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du sie zuerst an dem Tage siehst, die Hand gereicht werde, wie es unter Christen gebräuchlich ist!" Ich näherte mich Anna, hielt meine Hand hin und sprach eine verworrene kleine Rede; ohne aufzusehen, gab sie mir die Hand, wobei sie die Nase ein bisschen rümpfte und ein wenig lächelte. Als ich hierauf mich aus der Laube entfernen wollte, begann Margot wieder: "Geduld, Herr Vetter! Es kommt nun der zweite Punkt, welcher zu erledigen ist." Sie schlug die Tücher, welche den Tisch bedeckten, auseinander und entüllte mein Bild Annas. "Wir wollen", fuhr sie fort, "nicht lange erörtern, wie wir zu diesem geheimnisvollen Werke gelangt, genug, es ist entdeckt, und wir wünschen nun zu wissen, mit welchem Recht und zu welchem Zweck harmlose Mädchen ohne ihr Wissen abkonterfeit werden?"

Anna hatte einen flüchtigen blick auf das bunte Pergament geworfen und sass ebenso verlegen und unruhig da, als ich beschämt und trotzig war. Ich erklärte, dass das Blatt mein Eigentum und ich keiner sterblichen Seele eine Verantwortung darüber schuldig wäre, gleichviel ob es ans Tageslicht getreten oder noch im verborgenen liege, wo ich künftig meine Sachen zu lassen bitte. Damit wollte ich meine Zeichnung ergreifen; allein die Mädchen deckten sie schleunig mit Leinwand zu und türmten die ganze Aussteuer darauf. Es könne ihnen nicht gleichgültig sein, sagten sie, ob ihre Bildnisse heimlich und zu unbekanntem Zwecke angefertigt würden. Ich müsste also bestimmt erklären, für wen ich besagtes Werk angefertigt habe oder was ich damit zu machen gedenke; denn dass ich es für mich behalten wolle, sei nach meinem bisherigen Verhalten nicht wohl anzunehmen, auch wäre dies nicht zu gestatten. "Die Sache ist sehr einfach", erwiderte ich endlich, "ich habe dem Schulmeister, Annas Vater, eine kleine Freude zu seinem Namenstage machen wollen und gedachte dies am besten durch ein Porträt seiner Jungfer Tochter zu erreichen; habe ich damit unrecht getan, so tut es mir leid, ich werde es nicht wieder tun! Ich kann vielleicht durch eine Abbildung seines Hauses und Gartens am See dem Herrn Vetter den gleichen Dienst leisten, mir verschlägt es nichts?"

Durch diese Ausflucht beraubte ich mich zwar selbst des Bildes, das mir auch der Mühe und Arbeit wegen lieb geworden war, zugleich aber schnitt ich der unbequemen Verhandlung den Faden ab, indem die Mädchen hiegegen nichts mehr einzuwenden wussten und meine aufmerksame Gesinnung für den Schulmeister noch zu loben veranlasst wurden. Doch beschlossen sie, das Pergament aufzubewahren bis zum bestimmten Tage, wo wir es sämtlich dem Schulmeister feierlich überbringen würden. So kam ich um meinen Schatz, verhehlte aber meinen Verdruss, indessen die kleine Caton, noch nicht zufrieden, wieder anfing "'Ihm verschlägt es nichts!' ob er das Haus zeichne oder Anna, sagte er! Was soll das wohl heissen?" Und Margot erwiderte "Das soll heissen, dass er ein hochmütiger Gesell ist, welchem ein Haus und ein schönes Mädchen gleich unbedeutend sind! Hauptsächlich aber soll es heissen Glaubt ja nicht etwa, dass ich das mindeste besondere Interesse an diesem Gesichtchen hatte, als ich es malte! Dies ist eine neue Beleidigung, und der armen Anna gebührt eine glänzende Genugtuung!" Margot zog nun ein zusammengefaltetes Blatt aus dem Busen, entfaltete es und beauftragte Lisette, es laut und feierlich vorzulesen. Ich war sehr begierig, was es sein möchte, Anna wusste ebenfalls nicht, was das bedeute, und sah ein wenig auf; nach den ersten Worten aber erkannte ich, dass es meine Liebeserklärung aus dem Bienenhause war. Es wurde mir kalt und heiss während des Lesens, Anna kam, soviel ich in meiner Verwirrung bemerken konnte, erst nach und nach auf die Spur, die übrigen Mädchen, welche anfangs übermütige und lachende Gesichter zeigten, wurden durch die Stille während des Lesens und durch die ehrliche Schönheit und Kraft jener Worte betroffen und beschämt, und sie erröteten der Reihe nach, wie wenn die Erklärung sie selber betroffen hätte. Indessen gab mir die Angst schon eine neue List ein, die Angst, welche ich vor dem Verklingen des letzten Wortes hatte. Als die Leserin schwieg, selbst in nicht geringer Verlegenheit, sagte ich so trocken als möglich "Teufel! das kommt mir ganz bekannt vor, zeigt einmal her! – Richtig! das ist ein altes Blatt Papier, von mir beschrieben!"

"Nun? weiter?" sagte Margot etwas verblüfft, denn sie wusste nun ihrerseits nicht, wo es hinaussollte. "Wo habt ihr das gefunden?" fuhr ich fort, "das ist ein Stück Übersetzung aus dem Französischen, das ich schon vor zwei Jahren hier im haus gemacht habe. Die ganze geschichte steht in dem alten vergoldeten Schäferroman, der im Dachstübchen liegt bei den alten Degen und Folianten; ich habe damals statt des Namens Melinde den Namen Anna hingesetzt zum Spasse. Hole einmal das Buch herunter, kleine Caton! ich will euch die Stelle französisch vorlesen."

"Hol einmal selbst, kleiner Heinrich, wir sind gerade gleich alt!" versetzte die Kleine, und die übrigen machten ganz enttäuschte Gesichter, da meine Erfindung zu natürlich und wahrhaft ansah. Nur Anna musste wissen, dass die Erklärung doch ausschliesslich an sie gerichtet war, weil sie allein an der Berufung auf das Grab der Grossmutter erkennen konnte, dass Stoff und Datum neu waren. Sie rührte sich nicht. So war nun der Inhalt des fliegenden