Wie können Sie sich unterstehen –", dabei hob er seine Mütze vom Boden auf, drehte sie krampfhaft zusammen und hatte nicht übel Lust, den Mann damit ins Gesicht zu schlagen. Zugleich riefen verschiedene Stimmen "Sein Sie ruhig, oder man wird Sie hinauswerfen!"
"Ich ersuche Sie, das bleibenzulassen, meine Herren!" sagte der Graf, welcher hereinkommend alles mit angesehen hatte, mit entschiedener stimme und trat neben Heinrich. "Wenn hier jemand", fuhr er fort, "keine Lebensart besitzt, so ist es jedenfalls nicht dieser junge Mann, und insbesondere verwahre ich mich dagegen, dass es deutscher Sitte gemäss sei, einen harmlosen Reisenden durch Tätlichkeiten zu belehren!"
Die Anwesenden hatten sich schon stillschweigend zurückgezogen, und der dicke Wirt, welcher vorhin keine Miene gemacht hatte, den Fremden in seinem haus zu beschützen, war in angstvoller Verlegenheit. Nur der Anführer der Beamtengesellschaft erwiderte mit unsicherer stimme "Wenn wir von einem Fremden die gebührliche achtung verlangen, so geschieht es in Rücksicht auf des Königs Majestät, dessen Stellvertreter wir sind."
"Es liegt schwerlich im Wunsche des Königs, dass seine Beamten sich hinter den Bierkrug lagern, um darüber zu wachen, dass jeder Reisende im land den Hut abzieht!" Damit fasste der Graf seinen Schützling unter den Arm und ging mit ihm hinaus.
Die Beamten liefen in grosser Verwirrung in der stube umher und ergriffen stumm und grimmig ihre Krüge; sie schämten sich nicht voreinander, sondern vor den Wirtsleuten, welche Zeugen ihrer Demütigung gewesen waren. Nur einer sagte "Das war wieder einmal wasser auf seine Mühle, da konnte er seine merkwürdigen Launen wieder auslassen! Schade, dass er mit seinem Spleen nicht in England zu haus ist!"
"Ich glaube, er würde noch lieber nach Amerika gehören", versetzte ein anderer mit pfiffigem Ausdruck. –
In dem alten Wagen, als derselbe auf der Landstrasse dahinfuhr, sassen die beiden Neubekannten anfangs schweigend und verstimmt. Heinrich aus guten Gründen; denn die leiseste Berührung einer fremden männlichen Hand in feindlicher Absicht jagt das Blut immer in eine heftige Wallung und hat schon oft genug Mord und Totschlag zur Folge gehabt; sein Begleiter hingegen mochte etwas ärgerlich darüber sein, dass er in so kurzer Zeit einen unscheinbaren Fremden wiederholt gegen die Ungezogenheit der eigenen Umgebung hatte schützen müssen, wozu noch die Ungewissheit kam, ob diese in Beziehung auf den inneren Wert des Schützlings wohl auch notwendig sei? Wie um sich hierin zu versichern, eröffnete er endlich das Gespräch, indem er Heinrich nach seinem Herkommen befragte. Als dieser erwiderte, dass er Schweizer sei und zum ersten Mal in Deutschland reise, versetzte der Graf "Und sind Sie überrascht durch die vorige Tölpelei, oder finden Sie irgendeine vorgefasste Meinung bestätigt?"
"Ich soll eigentlich nicht überrascht sein, wenn ich bedenke, dass jedes Volk seine eigenen Sitten hat, welche kennenzulernen der Fremde wohltut. Ich erinnere mich jetzt wirklich, dass in meiner Heimat dem Reisenden ähnliche Unannehmlichkeiten widerfahren, indem dort das Landvolk, wenn es von Begegnenden nicht gegrüsst oder sein Gruss nicht erwidert wird, dem Fehlenden Schimpf und Spott nachsendet. Dabei herrscht eine so genaue Etikette, dass der Ankommende oder Vorübergehende denjenigen, der an einer Stelle sitzt oder steht, zuerst begrüssen muss, wenn er nicht ausgescholten werden will."
"Da scheint mir aber doch eine schönere Sitte allgemeiner Freundlichkeit und Zutraulichkeit zugrunde zu liegen, als die tolle Respektwut unserer Honoratioren ist. Oder ist es vielleicht die gleiche moralische Triebfeder, indem Ihr Landvolk sich als republikanischer Souverän respektiert wissen will?"
"Durchaus nicht! Das Volk bei uns hat nicht nötig, sich seine Bedeutung durch solche Dinge zu vergegenwärtigen; es atmet seine Lebensluft, ohne daran zu denken; der Herzschlag seines politischen Lebens gehört ebensowohl zu den unwillkürlichen Bewegungen als derjenige seines physischen Körpers. Auch sind Leute, welche eine absolute persönliche Nichtsnutzigkeit und Hohlheit fortwährend durch ihren überkommenen Anteil an der bürgerlichen Souveränetät übertünchen wollen, nicht besonders angesehen. So mag es kommen, dass das Volk auf den Strassen den Postzug eines durchreisenden gekrönten Hauptes mit kindlicher Verwunderung begafft und, wenn es etwas recht Grosses und Reiches bezeichnen will, die Worte König und königlich so wohl anwendet wie alle übrige Welt, oft mit solcher Naivetät, dass der geschulte Demokrat sich darob ärgern mag."
"Wenn Sie hierin noch die glückliche Stimmung Ihres Volkes teilen, werden Sie sich also nicht unbequem fühlen während Ihres Aufentaltes in einer Monarchie?"
"Solange ich die Gewissheit habe, zurückzukehren, sobald ich will, wohl nicht. Indessen muss ich Ihnen gestehen, mein Herr, dass doch schon eine sonderbare Stimmung anfängt, sich meiner zu bemächtigen, und der heutige Auftritt machte dieselbe nur klarer. Es ist mir zu Mute, wie wenn irgendeiner zarten und bisher unberührten Saite meines inneren plötzlich Gewalt angetan wäre; jeder Stein, jeder Baum scheint hier einen Stempel zu tragen, noch neben dem der Gotteit und der natur. Jedes Postschild scheint mir zuzurufen Du musst dich auch zeichnen lassen wie ich, hier ist alles das erste und letzte Eigentum eines einzelnen Menschen! Und je weniger das Wort in Wirklichkeit wahr ist, besonders in einer gesetzlich eingerichteten Monarchie, desto mehr kommt es mir als ein unwürdiger Spass, als ein blauer Dunst vor, den man sich mit ernstaftem Gesicht vormacht; je weniger ich, wenn ich recht tue, nach jemandem zu fragen habe, desto lästiger ist es mir, wenn ich mich doch so anstellen soll