Vereine zeigten, noch weniger, dass unsere heutigen Erlebnisse zehnmal schöner und bedeutsamer waren als alles, was diese lärmende Jugend hier geniessen konnte, und dass ich mich in der Erinnerung derselben reich und glücklich genug hätte fühlen sollen. Ich sah nur die Freude der Zwanzigjährigen, der Verlobten und Selbständigen, und masste mir ihr Recht an, ohne im mindesten zu ahnen, dass mein prahlerisches Blut, sobald ich Anna wirklich zur Seite gehabt hätte, augenblicklich wieder zahm und sittig geworden wäre. Es gereicht mir auch nicht zur Ehre, dass es ihrer leibhaften Gegenwart bedurft hätte, zur Bescheidenheit zurückzukehren. Doch als ich von meinen Vettern und Bekannten als ein verloren Geglaubter tapfer begrüsst und in den Strudel gezogen wurde, blendete mich das Licht der Freude, dass ich mich und meinen Arger vergass und der Reihe nach mit meinen drei Basen tanzte. Nach diesen tanzte ich mit einem fremden zierlichen Mädchen; allein ich erhitzte mich immer mehr, ohne zufrieden zu sein; die Lust, welche im ganzen soviel Geräusch machte, ging mir im einzelnen viel zu langsam und nüchtern vor sich. So freudestrahlend alle die jungen Leute dreinblickten, schien es mir doch nur ein matter Schimmer zu sein gegen den Glanz, der in meiner Phantasie wach geworden. Unruhig streifte ich durch einige Trinkstuben, die neben dem saal waren, und wurde von einer Gesellschaft junger Burschen angehalten, welche purpurroten Wein tranken und dazu sangen. Hier schien meine sehnsucht endlich ein Ziel zu finden, ich trank von dem kühlen Wein, dessen schöne Farbe meinen Augen sehr wohl gefiel, und fing leidenschaftlich an zu singen. Kaum hatte ein Lied geendet, so begann ich ein anderes, schlug ein rascheres Tempo an und erhob bei ausdrucksvollen Stellen die stimme, dass sie bald die anderen übertönte. Verwundert, dass der Duckmäuser aus der Stadt noch besser trinken und lärmen könne als sie, wollten die Burschen nicht zurückbleiben, wir feuerten uns gegenseitig an, ich sang und sang immerzu und bemerkte erst bei einem Rundgesange, wo ich eine Weile schweigen musste, dass sämtliche Bäschen durch die tür guckten und mich mit vergnügtem Erstaunen in meiner Gloria sitzen sahen. Sie lachten mir zu, winkten mir drohend, weil ich ihr Panier verlassen, und forderten mich auf, wieder zu tanzen. Aber ich war nun ein gemachter und angesehener Mann unter meinen Gesellen, ganz wie einst als Knabe, wo ich eine Zeitlang den Renommisten gespielt, und als einige davon sich wieder nach Mädchen umsahen, brach ich mit zwei wilden Jünglingen auf, das Städtchen zu durchziehen. Arm in Arm stürmte ich mit den gesunden Bauerssöhnen über die Strasse, wir gaben uns die lustigsten Redensarten zum besten, sangen und empfanden das reine und edle Vergnügen, welches entsteht, wenn Ungleiches sich eint und zu Gefallen lebt. Doch schon im nächsten Tanzhause, in welches wir traten, verlor ich einen um den andern meiner neuen Freunde, indem sie hier fanden, was sie wahrscheinlich gesucht hatten, und ich setzte allein, aber rastlos, meinen Streifzug fort. Hie und da schaute ich einen Augenblick zu, trank bei Bekannten ein Glas, erwiderte ungesäumt und etwas gesalzen die Spässe, die man an mich richtete, bis ich in eine stube kam, wo an einem grossen runden Tische noch vier von den barmherzigen Brüdern sassen. Zwei waren schon abgefallen und verschwunden; die hier sassen, hatten bereits ihren dritten Rausch hinter sich und befanden sich nun in jenem lässigen Zustande, in welchem erfahrene Zechbrüder einen lustigen Tag austönen lassen, wohlgeschliffene Witze machen und ihren Wein so trinken, als ob sie nicht mehr viel darum gäben, sich aber wohl hüten, schliesslich einen Tropfen stehenzulassen. Etwas entfernt von ihnen sass am gleichen Tische die Judit, welcher die Brüder der Sitte gemäss ein Glas geboten. Sie schien sich ganz allein bei dem Feste umgesehen zu haben und sich nun am besten zu gefallen, die Witze und Verfänglichkeiten dieser Herren schlagfertig zurückzugeben und sie in Respekt zu halten, wozu es keiner geringen Gewandteit und Kraft bedurfte. Sie sass ebenso lässig da, zurückgelehnt und halb abgewandt, und warf ihre Erwiderungen gleichmütig hin. Die Mönche hatten ihre Flachsbärte abgelegt und die gefärbten Nasen gewaschen; nur der älteste, welcher einen angehenden Kahlkopf und eine natürliche Feuernase besass, prangte noch mit dem hohen Rot derselben. Dies war der Unnützeste und rief mir zu, als ich vorübergehen wollte "Heda, Grünspecht! wo hinaus?" Ich stand still und erwiderte "Guter Freund! Ihr habt vergessen, den Zinnober von Eurer Nase zu wischen, wie die anderen Herren doch getan! Ich mache Euch hiemit aufmerksam, damit Ihr nicht etwa Euer Kopfkissen rot macht."
Das Gelächter der übrigen nahm mich sogleich in den holden Bund auf; ich musste mich setzen und ein Glas annehmen, worauf sie sagten "Und dennoch, könnt Ihr glauben, dass dieser Kerl es noch für nötig befunden hat, heute seine Nase zu schminken?" – "Das war freilich", erwiderte ich, "ebenso töricht, als wenn man eine Rose schminken wollte!"
"Und dazu viel gefährlicher", versetzte ein anderer, "denn eine Rose schminken heisst ein Werk Gottes verbessern wollen, und der liebe Gott verzeiht! Aber eine rote Nase schminken heisst den Teufel verhöhnen, und der verzeiht nicht!"
So ging es fort; sie verhandelten nun seinen Kahlkopf, wobei ich aber bald weit zurückblieb, indem sie über diesen Gegenstand allein wohl zwanzig verschiedene Witze machten, welche in der Phantasie die