schien ihn ein allerliebstes Bologneserhündchen unterstützen zu wollen, welches, auf dem Tische umherlaufend, plötzlich vor seinem Teller ein Männchen machte. "Ach, sieh den kleinen Schelm!" rief die Dame mit kindlicher Freude; Heinrich hielt dem Tiere unwillkürlich ein Stückchen Kuchen hin, da rief sie dasselbe sogleich zurück, und als es nicht kam, ergriff sie es unwillig beim Pelze und setzte es vor sich hin. "Willst du wohl dableiben, du Landstreicher?" sagte sie, als der Graf hinzutrat und bemerkte "Aber, Emilie, tu doch den Hund vom Tisch, wir sind ja nicht allein!" Emilie aber entgegnete mit einer unnachahmlichen Unbefangenheit "Ach Gott, das arme Tierchen wird doch niemanden genieren?" Jetzt erst merkte Heinrich die neue Ungezogenheit und wollte diese übermütige person heimlich mit irgendeinem Schimpfworte bedienen, als die Kleine das Hündchen auf den Schoss nahm und mit ihren feinen Händchen in festen Banden hielt. Zugleich trat der Herr zu ihm und redete ihn an:
"Mein Herr, ich habe soeben von Ihrem Kutscher vernommen, dass wir den gleichen Weg reisen. Auch ich bin hierhergekommen, um mittelst der Post bis zur nächsten Eisenbahnstation zu gelangen. Da Sie aber ganz allein sind, so haben Sie vielleicht nichts dagegen, wenn ich mich zu Ihnen geselle? Denn ich ziehe die gemütliche Kutsche bei diesem Wetter dem dumpfen Postwagen vor; auch mein Gepäck, welches nicht beträchtlich ist, dürfte noch neben dem Ihrigen Platz finden."
Heinrich erwiderte etwas unbeholfen, dass er gar nichts zu verfügen hätte, indem es dem Kutscher freistände, so viel Passagiere aufzunehmen, als er unterbringen könne. Die grosse Dame hingegen rief "Du wirst dich doch nicht in den alten Rumpelkasten setzen wollen, mit dem schmutzigen Fuhrmann auf dem Bock? Nein, da dank ich dafür!"
"Wenn du ein Herz für mich hast, liebe Schwester", sagte der Herr, "so wünschest du mir vielmehr Glück dazu, dass ich einige Stunden lang die freie Luft und das schöne Wetter geniessen kann!"
"Gut, dass wir diesmal nicht mitreisen, sonst würdest du uns am Ende noch zwingen, mit einzusitzen!"
"Ebensowenig als ich euch zumuten würde, die Post zu gebrauchen!"
"Zur Strafe werden wir deine glorreiche Abfahrt aber auch nicht abwarten, sondern sogleich zurückfahren!"
"Das kann ich auch gern erlauben; denn dieser Herr und ich werden uns unmittelbar nach euch auf den Weg machen."
Während dieses Gespräches hatte sich zwischen Heinrich und dem jungen Dämchen ein artiger stummer Verkehr entsponnen. Das Hündchen auf ihrem Schosse blickte beständig nach dem Stückchen Kuchen hin, welches verlassen und unerreichbar auf dem Tische lag, das Mädchen langte danach, Heinrich anblickend, wie um Erlaubnis zu bitten, konnte es aber nicht erreichen, so dass er es ihr näher hinschob. Der Hund musste nun seine Künste machen, ehe er den Kuchen erhielt, Heinrich legte ein anderes Stück auf die neutrale Mitte des Tisches, von wo es das freundliche Kind wegholte, und so ging es fort, bis der Vorrat verzehrt war. Dabei hatte sie den Fremden nicht mehr angesehen, jedoch so laut und fröhlich zu dem Tierchen gesprochen und die hände so fest und traulich nach dem Backwerke bewegt, dass er sich wohl als zur Gesellschaft gehörig betrachten durfte, und er erwiderte auch diese Freundlichkeit durch die grösste Stille und Bescheidenheit. Als der Graf nun die Damen nach dem Wagen hinausführte, um dort von ihnen Abschied zu nehmen, grüsste die Kleine unter der tür Heinrich ganz allerliebst, und dieser machte dem unerwachsenen kind ein so ernstaftes Kompliment, als wenn er die ehrwürdigste Matrone vor sich gehabt hätte.
Indessen hatte sich im Gastzimmer eine Gesellschaft von sechs bis sieben Männern eingefunden, sämtlich mit runden vollen Gesichtern und blonden Schnurrbärten verschiedensten Schnittes. Sie trugen graue Jagdröcke mit grünen Aufschlägen, und einige waren mit Sporen versehen. Bald hatte jeder einen schäumenden Krug Bier vor sich, welches, nebst einer beabsichtigten Kegelpartie, auch der Hauptinhalt des lauten Gespräches war, aus welchem es sich weiter ergab, dass sämtliche Gesellschaft aus Gerichtsassessoren, Forstleuten, Steuerbeamten und dergleichen bestand; auch ein Physikus war dabei. Äusserlich konnte man sie nicht unterscheiden, weil alle gleich rüstig und forstmässig aussahen, und Heinrich betrachtete sie mit Wohlgefallen und gestand sich, dass diese sporenklirrenden Beamten in ihren Jagdtrachten sich keck und malerisch ausnähmen im Gegensatz zu den nüchternen und friedlichen Würdeträgern in den Dörfern seines Vaterlandes. Die Männer sprachen viel von Büchsen und Kugeln, und er schrieb ihnen deswegen auch einen gehörigen Verstand zu, von seiner Heimat her gewohnt, denselben meistens bei guten Schützen und wehrhaften Leuten zu finden. Über diesen Betrachtungen hatte er achtlos den Kopf bedeckt, um sich das Anlegen seines Mantels, das Bezahlen seiner Zeche und dergleichen bequemer zu machen, und näherte sich schon der tür, als einer der Herren vor ihn hintrat und ihm die Mütze vom kopf nahm mit den Worten "Wenn Sie nicht wissen, mein Herr, was hierzulande Sitte ist, so ist man genötigt, es Ihnen deutlich zu zeigen!" – Heinrich sah ganz verblüfft auf den Redner, dann auf die grossen Bierkrüge und in der braunen stube umher; seine Augen glitten aber ab von den höhnischen Gesichtern, auf welche sie trafen und die darauf hinwiesen, dass diese Szene das Resultat einer förmlichen, vorhergehenden Beratung war; denn alle Genossen des Angreifers standen im Kreise um ihn herum. Jetzt erst wurde er feuerrot und stammelte zornig "