Platz wurde jetzt geräumt, das sämtliche Volk, mit und ohne Kostüm, an die Seiten verwiesen und vor allen Fenstern, auf Treppen, Galerien und Dächern wimmelte die Menge. Bei der Stange gingen die beiden Wachen auf und ab, jetzt kam der Tell mit seinem Kanben über den Platz gegangen, von rauschendem Beifall begrüsst; er hielt das Gespräch mit dem kind nicht, sondern wurde bald in den schlimmen Handel mit den Schergen verwickelt, dem das Volk mit gespannter Aufmerksamkeit zusah, indessen Anna und ich nebst anderm zwingherrlichen Gelichter uns zur Hintertür hinausbegaben und zu Pferde stiegen, da es Zeit war, uns mit dem Gesslerschen Jagdzuge zu vereinigen, der schon vor dem Tore hielt. Wir ritten nun unter Trompetenklang herein und fanden die Handlung in vollem Gange, den Tell in grossen Nöten und das Volk in lebhafter Bewegung und nur zu geneigt, den Helden seinen Drängern zu entreissen. Doch als der Landvogt seine Rede begann, wurde es still. Die Rollen wurden nicht teatralisch und mit Gebärdenspiel gesprochen, sondern mehr wie die Reden in einer Volksversammlung, laut, eintönig und etwas singend, da es doch Verse waren; man konnte sie auf dem ganzen platz vernehmen, und wenn jemand, eingeschüchtert, nicht verstanden wurde, so rief das Volk "Lauter, lauter!" und war höchst zufrieden, die Stelle noch einmal zu hören, ohne sich die Illusion stören zu lassen. So erging es auch mir, als ich einiges zu sprechen hatte; ich wurde aber glücklicherweise durch einen komischen Vorgang unterbrochen. Es trieben sich nämlich ein Dutzend Vermummte der alten Sorte herum, arme Teufel, welche weisse Hemden über ihre ärmlichen Kleider gezogen hatten, ganz mit bunten Läppchen besetzt, auf dem kopf trugen sie hohe kegelförmige Papiermützen, mit Fratzen bemalt, und vor dem Gesicht ein durchlöchertes Tuch. Dieser Anzug war sonst die allgemeine Vermummung gewesen zur Fastnachtszeit und in derselben allerlei Spässe getrieben worden; er scheint von der löblichen Tracht herzurühren, in welcher einst die verurteilten Ketzer verhöhnt wurden und welche nachher in den Fastnachtsspielen sich erhielt. Die armen Kerle waren den neueren Spielen nicht grün, da sie in dieser seltsamen Maskierung sich Gaben zu sammeln gewohnt und daher für deren Erhaltung begeistert waren. Sie stellten gewissermassen den Rückschritt und die Verkommenheit vor und tanzten jetzt wunderlich genug mit Pritschen und Besen umher. Besonders zwei derselben störten das Schauspiel, als ich eben reden sollte, indem sie einander am Rückteile des Hemdes herumzerrten, welches mit Senf bestrichen war. Jeder hielt eine Wurst in der Hand und rieb sie, indem er sie ass, an dem Hemde des andern, während sie fortwährend sich im Kreise herumdrehten wie zwei Hunde, die einander nach dem Schwanze schnappen. Auf diese Weise tanzten sie zwischen Gessler und Tell vorbei und glaubten wunder was zu tun in ihrer Unwissenheit; auch erfolgte ein schallendes Gelächter, indem das Volk im ersten Augenblicke seinen alten Nücken nicht widerstehen konnte. Doch alsobald erfolgten auch derbe Püffe und Stösse mit Schwertknäufen und Partisanen, die erschrockenen Spassmacher suchten sich unter die Zuschauer zu retten, wurden aber überall mit Gelächter zurückgestossen, so dass sie längs der fröhlichen Reihen kein Unterkommen fanden und ängstlich umherirrten, mit zerzausten Mützen und furchtsam ihre Verhüllung an das Gesicht drückend, damit sie nicht erkannt würden. Anna empfand Mitleiden mit ihnen und beauftragte Rudolf den Harras und mich, den misshandelten Fratzen einen Ausweg zu verschaffen, und so wurde ich meiner Rede entoben. Dies störte übrigens nicht, da man gar nicht die Worte zählte und manchmal sogar die Schillerschen Jamben mit eigenen Kraftausdrücken verzierte, so wie es die Bewegung eben mit sich brachte. Doch machte sich der Volkshumor im Schosse des Schauspieles selbst geltend, als es zum Schusse kam. Hier war seit undenklichen zeiten, wenn bei Aufzügen die Tat des Tell auf derbe Weise vorgeführt wurde, der Scherz üblich gewesen, dass der Knabe während des Hin- und Herredens den Apfel vom kopf nahm und zum grossen jubel des Volkes gemütlich verspeiste. Dies Vergnügen war auch hier wieder eingeschmuggelt worden, und als Gessler den Jungen grimmig anfuhr, was das zu bedeuten hätte, erwiderte dieser keck "Herr! Mein Vater ist ein so guter Schütz, dass er sich schämen würde, auf einen so grossen Apfel zu schiessen! Legt mir einen auf, der nicht grösser ist als Euere Barmherzigkeit, und der Vater wird ihn um so besser treffen!" Als der Tell schoss, schien es ihm fast leid zu tun, dass er nicht seine Kugelbüchse zur Hand hatte und nur einen blinden Teaterschuss absenden konnte. Doch zitterte er wirklich und unwillkürlich, indem er anlegte, so sehr war er von der Ehre durchdrungen, diese geheiligte Handlung darstellen zu dürfen. Und als er dem Tyrannen den zweiten Pfeil drohend unter die Augen hielt, während alles Volk in atemloser Beklemmung zusah, da zitterte seine Hand wieder mit dem Pfeile, er durchbohrte den Gessler mit den Augen, und seine stimme erhob sich einen Augenblick lang mit solcher Gewalt der leidenschaft, dass Gessler erblasste und ein Schrecken über den ganzen Markt fuhr. Dann verbreitete sich ein frohes Gemurmel, tief tönend, man schüttelte sich die hände und sagte, der Wirt wäre ein ganzer Mann, und solange wir solche hätten, tue es nicht not! Doch ward der wackere Mann einstweilen gefänglich abgeführt, und die Menge strömte aus dem Tore nach verschiedenen Seiten, teils um anderen Szenen beizuwohnen, teils um sich sonst vergnüglich umherzutreiben. Viele blieben auch im Orte, um dem Klange der Geigen nachzugehen, welche