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regnete immerfort auf mich nieder, die Windstösse fahren und pfiffen durch die Luft und heulten erbärmlich in den Bäumen, ich weinte dazu, was nur die Augen fassen mochten; seltsamerweise machte ich niemandem Vorwürfe als mir selbst und dachte nicht daran, der Judit irgendeine Schuld beizumessen. Ich fühlte mein Wesen in zwei Teile gespalten und hätte mich vor Anna bei der Judit und vor Judit bei der Anna verbergen mögen. Ich gelobte aber, nie wieder zur Judit zu gehen und mein Versprechen zu brechen; denn ich empfand ein grenzenloses Mitleid mit Anna, die ich in der grauen feuchten Tiefe zu meinen Füssen jetzt so still schlafend wusste. Endlich raffte Ich mich auf und stieg wieder ins Dorf hinunter; der Rauch stieg aus den Schornsteinen und kroch in wunderlichen Fetzen durch den Regen, Ich sann etwas gefasster darüber nach, was ich im haus meines Oheims über mein nächtliches Ausbleiben vorgeben wolle. Ich wollte sagen, ich hätte mich verirrt und sei die ganze Nacht umhergestreift. Dies war seit den kritischen Knabenjahren das erste Mal, wo ich zu einem eigennützigen Zwecke wieder lügen musste; mehrere Jahre hindurch hatte ich nicht mehr gewusst, was lügen sei, und diese Entdeckung machte mir vollends zu Mute, als ob ich aus einem schönen Garten hinausgestossen würde, in welchem ich eine Zeitlang zu Gast gewesen.

Dritter Band

Erstes Kapitel

Ich schlief fest und traumlos bis zum Mittag; als ich erwachte, wehte noch immer der warme Südwind, und es regnete in einem fort. Ich sah aus dem Fenster und erblickte das Tal auf und nieder, wie Hunderte von Männern am wasser arbeiteten, um die Wehren und Dämme herzustellen, da in den Bergen aller Schnee schmelzen musste und eine grosse Flut zu erwarten war. Das Flüsschen rauschte schon ansehnlich und graugelblich daher; für unser Haus war gar keine Gefahr, da es an einem sicher abgedämmten Seitenarme lag, der die Mühle trieb; doch waren alle Mannspersonen fort, um die Wiesen zu schützen, und ich sass mit den Frauensleuten allein zu Tische. nachher ging ich auch hinaus und sah die Männer ebenso rüstig und entschlossen bei der Arbeit, als sie gestern die Freude angefasst hatten. Sie hantierten wie die Teufel in Erde, Holz und Steinen, standen bis über die Knie in Schlamm und wasser, schwangen Äxte und trugen Faschinen und Balken umher, und wenn so acht Mann unter einem schweren Werkstücke einhergingen, hielten die Witzbolde unter ihnen ohne Zeitverlust keinen Einfall zurück; nur der Unterschied war gegen gestern, dass man keine Tabakspfeifen sah, da dies Volk bei der Arbeit wohl wusste, was guter Ton ist. Ich konnte nicht viel helfen und war den Leuten eher im Wege; nachdem ich daher eine Strekke weit das wasser hinaufgeschlendert, kehrte ich oben durch das Dorf zurück und sah auf diesem Gange die Tätigkeit auf allen ihren gewohnten Wegen. Wer nicht am wasser beschäftigt war, der fuhr ins Holz, um die dortige Arbeit noch schnell abzutun, und auf einem Acker sah ich einen Mann so ruhig und aufmerksam pflügen, als ob weder der Nachtag eines Festes noch eine Gefahr im land wäre. Ich schämte mich, allein so müssig und zwecklos umherzugehen, und um nur etwas Entschiedendes zu tun, entschloss ich mich, sogleich nach der Stadt zurückzukehren. Zwar hatte ich leider nicht viel zu versäumen, und meine ungeleitete haltlose Arbeit bot mir in diesem Augenblicke gar keine lockende Zuflucht, ja sie kam mir schal und nichtig vor; da aber der Nachmittag schon vorgerückt war und ich durch Kot und Regen in die Nacht hinein wandern musste, so liess eine asketische Laune mir diesen gang als eine Wohltat erscheinen, und ich machte mich trotz aller Einreden meiner Verwandten ungesäumt auf den Weg.

So stürmisch und mühevoll dieser war, legte ich doch die bedeutende Strecke zurück wie einen sonnigen Gartenpfad; denn in meinem inneren erwachten alle Gedanken und spielten fort und fort mit dem Rätsel des Lebens wie mit einer goldenen Kugel, und ich war nicht wenig überrascht, mich unversehens vor dem Stadttore zu befinden. Als ich vor unser Haus kam, merkte ich an den dunklen Fenstern, dass meine Mutter schon schlief; mit einem heimkehrenden Hausgenossen schlüpfte ich ins Haus und auf meine kammer, und am Morgen tat meine Mutter die Augen weit auf, als sie mich unerwartet zum Frühstück erscheinen sah.

Ich bemerkte sogleich, dass in unserer stube eine kleine Veränderung vorgegangen war. Ein artiges Lotterbettchen stand an der Wand, welches die Mutter aus gefälligkeit von einem Bekannten gekauft, der dasselbe nicht mehr unterzubringen wusste; es war von der grössten Einfachheit, leicht und zierlich gebaut und statt des Polsters nur mit weiss und grünem Stroh überflochten und doch ein allerliebstes Möbel. Aber auf demselben lag ein ansehnlicher Stoss Bücher, an die fünfzig Bändchen, alle gleich gebunden, mit roten Schildchen und goldenen Titeln auf dem rücken versehen und durch eine starke vielfache Schnur zusammengehalten, wie nur eine Frau oder ein Trödler etwas zusammenbinden kann. Es waren Goetes sämtliche Werke, welche einer meiner Plagegeister hergebracht hatte, um sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten. Es war mir zu Mute, als ob der grosse Schatten selbst über meine Schwelle getreten wäre; denn so wenige Jahre seit seinem tod verflossen, so hatte sein Bild in der Vorstellung des jüngsten Geschlechtes bereits etwas Dämonisch-Göttliches angenommen, das, wenn es als eine Gestaltung der entfesselten Phantasie einem im Traume erschien, mit ahnungsvollem Schauer erfüllen konnte. Vor einigen Jahren hatte ein deutscher Schreinergeselle, welcher in unserer stube etwas zurechtämmerte,