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gebracht, dass die letzten nur eine notwendige Folge der ersten zu sein schienen und man glaubte, in den ungelehrten, aber phantasiereichen Volksherren die doktrinärsten Physiognomisten vor sich zu sehen. Mancher angesehene Mann ward hier zu einem lächerlichen oder unheimlichen Popanz umgeschaffen, dass er leibhaft zu sehen war, und selbst die Verteidigung desselben hätte etwas Demütigendes für ihn gehabt, wenn er sie gehört hätte. Wie in einer ganz anderen Welt war ich hier als bei dem Schulmeister; und doch fühlte ich mich gleich zu haus und schlürfte die starken und rücksichtslosen Redensarten, die spöttischen und wilden Einfälle ebenso andächtig ein wie die gewählten ruhigen Worte von Annas Vater, ohne deswegen den Verkehr mit diesem zu verachten. Ich schien mir dort ein anderer und hier ein anderer und doch immer der gleiche zu sein. Ich freute mich, dass mein Leben eine Seite um die andere vor mir auftat, und war stolz darauf, indem ich mir einbildete, dass diese lustigen Männer mich ihrer Gesellschaft würdig hielten und ihre Witze vor mir nicht zurückhielten. Mit Vergnügen dachte ich an den Schulmeister und wie ich fürder ernstaft und anständig mit ihm disputieren wolle, während ich doch noch von was anderm wüsste; denn es schien mir nun darauf anzukommen, nirgends ausgeschlossen zu sein und alles zu übersehen, in welchem Vorsatze ich mir unendlich klug vorkam und nicht bemerkte, dass meine Einsicht bereits hintergangen war und ich als ein rechter Knabe in den Schlingen der schönen Judit sass; denn ihrer Anwesenheit war ein guter teil meiner Behaglichkeit zuzuschreiben.

Die barmherzigen Brüder waren durch die Politik wieder rüstig und munter geworden und hatten die Flaschen wieder füllen lassen, obgleich Mitternacht lange vorüber, als Judit plötzlich aufbrach und sagte "Frauen und junge Knaben gehören nun nach haus! Wollt Ihr nicht mitkommen, Vetter, da wir den gleichen Weg haben?" Ich sagte ja, doch müsste ich erst nach meinen Verwandten sehen, welche wahrscheinlich auch mitkommen würden. "Die werden wohl schon fort sein", erwiderte sie, "denn es ist spät; wenn ich nicht darauf gerechnet hätte, dass ich mit Euch gehen könnte, so wäre ich auch längst fort." – "Oho!" riefen die Zecher, "als ob wir nicht auch da wären! Wir alle begleiten Euch! Das soll nicht gesagt sein, dass die Judit nicht Begleiter zur Auswahl habe!" brachen auf und sorgten, noch den frischen Wein unterzubringen, während Judit mir winkte und, auf dem Flur angekommen, sagte "Diese vier Heiden wollen wir schön anführen!" Auf der Strasse sah ich, dass der Saal, wo meine Vettern und Basen sich aufgehalten, schon dunkel war, und mehrere Leute bestätigten ihre Heimkehr. So musste ich der Judit folgen, als sie mich durch ein dunkles Seitengässchen ins Freie und durch einige Feldwege auf die Landstrasse führte, dass wir einen Vorsprung gewannen und die vier Männer hinter uns rufen hörten. Indem wir eilend weiterschritten, gingen wir um einige Spannen entfernt nebeneinander her; ich hielt mich spröde zurück, während mein Ohr keinen Ton ihres festen und doch leichten Schrittes verlor und begierig das leise Rauschen ihres Kleides vernahm. Die Nacht war dunkel, aber das Frauenhafte, Sichere und die Fülle ihres Wesens wirkte aus allen Umrissen ihrer Gestalt wie berauschend auf mich, dass ich alle Augenblicke hinüberschielen musste, gleich einem angstvollen Wanderer, dem ein Feldgespenst zur Seite geht. Und wie der Wanderer mitten in seiner Angst sein christliches Bewusstsein wachruft zum Schutze gegen den unheimlichen Begleiter, trug ich während des verlockenden Ganges einen geistlichen Hochmut der Sprödigkeit und der Unfehlbarkeit in mir. Judit sprach von den Männern und lachte über sie, erzählte mir unbefangen die Dummheiten, die der eine ihr gemacht, und fragte mich, ob Luna nicht eine alte Mondgöttin wäre? Wenigstens habe sie das immer vermutet, wenn sie jenes Lied in einem alten buch gelesen; es habe auch gut für den Schlingel gepasst. Dann fragte sie mich plötzlich, warum ich so stolz geworden sei und sie seit Jahren nie mehr angesehen, viel weniger besucht habe? Ich wollte mich damit entschuldigen, dass sie keinen Verkehr mit dem haus meines Oheims pflege und ich daher schicklicherweise nicht allein sie besuchen könne. "Ach was!" sagte sie, "Ihr seid ja auch noch mein Vetter und könnt mich von Rechts wegen wohl heimsuchen, wenn Ihr wollt! Damals, wo Ihr so jung gewesen, habt Ihr mich so gern gehabt, und Ihr seid mir immer ein wenig lieb; aber jetzt habt Ihr ein Schätzchen, in welches Ihr verliebt seid, und meint, keine andere Frau mehr ansehen zu dürfen!" – "Ich ein Schätzchen?" erwiderte ich, und als sie diese Behauptung wiederholte und Anna nannte, leugnete ich die Sache auf das bestimmteste. Wir waren unversehens beim dorf angekommen, in welchem noch viele Stimmen laut wurden und die jungen Leute über die Strasse gingen; Judit wünschte ihnen aus dem Wege zu gehen, und obgleich ich nun füglich meine Strasse hätte ziehen können, leistete ich doch keinen Widerstand und folgte ihr unwillkürlich, als sie mich bei der Hand nahm und zwischen Hecken und Mauern durch ein dunkles Wirrsal führte, um ungesehen in ihr Haus zu gelangen. Sie hatte ihre Äcker verkauft und nur einen schönen Baumgarten nächst dem haus behalten, in welchem sie ganz allein wohnte. Der genossene Wein erhöhte die Aufregung, in welcher ich mich befand, wie wir so durch die engen Wege hinschlüpften, und als, bei dem haus angekommen