ich für dich nicht tun! Und doch liebe ich dich von ganzem Herzen, und wenn du zum Beweis dafür verlangtest, ich sollte mir von dir ein Messer in die Brust stossen lassen, so würde ich in diesem Augenblicke ganz still dazu halten und mein Blut ruhig auf deinen Schoss fliessen lassen!" Ich erschrak sogleich über diesen Worten und entdeckte zugleich, dass sie nichts weniger als übertrieben, sondern ganz der Empfindung gemäss waren, die ich von jeher für Judit unbewusst getragen. Mit meinen Liebkosungen plötzlich innehaltend, liess ich die Hand auf ihrer Wange liegen, und in diesem Augenblicke fühlte ich eine Träne darauf fallen. Zugleich seufzte sie und sagte "Was tue ich mit deinem Blute! – Oh! nie hat ein Mann gewünscht, brav, klar und lauter vor mir zu erscheinen, und doch liebe ich die Wahrheit wie mich selbst!" Betrübt sagte ich "Aber ich könnte doch nicht dein ernstafter Liebhaber oder gar dein Mann sein?" – "Oh, das weiss ich wohl und fällt mir auch gar nicht ein!" erwiderte sie, "ich will dir auch sagen, was du von mir zu denken hast! Ich habe dich zu mir gelockt, erstens, weil ich wieder einmal ein wenig küssen wollte, was ich auch gleich hernach tun will, du bist mir dazu gerade recht! Zweitens wollte ich dich als ein hochmütiges Bürschchen ein wenig in die Schule nehmen, und drittens macht es mir Vergnügen, in Ermangelung eines andern, den Mann zu lieben, der noch in dir verborgen ist, wie ich dich schon als Kind gern gesehen habe." Mit diesen Worten packte sie mich und fing an, mich zu küssen, dass es mir gluteiss wurde und ich nur, um die Glut zu kühlen, ihre feuchten Lippen festalten und wiederküssen musste. Als ich Anna geküsst, war es gewesen, als ob mein Mund eine wirkliche Rose berührt hätte; jetzt aber küsste ich eben einen heissen, leibhaften Mund, und der geheimnisvolle balsamische Atem aus dem inneren eines schönen und starken Weibes strömte in vollen Zügen in mich über. Dieser Unterschied fiel mir so auf, dass mitten im heftigen Küssen Annas Stern aufging, eben als Judit mehr wie für sich flüsterte: "Denkst du nun auch an dein Schätzchen?" – "Ja", erwiderte ich, "und ich geh nun!" und wollte mich losmachen. "So geh!" sagte sie lächelnd, doch löste sie ihre weichen nackten arme auf eine so sonderbare Weise auseinander, dass es mir schneidend weh tat, mich frei zu fühlen, und eben wieder im Begriffe war, in dieselben zu sinken, als sie aufsprang, mich noch einmal küsste und dann von sich stiess, indem sie leise sagte "Nun pack dich, es ist jetzt Zeit, dass du heimkommst!" Beschämt suchte ich meinen Hut und eilte davon, dass sie laut lachte und mir kaum nachkommen konnte, um mir die Haustüre aufzumachen. "Halt", flüsterte sie, als ich davonlaufen wollte, "geh da oben durch den Baumgarten hinaus und ein wenig ums Dorf herum!" und sie kam mit mir durch den Garten in ihrem leichten Gewande, obgleich es regnete und stürmte, was vom Himmel heruntermochte. Am Gatter stand sie still und sagte "Hör einmal! ich sehe nie einen Mann in meinem haus, und du bist der erste, den ich seit langer Zeit geküsst! Ich habe Lust, dir nun erst recht treu zu bleiben, frage mich nicht warum, ich muss etwas probieren für die lange Zeit, und es macht mir Spass. dafür verlange ich aber, dass du jedesmal zu mir kommst, wenn du im dorf bist, in der Nacht und heimlich; am Tage und vor den Leuten wollen wir tun, als ob wir uns kaum ansehen möchten. Ich verspreche dir, dass es dich nie gereuen soll. Es wird in der Welt nicht so gehen, wie du es denkst, und vielleicht auch mit Anna nicht; das alles wirst du schon sehen; ich sage dir nur, dass du später froh sein sollst, wenn du zu mir gekommen bist!" – "Nie komme ich wieder!" rief Ich etwas heftig. – "Bst! nicht so laut", sagte sie; dann sah sie mir ernstaft in die Augen, dass Ich trotz Sturm und Dunkelheit die ihrigen glänzen sah, und fuhr fort "Wenn du mir Nicht heilig und auf deine Ehre versprichst, dass du wiederkommen willst, so nehm Ich dich sogleich wieder mit, nehme dich zu mir ins Bett, und du musst bei mir schlafen! Das schwöre ich bei Gott!" Es kam mir gar nicht in den Sinn, über diese Drohung zu lachen oder dieselbe zu verachten; vielmehr versprach ich, so schnell ich konnte, in Judits Hand, dass Ich wiederkommen wollte, und eilte davon. Ich lief daraufzu, ohne zu wissen wohin; denn der strömende Regen tat mir wohl; so war ich bald aus dem dorf und auf eine Höhe gekommen, auf welcher ich weiterging. Der Morgen graute und warf ein schwaches Licht in das Unwetter; Ich machte mir die bittersten Vorwürfe und fühlte mich ganz zerknirscht, und als ich plötzlich zu meinen Füssen den kleinen See und des Schulmeisters Haus erblickte, kaum erkennbar durch den grauen Schleier des Regens und der Dämmerung, da sank ich erschöpft auf den Boden und brach gar jämmerlich in Tränen aus. Es