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.. aber..

Aber?

Lieblicher ist der deutsche Wald!

Was lieblicher!

Sieh, bei uns unter den riesenhohen Bäumen mit dem roten Holze und den ellenlangen Nadeln, wer kann da lustwandeln? Überall Stämme, deren Wurzeln hoch aus der Erde herausstehen und quer über Das hinweglaufen, was ungefähr wie ein Weg aussieht und doch keiner ist! Dazwischen ganze Bäume, die während der Überschwemmung des Missouri ausgerissen wurden und hoch in den Zweigen der andern stecken blieben, wo sie jeden Augenblick niederstürzen können; der fürchterlichen Steine garnicht zu gedenken, die von uraltem Moos zerfressen überall umherliegen und die ganze Ordnung so einer friedlichen Baumgruppe stören. Sieh nur, Vater, wie die Sonne so heiter durch das Hellgrün der Buchen schimmert! Bei uns dringt die Sonne garnicht durch oder fällt nur von oben so geheimnissvoll herab, dass man sich nach dem feld hinaussehnt, wo sie frei scheint. Und auch dort, gesteh's nur, Vater, was hat man als die unabsehbar grosse Prairie, die wie ein grünes Meer ist, endlos, unheimlich und recht melancholisch!

Da sehen Sie es, sagte Ackermann nach dieser gewandten Schilderung, die Dankmarn überraschte und fast erschrecken liess, dass er den gebildeten Knaben ohne Weiteres mit Du angeredet hatte; da sehen Sie's, Selmar hat es darauf angelegt mich hier zu behalten. Wie gefiel ihm nicht das abscheuliche London, das garstige Hamburg! Gestern auf dem Schlossberge oben bekam er Gefühle, wie ein junger, unter Klosterruinen erzogener Siegwart! Ein Amerikaner! Ein praktischer Verstandesmensch! Schäme dich!

Selmar lachte. Er hatte es schlau angefangen. Erst den Vater durch ein Lob Amerika's gewonnen und dann doch seine Meinung gesagt.

Dankmar hörte schweigend zu. Er lächelte mit Wohlgefallen und Überraschung. Die gebildeten Äusserungen des Knaben, der freundliche Scherz des geistreichen, plötzlich so fein und unterrichtet sich ausdrückenden Vaters erfreute ihn innigst.

Der Träumer trifft dich, Vater, sagte jetzt Selmar, liess den unruhig zappelnden Bello wieder laufen und hüpfte zu Ackermann heran, ihn zärtlich umfangend.

Wie so mich?

Er trifft dich, Vater! Besinne dich nur auf Gestern! Erst wolltest du nicht hinauf auf's Schloss, weil du wohl dachtest, da fallen mir all' die schönen Mährchen und Geschichten ein, mit denen du und die Mutter mich in der langen trüben Regenzeit in Columbia unterhieltest! Weisst du noch die Sagen vom Kynast, vom Falkenstein, vom Kyffhäuser und vom Drachenfels? Immer zanktest du, wenn die Mutter von diesen Geschichten anfing, und sagtest: Lass das dumme europäische Zeug! Wenn aber die Mutter doch erzählte und nicht recht weiter konnte oder eine Sage nicht mehr recht im Zusammenhange wusste, fielst du ein und erzähltest mehr als sie.

Ja, ja! Aber oben ..... was ist oben auf dem schloss gewesen?

Verstell' dich nicht! Wie du oben an dem schloss warst ... rührte dich Alles, der kleine Pavillon im Garten, die Grotte, die kleinen Wasserfälle, die du, um nur spotten zu können, kleine Fingerhut-Niagaras nanntest; Und mit der alten Beschliesserin und dem weisshaarigen Gärtner, mit dem besonders, hast du gesprochen, als wenn sie Kuno und Kunigunde hiessen und seit tausend Jahren da wohnten ....

Brigitte, heisst die Alte, Kind! Das ist ein ganz romantischer Name! Aber du irrst, mein Junge, die taten mir's nicht an. Jedes dritte Wort war ein Bibelvers. Das können wir in Philadelphia auch haben. Ja! Das war's, was mich ergriff, Kind, die Erinnerung an Philadelphia .....

O du entkommst mir nicht! sagte der liebliche Knabe, immer zärtlich und dem Vater so treu ins Auge blickend, dass im Vaterauge wirklich eine Träne der Rührung quoll; gestern hast du beim Anblick des Schlosses oben eher an die Hängematte eines Negers gedacht, als bei den beiden alten Leuten, die es hüten, an Philadelphia!

Junge, was soll der Herr da von deinem Geschmack denken? Das alte Rococo-Möbel.. im Commodenstyl! Wie kann uns das an deutsche Sagen erinnern!

Erzähltest du nicht von der alten geschichte des Hauses Hohenberg? Und von den Grafen Bury, die mit ihm verwandt sein sollten? Und dir gefiel auch das alte Möbel mit seinem geschnörkelten Eisengitter, den vergoldeten Namenszügen und den wunderlichen Fratzen über den Fenstern! Und wie du erst hineintratest in den Hof.. oben war bunte fröhliche Gesellschaft,.. da schautest du in die Fenster so nachdenklich, so feierlich, als wolltest du dir schon die Stelle aussuchen, wo du deine Bücher hinstellen könntest, hier die deutschen, da die englischen und französischen, und wie du hinaufblicktest auf die Krone, die über dem Giebel des Portales schwebte, da dachtest du dir gewiss: da setz' ich meinen durchbrochenen Himmelsglobus hin und betrachte mir von seinem inneren aus in schönen Winternächten die Sterne.

Wenn keine Krähen drin nisten! sagte Ackermann und fuhr nach einer Weile fort: Du bist ein Phantast! Man sieht, dass du von deutschen Ältern stammst und deutsche Ältern ihre eigne Heimatssehnsucht in dich hineingeseufzt haben. Im Gegenteil! Ich habe Mitleid mit Denen, die sich da oben hinpflanzten und Einsiedler sein wollten. Reuige Menschen zogen oft in die Wüste, aber sie nahmen keinen Spiegel mit, der dazu dienen sollte, sich doch immer noch selbst nicht zu vergessen. Taten sie