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minder eingeprägt hatten, harmlos anwendend, Gestein und Bäume reichlich mit Moos, Wurzel- und Flechtwerk bekleidend. Das Beste davon waren noch die mannigfaltigen bewegten Lüfte; da ich von meiner hohen Warte aus ein weites Himmelsfeld beherrschte, so sah ich den ganzen Tag die Wolken kommen und gehen in allen Farben, und dies erregte in mir den Gedanken, eigene Luftstudien zu machen. Sooft ich daher eine schöne Wolkenmasse entdeckte, bildete ich sie schnell mit meinen Wasserfarben nach, indessen mich die kompakten und doch schmelzvollen Gebilde eine unbestimmte sehnsucht nach der Ölpalette empfinden liessen. Doch erreichte ich eine ziemliche Übung und begann den lebendigen Himmel zu verstehen; ich ging leidenschaftlich den tausend Reizen der Wolken nach, besonders wandelten meine Blicke friedevoll durch die tiefen plastischen Täler, über die weissen Höhen und um die sonnigen Vorsprünge und Abhänge dieser luftigen Gebirge herum, sie schlichen verwegen unter der schattigen blauen Basis hindurch, die ungeheure Ausdehnung in der scheinbaren Verkürzung ermessend. Als ich später hörte, dass diese Übung allerdings ein sehr eifrig gepflegter Weg landschaftlicher Kunst sei, war ich nicht wenig stolz darauf, in meiner Abgeschiedenheit von selbst darauf verfallen zu sein, wie ich überhaupt erfuhr, dass das Bedürfnis solche Hilfen immer selbst erfindet und die allgemeine Wahrheit sich in jedem abgeschiedenen, aber lebendigen Bestreben Bahn bricht.

Erst jetzt, als die erste Begierde nach Staffelei und umfangreichen Flächen gestillt war, gewann es neuen Reiz für mich, daneben kleine saubere und zierliche arbeiten auszuführen, und ich hatte immer einen idyllischen Gedanken in Bereitschaft, welchen ich in kleinem Umfange mit bunten und glänzenden Farbentönen aufs sorgsamste ausführte, im Gegensatze zu den grösseren verwegenen Unternehmungen. Diese doppelte Art der Tätigkeit entsprach einem natürlichen Bedürfnisse und mochte als ein weiterer Beweis gelten, dass sich solches immer von selbst ausbildet und hilft, wo es nicht durch einseitige Schule gehindert wird.

Ich war nun ganz mir selbst überlassen, vollkommen frei und unabhängig, ohne die mindeste Einwirkung und ohne Vorbild noch Vorschrift. Ich knüpfte abwechselnden Verkehr an mit jungen Leuten, an denen mich ein verwandter Hang oder ein freundliches Eingehen anzog, am liebsten mit ehemaligen Schulgenossen, die in der Zeit ihre Studien fortsetzten und mir, mich in meiner Klause besuchend, getreulich Bericht erstatteten von ihren Fortschritten und von allem, was in den schulen vorkam. Diese gelegenheit benutzte ich, noch ein und andere Brocken aufzuschnappen, und sah öfter schmerzlich durch die verschlossenen Gitter in den reichen Garten der reiferen Jugendbildung, erst jetzt recht fühlend, was ich verloren. Doch lernte ich durch meine Freunde manches Buch und manchen Anknüpfungspunkt kennen, von wo aus ich weitertappte am dürftigen Faden, und das Gefundene verschmelzend mit dem phantastischen Wesen meiner Abgeschiedenheit, gefiel ich mir in einer komischen, höchst unschuldigen Gelehrsamkeit, welche meine Beschäftigungen seltsam bereicherte und vermehrte. Ich schrieb am frühen stillen Morgen oder in später Nacht hochtrabende Aufsätze, begeisterte Schilderungen und Ausrufungen und war besonders eitel auf tiefsinnige Aphorismen, die ich, mit Skizzen und Schnörkeleien vermischt, in Tagebüchern anbrachte. So glich meine Zelle, in welcher sich gesuchte Gegenstände und Zieraten immer mehr anhäuften, dem kochenden Herde eines Hexenmeisters oder Alchimisten, auf welchem ein ringendes Leben gebraut wurde. Das Anmutige und Gesunde und das Verzerrte und Sonderbare, Mass und Willkür brodelten durcheinander und mischten sich oder schieden sich in Lichtblicken aus.

Und ungeachtet meines äusserlich stillen Lebens trat doch manche frühe Trübung hinzu, welche mich sorgenvoll oder leidenschaftlich bewegte. Mein Trieb, mich zu unterrichten und zu unterhalten, und meine Sammlungslust führten mich überallhin, wo alte Bücher, Kupferstiche und sonstige Dinge zu kaufen waren; denn die Bücher meines Vaters, deren Hauptzierde Schiller war, hatte ich längst, soweit sie mir verständlich, durchgelesen und zu eigen gemacht, und selbst das Unverständliche übersetzte ich in eine eigens erfundene fabelhafte Wissenschaft, mit Worten spielend; Kupferstiche aber, wenn ich sie sah, reizten mich zum Besitz und bildeten überdies fast die einzige äussere Hilfsquelle für mich, so dass ihre Erwerbung mir Pflicht schien. Unsere Stadt zeugte in einer Menge alter guter Sammlungen von Büchern und Kupferstichen, welche für wenig Geld fast unerschöpflich in Winkeln und Magazinen zu finden waren, dass in den guten Häusern, aus welchen sie herrührten, in der vergangenen Zeit grosse Bildung gepflegt worden sei. Je mehr ich in Büchern und Bildwerken mich zurechtfand und mir was zugute tat, in Namen und Zeit bewandert zu sein, desto eifriger wurde meine Besitzlust; ich kaufte anfänglich manches für meine wenige Barschaft, dann entdeckte ich den verführerischen Ausweg schon früh, zu wählen und zu bestellen und sich, von der Bereitwilligkeit der Handelsleute unterstützt, reichliche Sendungen zuschicken und grössere Rechnungen anlegen zu lassen. Diese waren nun bei alledem nie sehr bedenklich, und der Name meiner sparsamen Mutter gab mir einen guten Kredit. Allein da ich für mich allein handelte und meine Einkäufe selbst bezahlen wollte durch verkaufte arbeiten, diesen Verkauf aber nicht einmal versuchte und vor dem Augenblicke scheu zurückwich, wo ich jemanden etwas antragen sollte, ohne was doch kein Anfang denkbar war, blieben meine Rechnungen so lange unbezahlt, bis es den Antiquaren und wunderlichen Trödelleuten endlich auffiel und sie mich durch höfliche Briefe mahnten. Dadurch geriet ich in tausend Ängsten, dachte aber nur unbestimmt auf Abhilfe, bis diese Mahnungen mir nicht mehr schrecklich waren. Dann erschienen meine Gläubiger mit feierlich langgezogenen Gesichtern unversehens im haus, meine Mutter erschrekkend und mir selbst nun streng und unheimlich vorkommend, die mich sonst so freundliche bejahrte Leutchen gedünkt hatten. Diese Umwandlung der sonst so harmlosen Persönlichkeiten durch