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, Judit sagte "kommt herein, ich will noch einen Kaffee kochen!" und ich hineinging und sie die Haustüre fest hinter uns verriegelte, da klopfte mir das Herz wie mit Hämmern, während ich mich übermütig des Abenteuers freute und mich vermass, dasselbe zu meiner Ehre, aber verwegen zu bestehen. An Anna dachte ich gar nicht, mein wallendes Blut verfinsterte ihr Bild und liess nur den Stern meiner Eitelkeit durchschimmern; denn genau erwogen, wollte ich nur um meiner selbst willen meine Standhaftigkeit erproben. So stark ist die Selbstsucht, dass sie selbst da noch leuchtet, wo die reinste Liebe untergeht, und mit trügerischen Vorspiegelungen den Willen zu gängeln weiss. Doch darf ich mir gestehen, dass es im grund eine Art romantischen Pflichtgefühls war, welches mich unbefangen antrieb, keiner merkwürdigen Erfahrung auszuweichen. Auch verlor sich die unheimliche Aufregung, sobald Judit Licht angezündet und ein helles Feuer entflammt hatte. Ich sass auf dem Herde und plauderte ganz vergnüglich mit ihr, und indem ich fortwährend in ihr vom Feuer beglänztes Gesicht sah, glaubte ich stolz mit der Gefahr spielen zu können und träumte mich in die Lage der Dinge zurück, wie ich vor zwei Jahren noch ihr Haar aufund zugeflochten hatte. Während der Kaffee singend kochte, ging sie in die stube, um ihr Halstuch abzulegen und ihr Sonntagskleid auszuziehen, und kam im weissen Untergewande zurück, mit blossen Armen, und aus der schneeweissen Leinwand entüllten sich mit blendender Schönheit ihre Schultern. Sogleich ward ich wieder verwirrt, und erst allmählich, indem ich unverwandt sie anschaute, entwirrte sich mein flimmernder blick an der ruhigen klarheit dieser Formen. Ich hatte sie schon als Knabe ein- oder zweimal so gesehen, wenn sie beim Ankleiden nicht sehr auf mich achtete, und obgleich ich jetzt anders sah als damals, schien doch die gleiche Vorwurfslosigkeit auf diesem Schnee zu ruhen, auch bewegte sich Judit so sicher und frei, dass diese Sicherheit auch auf mich überging. Sie trug den fertigen Kaffee in die stube, setzte sich neben mich, und indem sie das herbeigeholte Kirchenbuch aufschlug, sagte sie "Seht, ich habe alle die Bildchen noch, die Ihr mir gezeichnet habt!" Wir betrachteten die komischen Dinger, eins ums andere, und die unsicheren Striche von damals kamen mir höchst seltsam vor, wie vergessene Zeichen einer unabsehbar entschwundenen Zeit. Ich erstaunte vor diesen Abgründen der Vergessenheit, die zwischen den kurzen Jugendjahren liegen, und betrachtete die Blättchen sehr nachdenklich; auch die Handschrift, womit ich die Sprüche hineingeschrieben, war eine ganz andere und noch diejenige aus der Schule. Die ängstlichen Züge sahen mich traurig an; Judit sah auch eine Zeitlang still auf das gleiche Bildchen mit mir, dann sah sie mir plötzlich dicht in die Augen, indem sie ihre arme um meinen Hals legte und sagte "Du bist immer noch der gleiche? An was denkst du jetzt?" – "Ich weiss nicht", erwiderte ich. "Weisst du", fuhr sie fort, "dass ich dich gleich, fressen möchte, wenn du so studierst, ins Blaue hinaus?" und sie drückte mich enger an sich, während ich sagte "Warum denn?" – "Ich weiss selbst nicht recht; aber es ist so langweilig unter den Leuten, dass man oft froh ist, wenn man an etwas anderes denken kann; ich möchte dies auch gern, aber ich weiss nicht viel und denke immer das gleiche, obschon mir etwas Unbekanntes im kopf herumgeht; wenn ich dich nun so staunen sehe, so ist es mir, als ob du gerade an das denkst, woran ich auch gern sinnen möchte, ich meine immer, es müsste einem so wohl sein, wenn man mit deinen geheimen Gedanken so in die Weite spazieren könnte! Oh, es muss einem da so still und klug, so traurig und glückselig zu Mute sein!" So etwas hatte ich noch niemals zu hören bekommen; obgleich ich wohl einsah, dass die Judit sich allzusehr zu meinen Gunsten täuschte, was meine inneren Gedanken betraf, und ich tief beschämt errötete, dass ich glaubte, die Röte meiner brennenden Wange müsse ihre weisse Schulter anglühen, an welcher sie lag so sog ich doch Wort für Wort dieser süssesten Schmeichelei begierig ein, und meine Augen ruhten dabei auf der Höhe der Brust, welche still und gross aus dem frischen Linnen emporstieg und in unmittelbarster Nähe vor meinem Blicke glänzte wie die ewige Heimat des Glückes. Judit wusste nicht, oder wenigstens nicht recht, dass es jetzt an ihrer eigenen Brust still und klug, traurig und doch glückselig zu sein war. Es dünkt mich, die Ruhe an der Brust einer schönen Frau sei der einzige und wahre irdische Lohn für die Mühe des Helden jeder Art und für alles Dulden des Mannes und mehr wert als Gold, Lorbeer und Wein zusammen Nun war ich zwar sechszehn Jahr alt und weder ein Held noch Mann, der was getan hatte; doch fühlte ich mich ganz ausser der Zeit, wir waren gleich alt oder gleich jung in diesem Augenblicke, und mir ging es durch das Herz, als ob ich jetzt jene schöne Ruhe vorausnähme für alles Leid und alle Mühe, die noch kommen sollten. Ia, dieser Augenblick schien so sehr seine Rechtfertigung in sich selbst zu tragen, dass ich nicht einmal aufschreckte, als Judit, in dem Gesangbuch blätternd, ein zusammengefaltetes Blatt hervorzog, es aufmachte, mir vorhielt und ich nach langem Sinnen jenes beschriebene und an Anna gerichtete Liebesbriefchen erkannte