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wechselte er das Papier in pures blankes Gold.

Die Schwester des Schmieds? wiederholte Dankmar, erfreut durch die ermutigte und gesammelte Antwort und den gutmütigen Zug des Vaters. Also eine Schwester hat der Schmied? Er ist blind, sein Sohn taub, was muss da wohl die Schwester für ein Gebrechen haben?

Das Alter, hör' ich; sagte der Knabe lächelnd.

Das Alter! .... wiederholte Dankmar.

Die Antwort gefiel ihm. Er schaute ganz betroffen auf, vergrösserte die Augen und hätte fast Brav, mein Junge! gesagt.

Der Knabe aber, seine angenehme Erregung übersehend, fuhr harmlos fort:

Sie sollte erst in die Schmiede kommen, dass wir ihr hier ihren Anteil auch auszahlten und das schwere Geld loswürden. Aber sie soll seit Jahren ein Gelübde getan haben, nicht weit vor die Tür zu gehen und so müssen wir ihr's nun wohl selbst bringen .....

In diesem Augenblick rief vom inneren der Schmiede her eine starke sonore stimme:

Selmar!

Dem nun aufspringenden Knaben trat sein Vater entgegen. Wie dieser Dankmarn erblickte, sagte er freundlich:

Sie waren sehr rücksichtsvoll, mein Herr! Wie rasch Sie sich entfernten! Ja, ja! Der Blinde oben ist ausser sich, dass Sie uns da so plötzlich überrascht haben. Diese Leute wollen um jeden Preis etwas besitzen, es aber um's Himmelswillen Niemanden sehen lassen.

Er kann schon sicher sein, sagte Dankmar, dass ich weder, was ich sah, noch was mir mein kleiner Freund Selmar erzählte, ausplaudern werde .....

Dankmar benutzte die gelegenheit, zu bemerken, dass er endlich den Namen des jungen Ackermann erobert hätte.

"Freund Selmar!" "Ausplaudern!" Diese Worte schienen einen Eindruck auf den Vater zu machen. Er warf einen eigenen verlegenen blick auf sein Kind.

Selmar fasste ihn unterm Arm. Beide schickten sich an die Schmiede zu verlassen.

Sie kommen aus Amerika! sagte Dankmar, sich anschliessend und die fortdauernde Verlegenheit des Vaters nicht bemerkend. Sind die Amerikaner denn auch so wunderlich in Geiz, Habsucht und Verstellung und unsern andern versteckten europäischen Lastern?

Ackermann antwortete im Gehen lächelnd:

Der Amerikaner trägt gern offen zur Schau, was er besitzt, prahlt auch wohl ein wenig .... aber die schnöde Furcht des Besitzes ist selten. Findet sich dies Laster, so ist es aus Europa mit hinübergebracht.

Wie bei Morton? Nicht wahr? sagte Selmar.

Dem Vater schien Selmar fast mit Dankmarn schon zu vertraut geworden. Er blickte Dankmarn wiederholt an und schien sich zu überlegen, ob sein Sohn gut getan hätte, sich dem jungen Fremden schon so weit zu vertrauen, dass er von einem gewissen Morton sprach .....

Morton? wiederholte er und schwieg.

Die Stimmung, die durch diesen wiederholten Namen und das plötzliche Stillschweigen des Vaters zwischen allen Dreien entstand, löste der junge Zeck, den Dankmar jetzt erst hinter ihnen bemerkte.

Dahin wohnt die Tante! sagte er und zeigte dem wald zu.

Er sah dabei Dankmarn stutzig an und schien fragen zu wollen, ob dieser zu der Partie gehören dürfe .....

Alle Vier waren aber schon auf dem Wege und der Fusssteig von hier nach dem wald zu gehörte zuletzt Jedem.

Dankmar, der sich nicht irre machen liess, gab wohl die Frage nach dem Geizhalse Morton auf, bemerkte aber, zu Ackermann gewandt und innerhalb der Grenze erlaubter Neugier:

Sie sind in Deutschland geboren? Vielleicht schon früh ausgewandert?

Vor einigen zwanzig Jahren! sagte der Fremde und blickte sich nach Selmar um, der sich eben von ihm getrennt hatte. Diese Trennung galt Bello, auf den der Knabe sich schon soviel Einfluss zutraute, dass er diesen von dem Unmut beruhigte, der ihn wieder beim Anblick des jungen Zeck befiel.

Ich habe mich in der Union drüben viel herumgetummelt, sagte dieser sogenannte Ackermann, bis ich endlich am Missouriflusse in dem Städtchen Columbia mich niederliess. Mein Weib, das ich aus Deutschland mitgeführt hatte, starb vor noch nicht lange und hinterliess mir da den spät gebornen Jungen. He Selmar! Selmar! Lass doch dem Tierchen seine Freude! Der Junge ängstigt sich.. Sie wissen wohl, in Amerika bellen die Hunde nicht..

Der taube Zeck öffnete ein Stacket, durch das man erst zu einer Wiese und dann zum frisch sie anwehenden wald gelangte. Er blieb, als Selmar und sein Vater passirt waren, stehen und machte eine hämische Miene, indem er in der den Tauben eigenen leisen Art, aber dummdreist, zu Dankmarn sprach:

Wir gehen aufs Jägerhaus!

Dankmar achtete nicht.

Aber auch Ackermann schien Dankmar's weitere Begleitung nicht vorauszusetzen und blieb stehen, wie wenn man sich empfehlen wollte .... Selmar aber hatte den lahmen Bello aufgegriffen und ihn mit den Worten: Armes Tierchen, das Laufen wird dir schwer; ich trage dich! an die Brust gedrückt und war ohne Rücksicht auf den Vater und den Fremden schon ein Stückchen Weges weiter gegangen.

Kinder und Tiere bringen die Menschen zusammen! dachte Dankmar und schritt über die Wiese getrost mit zum Wald hinüber.

Vater, sagte Selmar sich umwendend, so mächtig wie unser Büffelforst ist ein deutscher Wald doch nicht!

Das wollt' ich meinen, Junge! antwortete der Vater, der sich in Dankmar's Begleitung nun ergab. Hast du das Stacket bemerkt? Kein Jagdgesetz hegt unsern Urwald ein!

Wohl Vater ..