselbe, um es noch einmal zu überfliegen, ehe das nächste erschien.
Als wir mit dieser Mappe zu Ende waren, liess mich Römer noch flüchtig in einige andere blicken, von denen die eine einen Reichtum farbiger Details, die andere eine Unzahl Bleistiftstudien, eine dritte lauter auf das Meer, Schiffahrt und Fischerei Bezügliches, eine vierte endlich verschiedene Phänomene und Farbenwunder wie die Blaue Grotte, aussergewöhnliche Wolkenerscheinungen, Vesuvausbrüche, glühende Lavabäche usw. entielten. Dann zeigte er mir noch im andern Zimmer seine gegenwärtige Arbeit, ein grösseres Bild auf einer Staffelei, welches den Garten der Villa d'Este vorstellte. Dunkle Riesenzypressen ragten aus flatternden Reben und Lorbeerbüschen, aus Marmorbrunnen und blumigen Geländern, an welchen eine einzige Figur, Ariost, lehnte, in schwarzem ritterlichen Kleide, den Degen an der Seite. Im Mittelgrunde zogen sich Häuser und Bäume von Tivoli hin, von Duft umhüllt, und darüber hinweg dehnte sich das weite Feld, vom Purpur des Abends übergossen, in welchem am äussersten Horizonte die Peterkuppel auftauchte.
"Genug für heute!" sagte Römer, "kommen Sie öfter zu mir, alle Tage, wenn Sie Lust haben; bringen Sie mir Ihre Sachen mit, vielleicht kann ich Ihnen dies und jenes zum Kopieren mitgeben, damit Sie eine leichtere und zweckmässigere Technik erlangen!"
Mit der dankbarsten Verehrung verabschiedete ich mich und sprang mehr, als ich ging, nach haus. Dort erzählte ich meiner Mutter das glückliche Abenteuer mit den beredtesten Worten und verfehlte nicht, den fremden Herrn und Künstler mit allem Glanz auszustatten, dessen ich habhaft war; ich freute mich, ihr endlich ein Beispiel rühmlichen Gelingens als einen Trost für meine eigene Zukunft vorführen zu können; besonders da ja Römer ebenfalls aus Herrn Habersaats kümmerlicher Pflanzschule hervorgegangen war. Allein die fünfzehn in der weiten Ferne zugebrachten Jahre, welche zu diesem Gelingen gebraucht worden, leuchteten meiner Mutter nicht sonderlich ein,